"Wollt ihr stolze Germanen sein?"

Es sind nur wenige Schritte vom antiken Griechenland bis ins Römische Reich. Und der Weg, den Roland Steinacher dafür gehen muss, ist nicht eindrucksvoll. Um vom Gipsabguss der Venus von Milo zur Statue eines römischen Kaisers zu gelangen, muss der Althistoriker nur durch eine Glastür, vom Schauraum ins Treppenhaus. Dort thront Trajan auf den Stufen – und wirkt wenig kaiserlich. Das Institut für Alte Geschichte der Universität Innsbruck ist in einem schmucklosen früheren Bankgebäude untergebracht, etwas außerhalb des Zentrums zwischen Discounter, Baumarkt, Handwerksbetrieben und einer viel befahrenen Straße. "Es ist zumindest ein bisschen proletarisch hier", sagt Steinacher, als er schließlich vor dem Haupteingang im Regen steht und an einer Zigarette zieht.

Historiker wie Roland Steinacher könnten glückliche Forscher sein. Seine Spezialgebiete sind das Ende des Römischen Reichs, die sogenannte Völkerwanderung und die Entstehung des mittelalterlichen Europas. Altertumsforscher wie er sollen nun erklären, ob Flüchtlinge die römische Zivilisation beendeten und was das für das Hier und Heute bedeutet. Steinacher will das nicht. "Am liebsten wäre mir, diese Vergleiche würden verschwinden", sagt er.

Seit vergangenem Herbst ist der 46-Jährige Tiroler Professor für Alte Geschichte in Innsbruck. Davor lehrte und forschte er unter anderem an der Akademie der Wissenschaften in Wien sowie an der Freien Universität Berlin.

Steinachers Disziplin ist nicht das erste Mal in die Fänge der Politik geraten. "Obernazi", grummelt sein studentischer Mitarbeiter, als die beiden im Gang des Instituts an einer Bildergalerie vorbeigehen. Der Grund: Auf einem Gruppenfoto ist Helmut Berve zu sehen, ein deutscher Professor, der sich zwischen 1933 und 1945 den Nazis anbiederte. "Er hat versucht, Cäsar und Alexander den Großen zu arischen Helden zu machen, mit recht kruden Theorien", sagt Steinacher.

Heute werden apokalyptische Szenarien aus der Antike hergeleitet. Die Völkerwanderung habe das Römische Reich in die Knie gezwungen. Auf die Hochkultur folgte das finstere Zeitalter, Barbaren übernahmen Europa, und es dauerte Jahrhunderte, bis sich alles neu sortiert und stabilisiert hatte – so lautet die herkömmliche Erzählung. Und was seinerzeit mit Rom geschehen sei, das blühe der europäischen Bevölkerung nun heute. "Die moderne Völkerwanderung" sei eine "feindliche Landnahme", behauptet Heinz-Christian Strache. Und Viktor Orbán bezeichnet die "Völkerwanderung" als "unsere größte Bedrohung".

Wenn Roland Steinacher das hört, lächelt er nur milde. Wahrscheinlich hat er sich schon zu oft darüber geärgert. Er sitzt in seinem Büro, springt immer wieder auf, zieht Bücher aus dem Regal oder recherchiert rasch etwas am Laptop. Wer war der erste Politiker, bei dem er den Begriff Völkerwanderung gehört hatte? Es will ihm nicht einfallen. Er googelt kurz. "Geert Wilders!", ruft er schließlich. Bald darauf fand Steinacher den Völkerwanderungsvergleich auch im Manifest des norwegischen Massenmörders Anders Breivik. "Halbgebildeter Nonsens steht da drinnen", sagt Steinacher.

Dann kamen das Jahr 2015 und die großen Flüchtlingsbewegungen. Der Vergleich mit der Völkerwanderung wurde häufiger. Schließlich schrieb der renommierte Althistoriker Alexander Demandt in der FAZ einen Artikel darüber, wie die Aufnahme von Flüchtlingen das Römische Reich ins Wanken gebracht habe. "Er lieferte eine Steilvorlage für Rechtsextreme, die sich nun auf den hochetablierten Herrn Demandt berufen können", sagt Steinacher.

Eine jüngere Historikergeneration begehrte dagegen auf. Steinacher erklärte in Interviews, warum der Vergleich nicht passe und dass die Völkerwanderung gar keine Wanderung war. Dass Goten und Vandalen nicht als Invasoren ins Imperium kamen, sondern als Söldner angeworben wurden und das Reich nicht an ihnen zerbrach, sondern in Bürgerkriegen versank. Die neuen Verbände füllten nur das entstehende Vakuum aus. Steinacher schrieb einen Gegenaufsatz zu Demandt und veröffentlichte Fach- und Sachbücher zur Gemengelage der Spätantike.

Im Kellergeschoß der europäischen Geschichte

Roland Steinacher wuchs als ältester von drei Brüdern in Innsbruck auf. Der Vater war Psychologe und als Beamter für Erwachsenenbildung zuständig. Er fuhr mit einem Bus durch die Provinz, zeigte in Pfarrsälen und Gemeindebibliotheken aufgezeichnete ORF-Sendungen oder organisierte Diskussionen. "Er hatte immer Freude daran, Bildung am Land zu vermitteln", erzählt Steinacher. Der älteste Sohn wollte alles werden, Arzt, Physiker, Sprachwissenschaftler, Orientalist. "Da begann ich Geschichte zu studieren, das schien mir das breiteste Fach. Und Germanistik, weil ich gerne gelesen habe", erzählt er.

Die Geschichte und die Uni-Politik begeisterten ihn. Er kandidierte für die grünen Studenten und wollte – erfolglos – das Monopol der ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft brechen. Deren Chef und Vorsitzender der Innsbrucker Hochschülerschaft war damals ein gewisser Matthias Strolz. "Mit dem konnte man gut reden, weil er kein harter Ideologe war", sagt Steinacher.

Zur Antike fand er über ein Uni-Projekt. Er beschäftigte sich mit der Entstehung der liechtensteinischen Verfassung von 1848. "Dann habe ich versucht, das in einen größeren Kontext einzubetten, und betrachtete Liechtenstein als Überbleibsel des Heiligen Römischen Reichs. Das hat mich fasziniert." Er habe es nicht verstanden, dieses Sacrum Imperium Romanum. "Warum heilig, warum Reich, warum römisch? Wenn man diese Fragen stellt, dann landet man im Kellergeschoß der europäischen Geschichte, in der formativen Zeit des 3. bis 9. Jahrhunderts", sagt er. Um die Gegenwart zu verstehen, sei es sinnvoll, sich dort umzuschauen. Noch dazu wurde die Epoche nur wenig beachtet – für Mediävisten war sie zu früh, für Althistoriker zu spät. Auch das sei ein Grund, warum vieles von dem, was man in Handbüchern nachlesen könne, veraltet sei: Es habe keinen gekümmert.

Heute stehen Forscher wie Steinacher manchmal im Zentrum heftiger Debatten. Mary Beard, die britische Expertin für das antike Rom, lieferte sich mit Arron Banks, Finanzier der Ukip und Autor des Buches Bad Boys of Brexit, ein Gefecht auf Twitter. Er meinte, das Schicksal Roms drohe nun Großbritannien – wegen der Flüchtlinge, und er kenne sich da aus, er habe den Film Gladiator gesehen. Immerhin: Die beiden trafen sich zu Gesprächen, Banks las Beards Arbeiten und gab ihr in manchen Dingen recht.

Doch das bleibt die Ausnahme. Die Diskussionen der extremen Rechten fänden in einem Paralleluniversum statt, sagt Steinacher, "dort spielt es keine Rolle, was wir zu sagen haben, es geht nur um diese eine These".

Manchmal ist Steinacher herrlich unakademisch. Er erzählt dann, mit welchen "lieben Freunden" er in Berlin, wo er noch immer einen Teil seiner Zeit verbringt, in Kneipen sitzt. Wenn er am Flur Mitarbeiter trifft, fragt er fast jeden, wie es denn mit dem vereinbarten Bierchen aussehe. Und er erzählt von seinem Faible für Quentin Tarantino sowie dem Spleen, alle Spielfilme über den Zweiten Weltkrieg zu sammeln, die bis in die Siebzigerjahre gedreht wurden. "Wenn ich einmal abtrete, werden mich jene, die meine Wohnung ausräumen müssen, hassen. Die werden viel mit Büchern und DVDs zu tun haben", erzählt er lachend.

Nur einen kurzen Augenblick später ist er wieder der detailverliebte Wissenschaftler, der mit fast kindlicher Freude eine Biografie von Ernst Kantorowicz über Friedrich II. aus dem Regal zieht – eine Originalausgabe von 1927 – und einen Vortrag über den Autor hält. Oder er erzählt, dass er als Jugendlicher aus der katholischen Kirche ausgetreten sei und trotzdem manchmal eine Messe besuche. "Da taucht man in ein spätmittelalterliches Ritual ein. In Rom bin ich in lateinische Messen rein, um das richtige Feeling zu bekommen", sagt er. "Wenn ein Priester des Malteserordens in einer dunklen Kirche im November eine lateinische Messe zelebriert, und da sitzen kahlköpfige Herren in ihren schwarzen Mänteln herum, dazu die Weihrauchschwaden, das hat was."

Wenn Steinacher über seine Forschung spricht, landet er immer wieder bei rechten Politikern und rechtsextremen Bewegungen. Die steckten in einem logischen Dilemma fest und merkten es gar nicht. "Sie identifizieren sich mit dem Römischen Reich. Das ist zum Totlachen", sagt er und grinst höhnisch. "Einerseits beziehen sie sich auf ihre germanischen Vorfahren, also auf Goten, Vandalen, Langobarden – was schon ein Blödsinn ist. Andererseits bejammern sie den Untergang des christlichen Europas durch Einwanderung von außen und setzen sich damit selbst in Analogie zum Römischen Reich, das plötzlich positiv bewertet wird", sagt Steinacher, hält kurz inne und ruft dann: "Was wollt ihr eigentlich? Wollt ihr stolze Germanen sein? Oder habt ihr Angst, dass Europa wie das Römische Reich untergeht – da müsste man sich schon einmal entscheiden."