Es sollte der gewaltigste Börsengang der Menschheitsgeschichte werden. Und nun wurde er einfach abgeblasen. Die Rede ist von den Plänen um Saudi-Aramco, das Kronjuwel Saudi-Arabiens. Saudi-Aramco ist der größte Energiekonzern auf dem Globus, kontrolliert die größten derzeit zugänglichen und verwertbaren Erdölreserven der Welt – und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat den Superkonzern ins Zentrum seiner Reformen gestellt.

Der ehrgeizige Sohn von König Salman will Saudi-Arabien neu erfinden und alles anders machen als die Gerontokraten vor ihm. Dafür verehren Millionen junger Saudis ihren "MbS". Doch in diesem Jahr 2018 ging irgendwie alles schief, was Mohammed bin Salman auch anpackte. Der Jemenkrieg ist verfahren und wird Riad angelastet. Eine 2017 verhängte Wirtschaftsblockade gegen das ungeliebte Katar war wirkungslos. Die Eindämmung von Kritik und Kritikern seiner Herrschaft gipfelte im bestialischen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul, der das Ansehen des Prinzen auf der ganzen Welt beschädigte. Gleichzeitig scheiterte die Privatisierung von Saudi-Aramco.

Was war der Plan? Vor über zwei Jahren verkündet der Kronprinz den Börsengang. Nicht alles, nur einen Teil will er privatisieren. Die Rede ist von fünf Prozent, den MbS an die Börse bringen will. Schon das ist ein Schock für viele Mitglieder des an Prinzen reichen Hauses Saud, weil die Erdölfirma in Dammam am Arabischen Golf die Haupteinnahmequelle des Königshofes ist. Der Aufstieg Saudi-Arabiens zur Vormacht in der arabischen Welt und Großmacht auf den Märkten ist nämlich nicht auf Sand gebaut, wie manchmal behauptet, sondern auf einem Meer von Öl. MbS geht davon aus, dass der Konzern zwei Billionen Dollar wert sei, und hofft, mit der Teilprivatisierung 100 Milliarden Dollar zu erlösen.

Aus den Einnahmen will der Kronprinz seine Reformen bezahlen: den Umbau Saudi-Arabiens von einer Erdöl-Verbrennungs-Gemeinschaft zu einer diversifizierten Wirtschaft. Die beginnende Privatisierung des Erdöl-Riesen preist MbS lange Zeit als Teil seiner "Vision 2030" an, mit der er das Wüstenkönigreich modern, digital vernetzt, weltoffen und effizient machen will. Die Saudis sollen nicht mehr staatlich subventioniert in wohltemperierten Amtsstuben abhängen, sondern in die Privatwirtschaft gehen, zur Arbeit mit Elektroautos fahren, ihre Klimaanlagen mit Strom aus Gas-, Sonnen- und Kernkraftwerken betreiben. Am Roten Meer will MbS ein Laboratorium der Zukunft bauen: die Stadt Neom, ein von erneuerbaren Energien erleuchtetes Technologie-Paradies. "Weg vom Öl!", heißt der Schlachtruf. Das schwarze Gold soll vor allem Exportschlager sein und weniger zu Hause verbraucht werden.

Ähnlich radikal nehmen sich einige der gesellschaftlichen Reformpläne aus. Der Kronprinz macht mobil gegen korrupte Prinzen und gegen die konservativen Kleriker, die das Land seit Anfang der 1980er-Jahre in ihrem eisernen Griff hielten. Viele lässt er einsperren. Derweil räumt er auf mit pseudoreligiösen Vorschriften, die im Koran gar nicht zu finden sind. Kinos und Theater eröffnen, Bars und Vergnügungsparks leuchten, Frauen müssen sich nicht mehr übertrieben vermummen, endlich dürfen sie Auto fahren. Saudi-Arabien, das ist der Eindruck, den all das vermittelt, soll auch Spaß machen. Vor allem das ist ein Grund, warum so viele junge Saudis den Prinzen verehren.

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Im Sommer des abgelaufenen Jahres aber verblasst die Vision des Kronprinzen. Im Königshaus wird am Börsengang von Saudi-Aramco herumgemäkelt. Ausgerechnet das saudische Filetstück wolle er verscherbeln, sagen die Kritiker von MbS in Riad. Auch die Offenlegung der Finanzen und Reserven von Saudi-Aramco für den Börsengang kommt nicht gut an: Beim Nachrechnen stellt sich heraus, dass der Konzern zwar sehr reich, aber nicht die zwei Billionen Dollar wert ist, die MbS sich erträumt. Also wird er mit dem Börsengang auch nicht die erhofften 100 Milliarden Dollar einsammeln. Gleichzeitig sind die Devisenreserven des Staates in den vergangenen Jahren stark geschrumpft, weil der Ölpreis niedrig war und damit auch die Einnahmen geringer ausfielen als erwartet. König Salman kann Reformen anders als seine Vorgänger nicht einfach aus der königlichen Schatztruhe bezahlen. Es soll nun aber auch nicht so aussehen, als verkaufe er deshalb die Kronjuwelen. Deshalb zieht er die Notbremse. Im heißen Spätsommer, als die Saudis Urlaub am Roten Meer, im Libanon oder in der Türkei machen, kommt die Nachricht: MbS muss die Privatisierungspläne verschieben.

Es bleibt nicht der einzige Rückschlag. Die Saudis müssen feststellen, dass die Frauen zwar Auto fahren dürfen, aber jene, die sich seit langer Zeit dafür eingesetzt haben, zu Haftstrafen verurteilt werden. Liberale, die nach Reformen rufen, wandern ins Gefängnis. Die Antikorruptionskampagne, vom Volk beklatscht, hat unerwünschte Nebeneffekte. Weil viele Geschäftsleute, auch hohe Prinzen, im Gefängnis oder Hausarrest sitzen und ihre Reichtümer dem Staat übergeben müssen, ist unter einigen Investoren Panik ausgebrochen. Keiner möchte der Nächste sein. Also schweigt man und bringt sein Geld außerhalb des Landes in Sicherheit. Doch zu laut sprechen darüber sollten die Saudis nicht. Denn die Sicherheitsdienste ersticken Kritik am Kronprinzen. Die grausame Ermordung des kritischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat von Istanbul ist Teil dieser Repression. Was MbS als gesellschaftlichen Aufbruch verkauft hat, kippt ins Autoritäre.

Die Revolution bei Saudi-Aramco fällt also aus. Doch schon ist ein neuer Plan da. Der Erdöl-Riese vom Golf soll sich nicht selbst für die Außenwelt öffnen, sondern andere in seine Innenwelt einladen. Erstes Ziel ist der saudische Chemiekonzern Sabic, der viele Erdölprodukte weiterverarbeitet und ein großer Konkurrent der deutschen BASF ist. Sabic gehört zu mehr als zwei Dritteln einem saudischen Staatsfonds, der nun die meisten Anteile an Saudi-Aramco weiterverkaufen soll. Damit werden die saudische Erdölproduktion und Erdölverarbeitung in einem Mega-Konzern gebündelt. Saudi-Aramco könnte so am Ende auf den Wert von zwei Billionen kommen, den der Kronprinz sich erträumte.

Doch was nützt das, wenn sich das Königshaus scheut, den Konzern oder Teile davon zu verkaufen? Saudische Beobachter des Königshauses schließen nicht aus, dass MbS es eines Tages erneut versucht mit der Teilprivatisierung. Aber das würde dann kein Börsengang für Investoren aus aller Welt, sondern der Verkauf von Anteilen an einen Investor, der sich noch besser auf autoritäre Abschottung und hermetische Verschwiegenheit versteht: einen chinesischen Fonds.