Die einen streichen auf Papier an, die anderen nutzen nur noch ein Tablet: Fünf Einblicke in die Textarbeit von Wissenschaftlern.

Die Allesleserin

Meine Arbeitsweise kommt ohne Papier aus. Ich nutze ein Tablet, einen Laptop und zwei Bildschirme. Das Tablet ist Papier sehr ähnlich. Mit dem dazugehörigen Stift kann ich Markierungen und Kommentare wie auf Papier einfügen. Für jede Sitzung des Wissenschaftsrates lese ich bis zu 1000 Seiten, die ich in Papierform ja sonst immer mit mir herumtragen müsste. Außerdem sind die Dokumente vertraulich, sodass alles verschlüsselt über eine besondere Cloud synchronisiert wird. Selbstverständlich lese ich immer alles. Das war als Studentin so, und das ist als Wissenschaftsratsvorsitzende auch noch so. Wie man querliest, ist mir ein Rätsel. Meine Kommentare diktiere ich. Hier mussten mein Computer und ich erst lernen, uns zu verstehen, aber jetzt kann er auch Begriffe wie "Kapazitätsverordnung" buchstabieren. Sich im Gesprochenen gleich so präzise auszudrücken, dass es verständlich ist, wenn man es liest, das ist gar nicht so einfach – aber ungeheuer effizient für die Vorbereitung.

Die Agrarökonomin Martina Brockmeier, 57, ist Professorin an der Universität Hohenheim. Seit 2017 ist sie Chefin des Wissenschaftsrats, des wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums in Deutschland.

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Der Originalleser

Ich lese nie am Bildschirm, ich lese nur Bücher. Und zwar ganz bewusst in der Gestalt, in der sie ihren Lesern dereinst begegnet sind. Es macht einen Unterschied, ob man 1200 Seiten einer Neuausgabe vor sich hat oder vier bis fünf Bände in Fraktur liest.

Diese historischen Ausgaben aber sind viel zu wertvoll, um darin Anstreichungen vorzunehmen, deswegen exzerpiere ich auf Papierbögen. Und mit jeder neuen Fragestellung lese ich auch das Werk noch einmal neu. Zum Beispiel Goethes Faust. Dieses Buch begleitet mich seit 50 Jahren, es fasziniert mich immer wieder. Ich weiß gar nicht, wie oft ich es seit der Schule gelesen habe – doch ich weiß, wann ich es zuletzt las: vor einigen Monaten, in Vorbereitung auf einen Vortrag.

Ernst Osterkamp, 68, war von 1992 bis 2016 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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Der Anstreicher

Ich mag das Materielle, ich arbeite mit Papier und Stift. Überhaupt habe ich erst vor sieben Jahren angefangen, mit einem Computer zu arbeiten. Als ich eine Professur an der Columbia University annahm, ging es nicht anders. Zuvor schrieb ich alles mit der Hand, und meine Sekretärin tippte die Manuskripte dann ab.

Wenn ich lese, markiere ich mir die wichtigen Stellen in den Büchern. Nur bei Büchern, die ich besprechen muss oder weiterverarbeiten möchte, mache ich noch Exzerpte auf Papier. Diese Exzerpte kommen dann in Kladden. Je länger meine wissenschaftliche Karriere andauert, umso weniger streiche ich an. Als Doktorand habe ich zum Beispiel immer verschiedene Farben und Karteikarten zum Exzerpieren benutzt! Früher schrieb ich mir vor allem zentrale Begriffe auf und exzerpierte längere Passagen. Heute notiere ich vor allem die Fragen, die ich an einen Text oder seinen Autor habe.

Der Sozialphilosoph Axel Honneth, 69, ist Professor an der Columbia University in New York. Er war lange Jahre Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main.

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Die Digitale

Es ist ein Trauerspiel. Ich liebe Bücher auf altmodische Art, ihre vielfältigen Cover, die brüchige Schönheit des alten Taschenbuchs, die Ehrwürdigkeit in Leinen. Bücher riechen alle ganz unterschiedlich: Wunderbar neu oder nach dem Zigarrenqualm des verstorbenen Besitzers. Aber: Ich lese wissenschaftliche Texte fast nur noch digital, weil das so viel vernünftiger ist. Auch Quellen digitalisiere ich und kann dann querfeldein anstreichen. Auf Dropbox und mit dem Laptop hab ich immer die ganze Bibliothek dabei, und auf meinem Tablet kann ich im Zug mit beliebig vielen Bücher arbeiten. Dabei exzerpiere ich nie, sondern verschlagworte die Texte, was es mir erlaubt, weniger zu tippen und mehr zu lesen – und was vor allem zu überraschenden Querverbindungen und neuen Ideen führt.

Die Historikerin Hedwig Richter, 45, forscht am Hamburger Institut für Sozialforschung. Sie habilitierte sich mit einer Arbeit über die Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA.

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Der Kannibalisierer

Ich verehre meine Bücher. Ich kannibalisiere sie manchmal geradezu. Viele Bücher lese ich zwei-, dreimal. Dieses Buch, Jürgen Osterhammels Verwandlung der Welt zum Beispiel: Welch Gelehrsamkeit! Osterhammel hat mich in die longue durée gestoßen, er ist daran schuld, dass mein aktuelles Buch so lang geworden ist, weil ich merkte, dass es sinnvoll ist, weiter zurückzugehen als ursprünglich geplant. Als Historiker lese ich natürlich auch viele Quellen. Oft in anderen Sprachen. Russisch habe ich erst gelernt, als ich schon über 40 Jahre alt war. Entsprechend schwer fiel es mir, entsprechend gründlich muss ich einen bisher unbekannten Lenin-Text durcharbeiten.

Obwohl ich so intensiv lese und markiere, trenne ich die Lektüre vom Schreiben, das heißt, ich schreibe, ohne permanent Exzerpiertes zu verarbeiten. Nur die Zitate, die mir noch im Kopf sind, wandern auch in meine Bücher. Dann aber natürlich überprüft.

Gerd Koenen, 74, ist Historiker und Publizist. Sein neuestes Buch "Die Farbe Rot – Ursprünge und Geschichte des Kommunismus" stand auf der Sachbuchbestenliste von ZEIT, Deutschlandfunk und ZDF.

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