Möglicherweise geht es Ihnen ganz ähnlich, aber die meisten Erwachsenen aus meinem Bekanntenkreis haben es aufgegeben, ein neues Jahr mit Wünschen und Sehnsüchten zu überfrachten. Sicher nicht völlig lebensfremd, aber so ganz ohne Wunsch zu sein, erscheint mir nicht realistisch, sondern eher traurig.

Es muss ja nicht gleich die große Glückshypothek sein, die man dem unschuldigen 2019 anzuhängen gedenkt, aber ein bisschen was darf man schon von einem Neuanfang erwarten, oder? Oder vielmehr: Der Neuanfang kann etwas von uns verlangen.

Die Gewissheit darüber stellte sich wie immer unverhofft, aber ziemlich vehement auf der Fahrt nach Hause von den heimatlichen Weihnachtsfeierlichkeiten ein. Im ICE Richtung Hamburg saß uns ein sympathisch aussehendes Pärchen gegenüber, vielleicht Anfang dreißig, das sich die ganze Zeit bis Leipzig umarmt hielt. So richtig umschlungen. Manchmal küssten sie einander selbstvergessen, manchmal redeten sie leise aufeinander ein. Manchmal aber wendeten sich die beiden freundlich amüsiert meinem Sohn zu, den sie in ihren Fragen scherzend siezten: "Sie wollen wohl Ingenieur werden?" (er baute an einem Baukasten-System herum), "Ah, Musiker sind Sie auch noch?" (er schnallte sich seine Gitarre auf den Rücken). Das Kind spielte das Spiel begeistert mit. Die Fahrt verging wie im Fluge, nur umweltfreundlicher.

Abgesehen davon, dass diese kleine Szenerie in letzter Minute einem durchaus weihnachtlichen Moment gleichkam, wurde mir bewusst, dass es vielleicht auch gerade das ist, was uns im Lande noch immer zu fehlen scheint: das leichte, humorvolle Sicheinanderzuwenden. Dabei fielen mir die Worte Frank-Walter Steinmeiers wieder ein, der gerade erst im Fernsehen von den Deutschen erneut gefordert hatte:

"Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten. Wer Streit hat, kann sich auch wieder zusammenraufen. Das kennen wir von Weihnachten mit der Familie. Aber wer gar nicht spricht und erst recht nicht zuhört, kommt Lösungen kein Stück näher. Sprachlosigkeit heißt Stillstand."

Natürlich bin auch ich der Meinung, dass der Bundespräsident damit ganz recht hat, welcher Demokratie-Befürworter könnte ernstlich etwas anderes behaupten? Was heißt aber "wieder streiten lernen"?

Abgesehen davon ist es natürlich unumstößlich, dass es in der Politik Streit geben muss, konstruktiven demokratischen Streit. Wie sehr dient es aber der Demokratie, jeden Geisteskrampf der Bürger mit ihnen ausdiskutieren zu wollen? Wirft uns das nicht um Jahrzehnte zurück? Ist das wirklich demokratisch?

Ich war lange Zeit ebenfalls der Meinung, dass Diskussionen das Allerwichtigste seien. Lange Zeit habe ich diese Meinung mitgetragen. Nach und nach aber glaube ich, dass es damit nicht genug ist. Angesichts der Wut im Lande bohren die Fragen doch mittlerweile tiefer: Haben Hass und Hetze in jüngster Zeit abgenommen, sind die Menschen einander nähergekommen? Haben sich die Diskrepanzen zwischen Ost und West verringert? Wird im Westen der Ostdeutsche mittlerweile weniger als der ewig nörgelnde Verwandte gesehen, der mittelmäßig fleißig, aber groß im Ansprüchestellen ist, während er sich heimlich in den warmen, spießigen Alltagsdunstkreis der DDR zurückwünscht? Und haben die Ostdeutschen ihre Aversion gegen den grundlegend arroganten Wessi, der vorwiegend Sprüche klopfte, während er in den Neunzigern rasch Immobilien in günstigen Lagen Dresdens, Erfurts oder Leipzigs erworben hat, mittlerweile abgelegt?

Ich glaube, das neue Jahr braucht von uns mehr Ehrlichkeit – auf allen Seiten. Und es braucht eine Sprache dafür, die mehr ist als das, was wir bislang vorschreibend, teils eintönig und lähmend, teils freudlos anwenden. Wir brauchen eine freundliche Sprache, die in freundliche Taten mündet. Und vor allem eine freundliche Sicht aufeinander. Weil es noch Menschen auf der Welt gibt, wie etwa das Paar im Zug, die auch im Alltag spielerisch mit Sprache um- und damit auf andere zugehen. Weil es Kinder gibt, die statt "butterweich" "mutterweich" sagen.

Weil auch die Sprache uns vor Aufgaben stellt, um einander besser zu erreichen. Wer innerhalb unserer Sprache nur auf deren politische Korrektheit achtet, begeht meines Erachtens einen Fehler. Es geht in unserer Kommunikation doch nicht ausschließlich darum, andere möglichst wenig zu verletzen (das sollte wohl selbstverständlich sein), sondern den anderen bestmöglich zu erreichen. Im besten Fall zu – wie hieß das Wort doch gleich? – ah ja, zu inspirieren.

Habenichtse und Tunichtgute akzeptieren wir nicht so gern, aber Denk- und Sprechnichtgute sind en masse unter uns, wir benennen sie aber nicht, sondern sollen immer nur weiter streiten und streiten, weil das angeblich der Demokratie dient. Ich fürchte, das wird 2019 nicht genügen. Mehr Ehrlichkeit. Klare Worte, dass nicht jeder alles schaffen kann und auch nicht muss. Tausendsassas gibt es selten. Hundertsassas genügen doch völlig. Ein als sicher und stabil empfundenes, sozial fortschrittliches Land, in dem man seine Lebensentscheidungen frei treffen kann und dabei abgesichert ist, das wünsche ich mir. Ein Land, dessen Einwohner nicht nur den Behörden, der Polizei und der Justiz vertrauen, sondern auch wieder mehr dem Nachbarn. Egal, woher dieser kommt. Müssen wir darüber tatsächlich noch streiten?