Welch ein Widerspruch! Vor 50 Jahren hat eine reformbewegte Kirche sich endlich der Welt geöffnet – "Die Fenster auf!" lautete die berühmte Parole des Zweiten Vatikanums – und hat darüber doch einen Kulturverlust in der Substanz erlitten: Das Christentum hat sich seines zentralen Festes neben Ostern, Pfingsten und Weihnachten beraubt.

Kaum ein Katholik – von allen anderen zu schweigen – weiß 2019 noch, dass bis 1969 der 1. Januar ein hoher kirchlicher Feiertag war: das Fest der Beschneidung Jesu. Dabei steht seit bald 2000 Jahren im Lukasevangelium unmissverständlich: "Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war." Seit Christi Geburt am 24. Dezember begangen wird, fällt also der achte Tag auf den 1. Januar.

Die Beschneidung Jesu – wie seine Namensgebung an diesem Tag – war das Gebot seiner Vorväter. Wer diese waren, daran erinnert die Weihnachtsgeschichte an prominenter Stelle: Jesus stammt vom Hause und Geschlecht Davids ab. Noch ehe Jesus also Christus wurde, war er Jude. Ausgerechnet das katholische Reformkonzil der Sechzigerjahre hat somit – aus einem falsch verstandenen Modernisierungsbegriff heraus – das Fest der Erinnerung an die jüdischen Wurzeln des Christentums getilgt. 50 Jahre nach diesem historischen Irrtum ist es Zeit, das zu korrigieren – um Jesus, des Juden, willen, aber auch um Jesus, des Mannes, willen.

Längst hat sich zwar der Vatikan losgesagt von den jahrhundertealten antijüdischen Reflexen seiner Geschichte, die von der Hetze gegen die Juden als "Mörder des Heilands" reichte bis zur geistlich-moralischen Rückendeckung für Pogrome aller Art, wenn auch vielleicht nicht für den Holocaust selber. Auch politisch bemüht sich die Kurie in Nahost um eine Balance zwischen dem unzweideutigen Bekenntnis zum Existenzrecht Israels einerseits und andererseits der Solidarität mit den oft christlichen Palästinensern in den besetzten Gebieten wie etwa in Bethlehem. Papst Franziskus hatte zuletzt sowohl den Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas als auch Friedensnobelpreisträger Schimon Peres zu einem gemeinsamen Besuch nach Rom eingeladen.

Doch den Kampf gegen einen zunehmend aggressiver werdenden Antisemitismus mussten die Gesellschaften des Westens weitgehend ohne geistlichen Beistand führen. Die katholische Kirche hat ihre stärkste Kraft bisher aus dem Kampf gegen die Pest des Antisemitismus herausgehalten: den Chef selber, Jesus Christus.

Den 1. Januar wieder zu ehren als kirchlichen Feiertag wäre ein starkes Signal, dass der Vatikan sich an die Seite seiner "älteren Geschwister im Glauben" stellt, wie Papst Johannes Paul II. es einst formulierte (der Pole war 1986 der erste Papst der Geschichte, der die Synagoge von Rom besucht hatte). Wie dringend notwendig diese Eindeutigkeit im Bekenntnis wäre, zeigt nicht bloß die jüngste Debatte um die Haltung von Papst Benedikt zum Judentum. Den Deutschen als Judengegner zu diffamieren, auch wenn er dereinst in Marktl am Inn in der Hitlerjugend war, ist falsch und ungerecht – Joseph Ratzinger hat Johannes Pauls projüdischen Kurs als dessen engster Mitarbeiter vorgezeichnet und schon als Kardinal von München die sogenannte Integrierte Gemeinde unterstützt, der das Verhältnis zum Judentum ein besonderes Anliegen war. Der Wirbel um einige Aufsätze Benedikts zeigt aber, wie frisch die Wunden noch sind: zu Recht wehrt sich das Judentum gegen christliche Vereinnahmung.

Das Fest der Beschneidung Jesu wäre darum zunächst einmal ein Fest der Versöhnung zwischen den Traditionen – es würde dem Respekt vor Altem und Neuem Bund, vor Altem und Neuem Testament Kraft und Ausdruck im Kirchenkalender verleihen. Bis zu den Gläubigen und dem Alltag eines Christenmenschen ist es damit noch ein weiter Weg. Dabei steckt im Datum des 1. Januar weit mehr Ausstrahlung und Anziehung.

Der Tag des Jahresanfangs war bisher für Christen ein ähnlich bedeutungsloses Datum wie der 31. Dezember, der in Deutschland zwar nach Papst Silvester benannt ist, aber ansonsten für Jux und Böllerei steht. Wer glaubt – und dafür sogar manchmal in die Kirche geht –, ist rund um den Jahreswechsel bisher seltsam heimatlos.

Den 1. Januar als Fest der Einheit zu feiern hat daher Bedeutung weit über den Brückenschlag zwischen Juden und Christen hinaus.

Das Datum bietet auch die Gelegenheit zur Versöhnung mit der Ökumene, diesem ungeliebten Kind des Zweiten Vatikanischen Konzils. In Zeiten der schwindenden Bedeutung beider Kirchen war die Ökumene zur Wassersuppe in Theologie und Praxis verkommen, ehe sich vor wenigen Jahren die ökumenischen Zwillinge im Bischofsamt das Ökumene-Kochbuch noch mal vornahmen, der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Kardinal Marx und sein evangelisches Pendant, der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Die beiden bayerischen Bischöfe rühren jetzt deutlich substanziellere Kost an, aber dass ihre Kirchenmitglieder danach schon Schlange stünden, kann man auch nicht gerade behaupten.