Der Dresdener Ingo Schulze gilt unter ostdeutschen Schriftstellern als Besonderheit: zeigt er die DDR in seinen Büchern doch schließlich selten als Ungeheuer, selten als stramme Diktatur. Vielmehr ist sie Schulze ein Missverständnis, ja manchmal sogar ein menschlich anmutendes Wesen. Wohl auch und gerade weil eben die DDR in seinen Texten nicht so brutal und eindimensional abschneidet, wurde Schulze spätestens nach seinem Roman Neue Leben (2007) der Titel "Wendeautor" umgehängt. Auch der Folge-Roman Adam und Evelyn, 2009 erschienen, nähert sich dem Realsozialismus zwischen Mecklenburg und Sachsen mit verspielter Anmut. Verfilmt wurde er jetzt vom Ostberliner Regisseur Andreas Goldstein, und man muss gleich sagen: Es ist eine meisterhafte Umsetzung geworden.

Die Geschichte beginnt mit einer historischen Schwellenerfahrung. Es ist 1989. Der Schneider Adam (Florian Teichtmeister) und seine Freundin Evelyn (Anne Kanis) leben in der DDR ein ruhiges, paradiesisches Leben, bis zwei Sündenfälle eintreten. Zum einen: Adams Hand greift beim Vermessen einer Frauentaille leicht daneben, was wiederum Evelyn heimlich beobachtet und sie tief verstimmt. Zum anderen: Die DDR bereitet sich auf ihren Niedergang vor. Im Radio heißt es plötzlich, dass Ungarn die Grenzen in den Westen öffnen wolle und die Stabilität des sozialistischen Ostblocks gefährdet sei.

Für Evelyn bieten die beiden Ereignisse die Gelegenheit, eingeschnappt in den BMW eines Westlers zu steigen und Richtung Balaton abzudüsen. Adam wiederum versteht die Welt nicht mehr, verlässt widerwillig seine ländliche, von Obstbäumen umrankte Komfortzone und folgt seiner verprellten Geliebten mit einem alten Wartburg Richtung Ungarn, um ihre Liebe zurückzugewinnen. Das ist der Startschuss für ein Roadmovie, das zu heiklen Grenzkontrollen, verlorenen Pässen, Liebesüberwerfungen, einer Dreiecksbeziehung und einer Flucht nach Österreich führt. Und nebenbei zur Abrechnung mit zwei Staaten, die in ihren Glücksversprechen wie die Kehrseiten einer Medaille wirken: hier die schnöde, veränderungsresistente, dafür ruhige DDR (im Film kommt sie als unbefleckte Natur vor, als rauschender Wind, als goldgelber Sonnenstrahl und gepflückte Pflaume), da die gehetzte, gestresste, konsumistische, aber dafür abwechslungsreiche BRD (sie zeigt sich nur kurz als urbaner Lärm oder im Licht einer renovierten Altbauwohnung im Schatten eines Hamburger Hochhauses). Hier Bore-out, da Burn-out. Was ist schlimmer?

Eigentlich verweist genau diese etwas salopp formulierte Frage auf Ingo Schulzes Grunddilemma: Wo und wie richtig leben? Als Wendeautor hat er sich mit der kapitalistischen Bundesrepublik nicht richtig abgefunden. Aber zurück in die DDR will er auch nicht, wie auch?! Der Roman führt diesen Widerspruch in entrückten, komischen Dialogen auf die Spitze, mit einer Sprache, die ständig um sich selbst kreist. Der Film findet dazu die passende Form, indem er die Figuren wie Marionetten führt, wie Stellvertreter der Zeitläufte, die in jeder Sekunde aus ihren Rollen zu fallen drohen.

Die Figuren – denn es sind Figuren und keine Menschen – bleiben ihren Sehnsüchten immer etwas schuldig. Sie sind sich selbst suspekt und sprechen auch so. Nämlich: aneinander vorbei. Nur Adam wirkt zufrieden, wie ein einfacher Schneidermeister, der einerseits genügsam ist, sich aber auch von den Verlockungen der Außenwelt komplett befreit hat. Die DDR weiß er nicht aus ideologischen Gründen zu schätzen, sondern weil das Leben dort keine Ansprüche an ihn stellt.

Adam ruht in sich selbst, weil er nichts will. Er ist der ideale Bewohner des Arbeiter-und-Bauern-Staats. Das zeigt sich besonders frappierend in einer Szene, in der Adam mit dem egozentrischen, Schnauzbart und Seglerschuhe tragenden BMW-Fahrer Michael die Zwänge und Bedürfnisse des Lebens diskutiert. Michael verherrlicht Rotwein schlürfend die Freiheiten des Westens und schwärmt von New York, Rio und Hamburg wie vom Duft einer qualmenden Marlboro-Zigarette. Adam dazu: "Aber ist es nicht egal, wo man lebt?" Michael darauf: "Ihr könnt ja nichts anderes sehen." Adam kontert: "Ich sehe immer was anderes. Dafür muss ich nicht mal den Garten verlassen."

Kann man so leben, ganz ohne Anspruch auf Freiheit, allein mit bunten Fantasien im Kopf und gekochten Kartoffeln im Bauch? Der Film kreist um diese Frage wie die Katze um die Maus. Er zeigt in langen, schwerelosen Aufnahmen eine spätsommerliche, dem Verfall geweihte DDR-Gesellschaft, die sich aufs kleine Glück beschränkt – von jeglichem Konsumanspruch unbehelligt und doch nicht ganz zufrieden. Der Film deutet nur an, worauf er hinauswill. Seine stille Pointe könnte darin bestehen, dass nicht das System befreit, nicht der Sozialismus, nicht der Kapitalismus, sondern das Loslassenkönnen von hohen Erwartungen. Als würde der Schriftsteller Ingo Schulze zu uns sprechen und neckisch sagen wollen: Nicht die Karriere, das Geld, die Auswahl machen die Menschen glücklich, sondern allein die Aussicht auf Liebe. Doch sie zu finden bleibt nur den wenigsten vergönnt. Hier wie dort.

Lesen Sie hier das Interview mit dem Schriftsteller Ingo Schulze zur Verfilmung seines Romans