So viel steht fest: 2019 wird ein Jahr des Ostens. Das allerdings versteht man im Westen inzwischen als Drohung. Einerseits, eigentlich wunderschön, jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Andererseits ist der innere Zusammenhalt so sehr gefährdet wie noch nie nach 1990: Denn es wird gleich mehrere Wahlen im Osten geben, die das Potenzial haben, die Republik extrem zu polarisieren.

Anfang September wählen die Sachsen und die Brandenburger einen neuen Landtag, Ende Oktober die Thüringer. Und in allen drei Fällen macht sich die AfD Hoffnungen, sehr gut abzuschneiden, vielleicht sogar stärkste Kraft zu werden. Und zur Europawahl im Mai könnte die AfD im Osten ein so starkes Ergebnis einfahren, dass die ganz große Ossi-Obsession ausbrechen wird: Was ist bei "denen" nur kaputt? Wieso sind "die" immer noch undankbar und zänkisch – im 30. Jahr der Einheit?

Wie das dann wiederum viele Ostdeutsche finden, die sich schon nach den Vorfällen von Chemnitz generalpathologisiert fühlten – das kann man sich denken. Es ist also alles angerichtet für ein Superwahljahr der tiefen Gräben.

Die Frage ist, ob man sich dem hingeben muss. Sich der Untergangslust auszuliefern würde nur einer Seite helfen: der AfD. Denn wenn diese Partei auf etwas hinfiebert, dann auf zehn Monate, in denen alle kopflos sind: eine Republik, die von Erregung zu Erregung hechelt. Als wäre ein AfD-Sieg im Osten unvermeidlich. Und als wäre die AfD nur ein Problem des Ostens. Beides ist nicht der Fall.

Deshalb empfiehlt sich: einmal tief durchatmen. Wie wäre es im Umkehrschluss, wenn man sich der schlechten Laune einfach verweigerte? Denn das, was die Deutschen 2019 zu bewältigen haben, ist keine Mission der Ossis allein. Die Frage, die sich dem Land jetzt stellt, ist viel größer als die, ob Sachsen irgendwann von der AfD regiert werden könnte (wovor die meisten Sachsen übrigens auch gern bewahrt würden). Worum es wirklich geht, ist dies: Finden Volk und Politik in ganz Deutschland wieder zueinander? Von jetzt an läuft das Experiment, ob Deutschland die Wut in den Griff bekommt. Oder, positiv gedreht: Wenn der Populismus dort, wo er besonders stark ist – in Sachsen, Brandenburg und Thüringen –, geschlagen werden kann, dann kann er überall geschlagen werden. Dass auch der Westen sich neuerdings infrage stellt, ist der beste erste Schritt: Was waren die Fehler der Neunziger? Hat die Treuhand nicht ziemlich viel falsch gemacht? Was macht es mit ostdeutschen Städten, wenn die Häuser dort in erster Linie Westdeutschen gehören? Die Ostdeutschen sind froh, dass all das endlich diskutiert wird. Wenn das Land beginnt, mit seiner inneren Verschiedenheit zu leben, statt den Osten immer nur anpassen zu wollen, wird die Einheit endlich lässig.

Die Fragen nach dem Besonderen im Osten dürfen dann aber nicht dazu führen, dass mögliche Wahlerfolge der AfD am Ende doch wieder nur auf eine Nachwende-Macke reduziert werden. Wenn jetzt die westdeutsche Politik – von Robert Habeck bis Annegret Kramp-Karrenbauer – versucht, die Ostseele zu ergründen, wächst die Gefahr einer neuen Bevormundung: als müsse man den Ossis nur freundlich über den Kopf streicheln, und dann werde das schon wieder mit der Wut. Eben nicht: Die AfD wird von vielen Ostdeutschen gewählt, weil sie das Gefühl haben, diese Partei bringe ihre Sprache nach Berlin, diese Partei kümmere sich um ihre Themen, zum Beispiel in Fragen von Migration und innerer Sicherheit. Mag sein, dass vielen Ostdeutschen das überdurchschnittlich wichtig ist. Aber auch im Westen wächst die Skepsis gegenüber staatlichen Institutionen, gleichzeitig wählen die Leute heute dies und morgen jenes, sinkt die Parteibindung. Die Unsicherheit sickert ins ganze Land, der Osten war nur früher dran.

Im Osten lässt sich jetzt beobachten, welcher Wahlkampf unter Wütenden funktioniert: Wird zum Beispiel Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) in Sachsen mit seiner Strategie Erfolg haben, auch noch den letzten Empörten persönlich zu treffen und mit ihm zu diskutieren – mit seiner Strategie der maximalen Erlebbarkeit von Politik also? Wenn ja: Was spricht dagegen, das auch im Westen zu probieren?

Drei Wahlen im Osten. Dreimal Panik? Eher drei Chancen für alle, zu zeigen, was sie können. Am 9. November, am Tag des Mauerfalls, ist alles vorbei. Vielleicht, wer weiß, wird das ja doch ein Festtag der Demokratie.

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