Warum drei?

In den wenigen Versen des Matthäusevangeliums, die Ausgangspunkt für die Heiligen Könige sind, kommt die Zahl Drei nicht vor. Sie taucht erst Ende des zweiten, Anfang des dritten Jahrhunderts erstmals auf und rührt wahrscheinlich von den drei Geschenken, die die hochgestellten Besucher dem Kind in der Krippe mitbringen: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Wiederum einige hundert Jahre später sind aus den Magiern Könige geworden. Sie repräsentieren die drei zur damaligen Zeit bekannten Erdteile: Europa, Asien und Afrika. Für mich symbolisieren sie eine Sehnsucht, die heute genauso stark ist wie damals: dass sich Menschen aus allen Erdteilen gemeinsam auf den Weg machen, um für eine Welt einzutreten, in der Gerechtigkeit und Teilhabe grundlegend für alle sein werden und ein kollektiver Instinkt für den Erhalt der Schöpfung sich Bahn bricht.

Warum Heilige?

Heilig waren sie nicht. Zu Heiligen haben wir sie später gemacht. Sie waren nur die ersten Reisenden von ferne, die an der Krippe standen. Nicht eilig herbeigelaufen wie die Hirten, nicht von himmlischen Stimmen darauf hingewiesen, was auf sie wartet, sondern sie folgten allein einem lichten Funkeln am schwarzen Himmel, sonst nichts. Reisende besonderer Art. Nach einer Legende waren sie 13 Tage lang unterwegs, bevor sie in Bethlehem eintrafen. Zwei Wochen Reise für einen Besuch, der das Leben ändert.

Es müssen nachdenkliche Menschen gewesen sein. Vom Zweifel geplagte Ferntouristen, die aufbrachen, weil eine Ahnung sie rührte: Es könnte sich lohnen. Sie machten sich auf den Weg in einer Mischung aus Neugier, Welthunger und Sinnsuche. Darin sind sie wunderbar.

Warum Könige?

Sie waren Magier, Pilger, Sterndeuter, Pfadfinder, Abenteurer und vieles mehr. In der Tradition wurden aus den Magiern aus dem Osten prächtig gekleidete und einflussreiche Könige. Was für ein Bild muss es für die Menschen früherer Jahrhunderte gewesen sein, wenn drei Herrscher vor einem Kind in der Krippe knien und beten! Doch was geschieht mit diesen ersten königlichen Zeugen im Stall? T. S. Eliot beschrieb vor neunzig Jahren in einem Gedicht die Rückkehr dieser Könige mit den Worten: "Wir kehrten nach Hause zurück, in diese Königreiche./ Doch hier war uns nicht mehr wohl in der alten Ordnung./ Bei einem fremden Volk, das sich an seine Götter klammert." Alle, die an der Krippe gestanden haben, Hirte oder König, kehren verwandelt nach Haus. Es gibt ein neues Leben!

Ralf Meister, geboren 1962, ist Landesbischof der lutherischen Landeskirche Hannovers und neuerdings leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.

Warum drei?

Im Märchen hat der Teufel drei goldene Haare, der König drei wunderschöne Töchter und die Fee gewährt drei Wünsche. Im Laufe unseres Lebens durchschreiten wir die Kindheit, werden erwachsen und mit dem Alter schließt sich der Kreis.

Aus zwei Personen wird erst dann eine Gruppe, wenn sich ein "Dritter" dazugesellt. Ist es da nicht logisch, dass sich "drei" auf den Weg machen, um die außerordentliche Wichtigkeit des Ereignisses zu unterstreichen?

Warum Heilige?

Sie sind rein, weise und dem profanen Alltag entrückt und somit unschuldig, wie das Kind in der Krippe.

Warum Könige?

Eigentlich ist es nebensächlich, ob es sich tatsächlich um Könige, Weise oder Magier handelt, die dem Kind in der Krippe ihre Aufwartung machen. Der Säugling symbolisiert für die Christen den Sohn Gottes, die Herbeieilenden müssen sich somit von der Menge der "normalen" Menschen abheben. Was liegt näher, als den künftigen Herrscher der Welt von Königen besuchen zu lassen?

Die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel lebt in Regensburg. 2006 erschien ihr aufsehenerregendes Debüt "Tannöd". Zuletzt veröffentlichte sie "Als die Liebe endlich war".

Warum drei?

Man traut es sich in Zeiten der Causa Relotius, des betrügerischen Spiegel-Reporters, kaum zu schreiben: Religionen leben vom Storytelling, vom Weitersagen. Mögen sich die Übersetzer heiliger Schriften um Genauigkeit bemühen, die Überbringer der heiligen Botschaften schmücken aus und lassen weg. Ein unbestimmter Plural ist unsinnlich, die Zahl drei dagegen regt die Fantasie an: drei Geschenke, drei Schenker, jeder hat einen klar abgegrenzten Verantwortungsbereich. Das ist die logistisch-profane Variante. Drei ist die heilige Zahl, das wäre die langweilig-fromme Antwort. Aber jeder Storyteller weiß: Dreierbeziehungen sind besonders spannungsreich. Gern verbünden sich zwei gegen einen. Womöglich war einer der Männer geneigt, das Neugeborene doch an Herodes zu verraten, die beiden anderen haben ihn überstimmt oder aus dem Weg geräumt. Ob alle drei ins Morgenland zurückkehrten, dazu schweigt sogar die Legende.

Warum Heilige?

Da Weisheit dem Weibe nicht eigen ist und außerdem viel Gepäck zu tragen war, müssen es heilige Männer sein. Andere Bibel-Übersetzungen verwandelten den hohen in einen rangniedrigen Besuch: Sie nennen die Fremden "Magier" oder Sterndeuter. Das waren eher unseriöse Männerberufe, bevor Elizabeth Teissier und Madame Buchela die Weissagung zum Diven-Ding machten. Anderen Interpretationen zufolge sind die Fremden Mitglieder der persischen Priesterkaste. Der gehörten vor allem Männer an, aber Priesterinnen sind nicht auszuschließen. Die Namen Caspar, Melchior und Balthasar werden in der Bibel nicht genannt. Würden sie genannt, dann könnte es so kommen wie mit der Apostelin Junia aus dem Römerbrief. Die musste in der katholischen Einheitsübersetzung jahrzehntelang ein Mann sein und Junias heißen, damit Frauen sich die Flausen mit der Emanzipation aus dem Kopf schlagen. Seit 2016 darf sie offiziell ihre Weiblichkeit ausleben. In der nächsten neuen Bibel bringt Cassie den Weihrauch mit.

Warum Könige?

"Weise" besuchen das Neugeborene, laut Luthers Übersetzung des Matthäusevangeliums. Das klingt positiv, aber zieht zugleich eine Distinktionslinie: Richtige Könige mit klarem Berufsbild und beglaubigtem Stammbaum sind sie nicht. Herodes immerhin empfängt sie an seinem Hofe, scheint sie als ebenbürtig zu empfinden. Doch ist das ein Ausweis der Seriosität? Den "Königen" mit ihren teuren Gaben haftet bis heute etwas Prinz-Frédéric-von-Anhalt-haftes an: zu schillernd für ernsthafte evangelische Bibelarbeiterinnen und -arbeiter, eher der Stoff, aus dem royale Blättchen und katholische Kostümfeste sind.

Christiane Florin moderiert im Deutschlandfunk die Sendung "Tag für Tag". 2017 publizierte sie "Der Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen".