Ein biblisches Ereignis, das das männliche Glied zum Gegenstand hat, in den Rang eines Hochfestes zu erheben, mag da ein wenig direkt erscheinen, aber es wäre ein Anfang. Gleichzeitig ist die Beschneidung eine Erinnerung an die dreifache Verletzlichkeit Jesu:

Das Fest von Wunde und Schnitt führt eindrücklich vor Augen: Jesus war verwundbar, die Juden sind verwundbar, Männer sind verwundbar.

Drei Einsprüchen vor allem begegnen Rutishauser und seine Kollegen bei ihrem geistlichen Kreuzzug für das Messer, das an Jesus gelegt wurde: einem evangelischen, einem jüdischen und einem vegetarischen.

Am stärksten ist der vegetarische Einspruch – wenn man ihn denn so nennen will – gegen ein Hochamt, das die jüdische Beschneidung in den christlichen Kalender importiert: Eine Beschneidung ist eine blutige Angelegenheit, um nicht zu sagen eine Fleischerei. Wie kann man einen solchen Akt bloß feiern und ehren wollen?

So wie vor mehr als 50 Jahren das Zweite Vatikanum sich von der jahrhundertelangen Tradition verabschiedete, so wollen auch heutige Verfechter einer falsch verstandenen Aufklärung die Beschneidung eindämmen – oft mit recht pseudo-rationalistischen Argumenten. Als Erstes, natürlich, bekommen diesen unguten deutschen Reinlichkeitskult die jüdischen Gemeinden im Land zu spüren: 2012 urteilte erstmals ein Gericht in Köln, die bis heute religiös im Judentum vorgeschriebene Beschneidung verstoße gegen das Kindeswohl und das Recht auf körperliche Unversehrtheit (das Urteil hatte später keinen Bestand).

Gegen beide berechtigte Sorgen gibt es gute Argumente: Wer Kindeswohl allein weltlich definiert, spricht religiösen Geboten und Gebräuchen ihren Wert ab. Vor allem aber verkennt er, dass einem Kind, das ohne spirituelle Zugehörigkeit zu seiner Familie aufwächst, womöglich auch etwas zum Wohlergehen fehlt. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wiederum ist natürlich ein hohes Gut, und mit Recht ist etwa jede Form von weiblicher Genitalverstümmelung nicht durch religiöse Praxis oder Überlieferung zu rechtfertigen. Bei der männlichen Beschneidung der Vorhaut liegen die Fakten allerdings anders: Weder geht damit eine Herabsetzung des Lustempfindens einher, noch erschwert der Eingriff den normalen Gebrauch des betroffenen Körperteils, wie Millionen beschnittener Männer gerne bestätigen werden. Während der Schnitt in die Vorhaut dem uninformierten Außenstehenden also als halbe Barbarei erscheinen mag, ist er in seinen Auswirkungen in den meisten Fällen dezenter als die Tattoo- und Piercing-Dichte, wie sie in einer durchschnittlichen deutschen Fußgängerzone inzwischen anzutreffen ist.

Während mancher Einwand auf den ersten Blick also recht vernünftig daherkommt, kaschiert er tatsächlich eher einen Affekt, der nicht unbedingt antijüdisch sein muss, aber womöglich recht fleischlos.

Der evangelische Einwand gegen ein christliches Fest der Beschneidung schließt – wie des Öfteren zwischen Vegetarismus und Protestantismus – recht nahtlos an die Fleisch-Aversion an. Weil in Aberdutzenden katholischen Kirchen weltweit ein angebliches Stückchen der Vorhaut Christi als Reliquie verehrt wird, wittern aufrechte Evangelische sowohl Betrug am Leibe Christi (nicht einmal eine göttliche Vorhaut umspannt so viele Reliquien auf einmal) als auch eine generelle Rückständigkeit des Katholizismus, der geistigen Dingen stets eine gegenständliche Gestalt zuweisen wolle. So kann man das sehen – aber ebenso gut lässt sich einwenden: Kein Mensch muss an kirchlich konservierte Späne vom Kreuze Christi glauben (an Hautreste schon gar nicht), aber es ist nicht verkehrt, wenn sich die manchmal arg ätherisch-vergeistigte oder überintellektualisierte evangelische Spiritualität von der durchaus handfesteren katholischen etwas abschaut.

So bleibt am Ende von allen Einwänden gegen einen jüdischen Festtag im christlichen Kalender vor allem – ein jüdischer Einwand. Die christliche Tradition der Beschneidungserinnerung, daran erinnert die jüdische Seite, war keineswegs durchgängig judenfreundlich. Vielmehr wurde ein Paulus-Wort genommen, um das Christentum dem Judentum als überlegene Religion gegenüberzustellen: Es sei "nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht", heißt es im Römerbrief, sondern "das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist" geschieht. In der antijudaistischen Lesart erhob sich so die christliche Theologie über die jüdische, der Geistes-Glaube über den Fleisches-Kult – ein Vegetarier-Argument auch hier.

Genauso gut freilich lässt sich umgekehrt argumentieren: Es braucht das Fleisch wie den Geist, die Welt wie den Glauben, den Juden Jesus für den Christen Jesus.

Vielleicht liegt genau darin der Schlüssel zu einem Fest der Einheit am 1. Januar: Gegensätze werden versöhnt, ohne sie aufzuheben. Nicht Brot statt Böller, nicht Geist ohne Fleisch, nicht Frau ohne Mann. Das weltliche Vergnügen von Sekt und Böllern vom Vorabend bekommt am Neujahrstag ein urchristliches Gegenüber.

Nichts tilgen von dem, was ist, sondern die Dinge an ihren rechten Platz rücken – so feiert man Differenz.

Der 1. Januar wäre künftig ein Fest der Einheit – und eine große Erinnerung daran, worauf ein von Herzen aufgeklärtes Christentum gründet: auf dem Juden wie dem Christen Jesus, auf Fleisch wie Geist, auf Protestanten und Katholiken, auf Christ und Welt.