Wer Pressesprecher werden und wissen will, wie man es nicht macht, der findet im Vatikan das beste Beispiel: Als 2018 bei den Katholiken der vorhersehbare Ernstfall eintrat und sich die Vertuschung des Kindesmissbrauchs zum Weltkirchenskandal auswuchs, reagierte der Sprecher des Papstes, Greg Burke, zunächst, als gäbe es ihn nicht.

Das kam so: An einem Dienstagvormittag im August hatte der Generalstaatsanwalt von Pennsylvania, Josh Shapiro, einen ziegeldicken Bericht vorgelegt, der nicht nur den Missbrauch durch Kleriker dokumentierte, sondern vor allem das Vertuschen durch Bischöfe. Es war die umfangreichste Beweissammlung dieser Art, die es in den USA je gab. Zwei Jahre war recherchiert worden, der Erzbischof von Washington kündigte "Erschreckendes" an, und tatsächlich hielt Shapiro eine herzzerreißende Pressekonferenz ab. Aber als dann alle Journalisten nach Rom blickten, in Erwartung eines Papstwortes, war Schweigen.

Keine Reue, keine Konsequenzen. Mehr als 24 Stunden, im Internetzeitalter eine Ewigkeit, dauerte es bis zur ersten, mageren Presseerklärung des Heiligen Stuhls. Weitere vier Tage vergingen bis zum offenen Brief von Franziskus. Dass der ganz gut war, half nicht viel gegen die Vermutung der Medien, dem Papst sei die Sache nicht wichtig, vielleicht wolle er sie gar vertuschen. Kurzum: Mit Schweigen auf einen Skandal des Verschweigens zu reagieren war keine gute Idee.

Und nun ist der dafür verantwortliche Greg Burke zurückgetreten, an Silvester, nebst Stellvertreterin und per Twitter: damit der Heilige Vater "frei" sei, ein neues Team zu berufen. Dabei steht im Februar die pressetechnisch heikelste aller Aufgaben bevor, der erste Missbrauchsgipfel eines Papstes mit allen katholischen Bischöfen der Welt. Das wirft abermals die Pennsylvania-Frage auf: Wieso? Wie konnte ein Profi das vergeigen? Denn Profi ist Burke, der von Fox News kam und nach VatiLeaks die Kommunikation in Rom modernisieren helfen sollte, definitiv. Er wusste, dass in Pennsylvania eine Bombe platzen würde. Hat er es absichtlich ignoriert? Wurde er blockiert? Und was ist jetzt der Grund seiner Fahnenflucht?

Klar ist, viele Amerikaner, in der Bischofskonferenz wie unter den Vatikan-Berichterstattern, sind offene Gegner von Franziskus. Klar ist aber auch, dass das Opus Dei, dem Burke angehört, bislang nie gegen den Reformpapst opponierte und dass Burke auf Papstgetreue loyal wirkte. Klar ist außerdem: Wer für den Vatikan mit seiner Arkanpolitik und für den gern nach Gusto redenden Franziskus Pressearbeit macht, hat Stress. Der Sprecher des Papstes bekommt oft keinen direkten Zugang zum Chef, wenn es brennt (das war schon unter Benedikt so). Vatikaneigene Medien erhalten wichtige Papstschreiben oft erst am Tag der Veröffentlichung. Und Franziskus ist berüchtigt dafür, an internen Hierarchien vorbei nach draußen zu kommunizieren – so Anfang 2018 mit seiner Entschuldigung bei den Missbrauchsopfern in Chile. Hinzu kommt, dass Burke einer neuen Gesamtabteilung für Kommunikation untersteht, die von dem Laien Paolo Ruffini geleitet wird. Vielleicht mochte Burke sich der neuen Disziplin nicht unterwerfen. Vielleicht möchte er aber auch den Kurs von Franziskus nicht mehr vertreten. Mutige Bewerber an die Front!