Es ist ein Abenteuer, in Venezuela nach Öl zu suchen. Bei dem US-amerikanischen Konzern Chevron wissen sie das genau, und erst im April mussten sie eine ungewöhnliche Herausforderung meistern. Zwei Mitarbeiter wurden vom Geheimdienst festgenommen und des "Verrats" beschuldigt. Bald kam heraus, dass sie offenbar einen Vertrag mit völlig überzogenen Lieferpreisen für diverse Ausrüstungsgegenstände nicht unterzeichnen wollten. Kommt vor in Venezuela: Bei Beamten, Politikern und Militärs blüht die Korruption, und ausländische Ölunternehmen gelten als dankbare Opfer.

Die beiden Angestellten kamen zwar nach sechs Wochen harter Verhandlungen wieder frei, allerdings nur vorläufig, und für Chevron war es bloß der jüngste Zwischenfall in einer langen Reihe von Auseinandersetzungen in Venezuela. Strafsteuern in Milliardenhöhe, Streikwellen, Gerichtsverfahren, Enteignungen und staatliche Willkürakte aller Art sind das Geschäftsumfeld in dem 32-Millionen-Einwohner-Land. 1999 kam in Venezuela der Ex-Militär Hugo Chávez an die Macht, der einerseits ambitionierte Sozialprogramme auflegte, andererseits die Wirtschaft völlig vernachlässigte und Ölfirmen aus dem In- und Ausland als Geldquellen schröpfte. Sein 2013 angetretener Nachfolger Nicolás Maduro hält es ebenso.

Das erklärt, warum Venezuela einerseits über erhebliche Ölreserven verfügt, aber immer weniger davon an die Oberfläche schafft. 2006 wurden in dem Land noch mehr als drei Millionen Barrel pro Tag gefördert, nun sind es noch etwa eine Million. Das ist der niedrigste Stand seit 50 Jahren. Zum Vergleich: Saudi-Arabien fördert täglich mehr als zehn Millionen Barrel.

Das Geschäft mit dem Öl ist in Venezuela mit Abstand der größte Wirtschaftszweig, es macht 95 Prozent der Exporte aus. Der Ausfall beim Öl trägt dazu bei, dass inzwischen die gesamte venezolanische Volkswirtschaft am Abgrund steht. Hunger ist weit verbreitet, etwa zwei Millionen Venezolaner sind in Nachbarländer geflohen, die Gewalt in den Städten eskaliert. Fast alle großen Fluggesellschaften haben ihre Verbindungen gestrichen, große Konsumgüterhersteller haben die Flucht ergriffen, sodass sich die Frage stellt: Was hält den Chevron-Konzern noch in diesem Land?

"Wir sind entschlossen, noch viele Jahre in Venezuela zu bleiben", erklärte der Konzern gegenüber der ZEIT. "Wir wissen, wie man hier operiert, wir sind erfahren in dem Geschäft und stehen zu unserem Partner PDVSA", hatte schon Anfang November Clay Neff erklärt, Chevrons Präsident für Afrika und Lateinamerika. (PDVSA ist der staatliche Ölkonzern.) Das Wall Street Journal berichtete zu dieser Zeit unter Berufung auf hochrangige Manager, dass Neffs Position umstritten sei. Das Management habe "darüber nachgedacht", Venezuela den Rücken zu kehren – aber Neff scheint sich durchgesetzt zu haben. Konkret hält der Konzern an seinen vier Joint Ventures mit PDVSA fest, und auf der Unternehmenswebsite wird sogar von den engen kulturellen und sozialen Verflechtungen geschwärmt: Sozialprojekte, Lehrerausbildung, Millionen-Unterstützung für Nichtregierungsorganisationen und die Zivilgesellschaft vor Ort.

© ZEIT-Grafik

Die Chevron-Entscheidung ist ungewöhnlich, denn andere US-Unternehmen wie Exxon und ConocoPhillips haben das Land schon vor über zehn Jahren verlassen und dabei hohe Milliardenbeträge abgeschrieben. Sie entschieden sich zu diesem Schritt, als Chávez weitere, harte Auflagen für internationale Konzerne ankündigte. Einige europäische Ölunternehmen sind auch noch in Venezuela aktiv, etwa Total aus Frankreich, Equinor aus Norwegen und Royal Dutch Shell.

Internationale Ölservicegesellschaften wie Halliburton und Schlumberger reduzierten in den vergangenen Jahren ihre Aktivitäten in Venezuela – schon weil sie für viele Dienstleistungen, die sie für PDVSA und dessen Joint Ventures erbrachten, lange kein Geld mehr sahen. Das verschlimmerte die Lage im Land weiter. Je weniger ausländische Experten im Land verbleiben, desto schlechter werden der Zustand der Anlagen und die Qualität des gelieferten Öls. Tanker aus Venezuela mussten zuletzt umkehren, weil das angelieferte Öl nicht zu gebrauchen war. Es war zu stark mit Wasser gemischt oder verunreinigt.

Um aktuelle Profite kann es Chevron bei seiner Entscheidung kaum gehen: Im Augenblick fördert der Konzern gerade mal 52.000 Barrel pro Tag in dem karibischen Land. Das entspricht nicht mal zwei Prozent seiner weltweiten Förderung von 2,7 Millionen Barrel am Tag. Der Konzern macht in Venezuela auch keinen Gewinn. Früher – zwischen 2004 und 2014 – war das anders, Hugo Chávez hin oder her. Aber seit drei Jahren schreibt Chevron in Venezuela Verluste. In seiner Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC warnte das Management kürzlich sogar vor einer weiteren "Verschlechterung" der wirtschaftlichen Bedingungen in Venezuela und vor möglicherweise höheren Ausfällen.

Das heißt, dass Chevron eine Wette eingeht – freilich mit großen politischen Implikationen für einen US-amerikanischen Konzern. "Es ist eine Wette darauf, dass eines Tages ein freundlicheres Regime in Caracas herrscht", spekuliert beispielsweise Pavel Molchanov, ein Aktienanalyst bei der Investmentbank Raymond James. Schließlich verfügt Venezuela nach Angaben der Opec und der US-amerikanischen Energiebehörde über die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt, etwa 300 Milliarden Barrel. Nach Schätzungen von Geologen könnte noch einmal mehr als das Doppelte zusätzlich entdeckt werden. Von den riesigen Gasreserven ganz zu schweigen.