Wären nicht Wladimir Putin und seine Sanktionen gewesen, Oleg Sirota hätte sich womöglich für Krieg statt Käse entschieden, Sirota ist sich heute selbst nicht so sicher.

Oleg Sirota, 31 Jahre alt, schlichtes Hemd und weite Baumwollhose mit Hosenträgern, führt stolz über seinen Hof etwa 45 Kilometer außerhalb von Moskau. Ein freundlicher, jovialer Mann, der Medienvertreter aus aller Welt empfängt, weil er eine Geschichte zu erzählen hat: wie Wladimir Putin 2014 mit der Entscheidung, den russischen Markt für viele westliche Agrarprodukte zu sperren, den Erfolg von Oleg Sirota begründete. Dem Präsidenten habe er sein Geschäft zu verdanken. "Ich bete zu Gott, dass die Sanktionen noch lange bleiben mögen", sagt Sirota.

Hoch über seinem Hof weht auf einem Mast die Fahne, die ein wenig an die amerikanische Konföderierten-Flagge erinnert. Sie steht für Noworossija, wie der Südosten der Ukraine von russischen Imperialisten oder orthodoxen Hardlinern genannt wird. Die Fahne ist eine politische Ansage – Sirota unterstützt Putins Großmachtkurs in der Ukraine.

Als Russland 2014 seinen verdeckten Militäreinsatz gegen die Ukraine begann, wollte Sirota in den Krieg ziehen. Doch er zögerte, konnte sich zu keiner Entscheidung durchringen und versank in Schwermut, so erinnert er sich. Bis er im Auto auf dem Weg nach St. Petersburg im Radio hörte, dass Wladimir Putin als Retourkutsche auf die westlichen Sanktionen ebenfalls Sanktionen verhängen wolle.

Die Europäische Union, die USA, Norwegen und einige andere Länder hatten Vermögen einiger Russen eingefroren, die aus der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ostukraine angeblich Profit schlugen. Ihnen wurde ein Einreiseverbot erteilt. Zudem verhängten die westlichen Staaten ein Investitionsverbot auf der Krim, einige russische Staatsbanken und Energieunternehmen wurden sanktioniert. Wladimir Putin antwortete mit Gegensanktionen, die auch eine Form des Protektionismus waren, weil sie heimischen Produzenten die Konkurrenz vom Leib hielten: Die Einfuhr von Milch, Fleisch, Obst, Gemüse, Fisch sollte fortan verboten werden. "Ich wusste gleich, dass dies meine Chance ist", sagt Oleg Sirota. "Jetzt oder nie." Der IT-Fachmann gab seinen Beruf auf und wurde Käsemacher.

Das war vor bald vier Jahren. Seither wächst Sirotas Firma, die sich auf Russki Parmesan, "Russischer Parmesan", spezialisierte, nach eigenen Angaben um 200 Prozent pro Jahr. 40 eigene Kühe hat er, dieses Jahr sollen 60 dazukommen. Die Geräte zur Milcherhitzung, die Halterungen, die Quarktrommel, die Regale im Kühlraum, die sich unter den schweren, runden Käselaiben biegen – all das, glaubt Oleg Sirota, besäße er nicht ohne die Sanktionen. 2018 habe er 130 Tonnen Käse verkauft. Die Regale seien derzeit leer, er komme mit der Produktion nicht mehr hinterher. 2019 will er exportieren – nach Deutschland.

Oleg Sirotas rundliches Gesicht mit Backenbart ist zum Aushängeschild der russischen Sanktionspolitik geworden. Er hat eine Kolumne über seine Firma in einer populären russischen Boulevardzeitung, Staatssender interviewen ihn. Selbst der britische Economist hat ihn schon besucht. Und wann immer Sirota kann, spult er routiniert seinen Text ab.

Bei einem Konzert kurz vor der Präsidentschaftswahl im vergangenen März stürmt Sirota gut gelaunt auf die Bühne und preist die Sanktionen – das Staatsfernsehen überträgt den Auftritt.