Die Winterpause schadet dem Image der Bundesliga. Denn seit es problemlos möglich ist, über Streamingdienste im Internet Partien ausländischer Ligen zu verfolgen, führt die hier spielfreie Zeit rund um den Jahreswechsel den Fußballfreund in Versuchung, alle paar Tage mal wieder in Englands Premier League reinzuschauen. Und siehe da: All den ergreifenden Lobeshymnen auf die aktuelle Saison in Deutschland zum Trotz, wonach die Spannung in der Bundesliga gestiegen, der Offensivgeist erwacht sei – was in englischen Stadien aufgeführt wird, ist ein anderer Sport. Die Spiele sind so intensiv, das Tempo ist so hoch, der Impuls, nach jedem Ballgewinn wieder eine neue Torchance herauszuspielen, für die Mannschaften so unwiderstehlich, dass man wirklich sehr schnelles Internet braucht, um überhaupt folgen zu können.

Das gilt fast ohne Ausnahme, sobald eines der fünf besten Teams beteiligt ist. Jürgen Klopps FC Liverpool macht die Pace, aber auch in den Begegnungen, die Tottenham, Arsenal, Chelsea oder Manchester City zuletzt sogar verloren, wurde noch mit einer Rasanz gerungen, die man aus der Bundesliga nur von Ausnahmen kennt. Vor allem der ständige Angriffsmut steht in groteskem Kontrast zu der Haltung, die etwa den Schalke-Trainer Domenico Tedesco leitet. Dieser Freund der Sicherheit bekannte neulich, dass ihn regelmäßig bei der Aufstellung die Frage quäle: "Wie viele Spieler opferst du für die Offensive?" Als stelle das Aufbieten von Stürmern ein lästiges Opfer dar.

Das alles hat nicht nur mit Geld zu tun. Den Unterschied erklären nicht nur die Mittel, dank derer englische Clubs bessere Spieler für höhere Transfersummen erwerben können. Auf die Frage nach der höheren Intensität des Fußballs lieferte Jürgen Klopp eine interessante Erklärung, die mit dem Verhalten der Zuschauer zusammenhängt. "In Deutschland wird über die gesamte Spielzeit konstant gesungen. Hier sind die Leute viel mehr im Spiel", sagte der Liverpool-Coach. "Das bedeutet aber auch, wenn im Spiel nichts passiert, dass es mal richtig ruhig sein kann. Das ist nicht besser oder schlechter – es ist eben anders."

In Deutschland hat sich der scheinbar fröhliche Dauergesang der Ultra-Fans, die es in England nicht gibt, vom Spielverlauf abgekoppelt. Die Atmosphäre bestraft selten einmal langweiliges Spiel. Akteure und Publikum treten nicht in Interaktion. Der monotone Chorgesang übertönt jeden Anflug von Unzufriedenheit ebenso wie echte Begeisterung. In der Premier League dagegen übt die Stadionatmosphäre unmittelbar Druck aus. Ein kurzes kollektives Murren kann schon bedrohlich wirken und zu neuem Angriffsschwung antreiben. Dass ein Team, in Führung liegend, das Spiel nur verwaltet, wird dort nicht länger als ein paar Sekunden geduldet. Was kann man tun? Niemand könnte den Ultras das Singen verbieten. Aber man sollte ihnen sagen, dass sie irren, wenn sie ihre permanenten Forderungen im Zusammenhang mit Anstoßzeiten, Brandfackeln oder Strafen für Randalierer stets mit dem Argument verbinden, sie seien schließlich als Stimmungsmacher unverzichtbar. Ihre Art Stimmung ist außergewöhnlich, aber nicht immer großartig.