© Petra Bahr

"Wo hast du denn die coole Kette her"? Die junge Frau fingert an einem Lederband. Eine Taube im Flug hängt dran. "So was von retro. Sehr schick!" Friedenstauben sind nun also ein Retro-Accessoire für zitatempfängliche Frauen mit einer Neigung zum Achtzigerjahre-Schick. "Hab ich bei meiner Mama im Schmuckkasten gefunden."

Bei der Mutter war die Kette noch ein Statement. Ich sehe sie vor mir, im Natoparka auf einer großen Demonstration gegen den Nato-Doppelbeschluss, zu einer Zeit, als ganze Kirchentage sich zu Friedenskundgebungen verwandelten und Hunderttausende junger Leute für die Zukunft der Welt auf die Straße gingen.

Vielleicht waren die jungen Leute in den Achtzigern gar nicht so viel wacher, mutiger, politischer. Vielleicht war diese Mischung aus Politik und Pop, aus Demo-Event und apokalyptischer Grundstimmung gar nicht so anders als das, was die jungen Frauen selber denken angesichts der vielen Bedrohungen, der vielen unsichtbaren Bürgerkriege, des dramatischen Wiederaufrüstens und des hässlichen Sterbens überall in der Welt. Vielleicht sind die beiden nur skeptischer geworden gegenüber dem Skandieren einfacher Programme und dem Nachsingen allzu leichtgängiger Vorstellungen über das, was andere zum Frieden beizutragen haben.

Aber die Jahreslosung des Jahres 2019 ist überhaupt nicht retro. Sie beschreibt ganz ohne Kitsch eine Welt, in der der Friede sich offenbar schneller verflüchtigt als gedacht. "Suchet den Frieden und jaget ihm nach." Ein uralter Friedenssong aus der Bibel. Ein Psalm, in dem der Lyriker sich nichts vormacht über die Lage der Menschheit. Wem man nachjagen muss, der ist nur schwer einzuholen. Den Frieden am Schlafittchen zu packen, ihn mit aller Kraft festzuhalten – das bedarf großer Anstrengungen. Besonders dann, wenn man sich an halbwegs friedliche Zustände gewöhnt hat. Nur: Was ist zu tun?

Der Streit über den besten Weg zum Frieden ist eröffnet, das Ringen und Suchen und Nachjagen ist nichts, was man delegieren könnte. Denn die kleinen Kriege fangen schon mit Worten an, mit der Pflege von Kränkungen, und sie enden da nicht, wo Gewalt Gegengewalt fordert und eine Spirale des Tötens in Bewegung kommt, die nur schwer aufzuhalten ist. Manchmal ist Gewalt das letzte Notmittel, um noch schlimmere Gewalt zu verhindern. Friedlich wird es so nicht. "Suche Frieden" – zwei Worte, ein anspruchsvolles Programm!