Zu sagen, dass Tim Cook einen schlechten Start ins neue Jahr hatte, wäre untertrieben. Der Apple-Vorstandschef schockte seine Aktionäre und den Rest der Börsenwelt mit der Nachricht, dass der Umsatz in den letzten drei Monaten des Jahres 2018 statt der erwarteten 93 Milliarden nur 84 Milliarden Dollar betragen wird. Das ist immer noch eine unglaubliche Summe. Doch von Apple, dieser Gelddruckmaschine, sind Investoren Korrekturen nach unten nicht gewohnt.

Nun trifft Apples Schwäche nicht nur seine Aktionäre. Sie ist ein böses Omen für die gesamte Weltwirtschaft. Der kalifornische Tech-Konzern sei der "Kanarienvogel in der Kohlemine", erklärte das Wall Street Journal unter Anspielung auf Bergarbeiter, die diesen Vogel einst als Frühwarnsystem für Kohlenmonoxid mitführten. Hörten die Vögel auf zu zwitschern, drohte auch den Männern die Luft auszugehen.

Vor allem in China sei das Geschäft zuletzt weit schlechter gelaufen als erwartet, schrieb Tim Cook in einer Erklärung an die Aktionäre. Er führt dies auch auf "Handelsspannungen" zwischen den USA und China zurück, die zu Unsicherheit und Kaufzurückhaltung geführt hätten.

Tatsächlich verdankt Apple einen Großteil seines Erfolgs der engen wirtschaftlichen Verzahnung zwischen den USA und China. Für deren enge Partnerschaft prägten der Historiker Niall Ferguson und der Ökonom Moritz Schularick vor einigen Jahren den Begriff "Chimerica". Viele US-Unternehmen verlagerten ihre Produktion nach China, um Kosten zu sparen. Bei Apple wurde der Verzicht auf eigene Fabriken sogar zum integralen Bestandteil des Geschäftsmodells. Noch in den Achtzigerjahren verwies Cooks mittlerweile verstorbener Vorgänger Steve Jobs darauf, seine Macintosh-Computer seien "made in America". Doch 20 Jahre später war die Fabrikation weitgehend nach Asien abgewandert.

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Aktienkurse der großen Technologieunternehmen (in US-Dollar)

Quelle: www.finanzen.net © ZEIT-Grafik

Einen großen Anteil daran hat Cook, den Jobs als Betriebsleiter geholt hatte. Er beauftragte Subunternehmen wie Foxconn und Pegatron mit der Herstellung der Produkte. Designed by Apple in California – Assembled in China, "entworfen in Kalifornien – hergestellt in China", das war die geniale Erfolgsformel. Sie ermöglichte es dem US-Konzern, seine hochpreisigen Geräte zu Billiglöhnen zu produzieren. Es waren jedoch nicht nur die niedrigen Arbeitskosten, die Apple anlockten. "China hat die effizienteste Lieferkette für elektronische Produkte", sagt Willy Shih, Professor für Management an der Harvard Business School. Dazu gehört eine Infrastruktur von Teilezulieferern, Logistikern und Zollabfertigungsanlagen, die dafür sorgt, dass fertige Produkte innerhalb eines Tages, maximal zweien per Luft- oder Schiffsfracht auf dem Weg zum Kunden sind. Nur in China gelingt es zudem, 50.000 oder auch 100.000 Arbeiter innerhalb weniger Wochen anzuheuern.

Über Unternehmen wie Foxconn und Pegatron steht Apple ein Heer von chinesischen Arbeitnehmern zur Verfügung, die äußerst effizient und höchst flexibel die Wünsche des Kunden erfüllen. Bei Longhua, Foxconns Flaggschiff-Fabrik in der Shenzhen-Region, arbeiteten zeitweise über 400.000 Menschen. Viele Arbeiter waren in Unterkünften auf dem Gelände untergebracht. Die Chinesen machten schier Unmögliches möglich. Als Steve Jobs etwa wenige Wochen vor der Einführung des iPhones den ursprünglichen Bildschirm aus Plastik ablehnte, weil die Oberfläche zu leicht verkratze, orderte Apple stattdessen Glasbildschirme. Chinesische Zulieferer zogen innerhalb kürzester Zeit eine Produktionslinie für das neue Teil hoch. "Das wäre in dieser Form in den USA nicht möglich gewesen", sagten Apple-Manager seinerzeit der New York Times.

Anders als bei früheren Innovationen hielt sich der Effekt auf die Beschäftigung in den USA aber in Grenzen. Für Apple arbeiten in seiner Heimat 80.000 Mitarbeiter. Neue Jobs gab es vor allem in China. In einem Interview mit dem Sender MSNBC wehrte sich Cook im vergangenen Jahr gegen den Vorwurf, sein Unternehmen habe in Amerika keine Jobs geschaffen. Apple stelle durchaus Teile in den USA her. Zudem seien zwei Millionen Stellen bei Zulieferern und im Einzelhandel entstanden. In China aber hat Apple nach eigenen Angaben 4,8 Millionen Arbeitsplätze geschaffen – mehr als doppelt so viele.