DIE ZEIT: Warum haben die Deutschen Angst, digital abgehängt zu werden?

Armin Grunwald: Deutschland hat eigentlich immer Angst, abgehängt zu werden. Schon in den späten Siebzigerjahren ging es um das Thema künstliche Intelligenz, als man Angst hatte, von Japan abgehängt zu werden. Was heute stimmt, ist, dass andere Länder bei der Infrastruktur weiter sind ...

ZEIT: Also bei Breitbandnetzen und leistungsfähigem Mobilfunk ...

Grunwald: Bei den schnellen Netzen zur Datenübertragung hat Deutschland Nachholbedarf. Man muss aber auch sehen, was man wirklich braucht. Bei uns schaut man immer auf die anderen; wenn die von irgendetwas mehr haben, meinen alle sofort, man müsse schnell hinterher.

ZEIT: Brauchen Grundschüler schon ein Tablet?

Grunwald: Das ist ein seltsames Verständnis von Digitalisierung. Das heißt ja im Prinzip, die Menschen so früh wie möglich auf den Bildschirm zu dressieren. Ich hab auch Forderungen gehört, dass Kinder schon im Kindergarten programmieren lernen sollen. Das halte ich für den falschen Weg. Wichtiger wäre es, bereits in den Schulen zu vermitteln, was bei der Digitalisierung eigentlich passiert. Dass bei der Übertragung der analogen, realen Welt in die digitale Welt auch Wertentscheidungen einfließen und dass da natürlich auch Interessen von Firmen dahinterstehen.

ZEIT: Sie leiten das führende deutsche Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe und beraten auch den Deutschen Bundestag. Wie genau verstehen Sie Ihre Aufgabe?

Grunwald: Unsere Aufgabe ist es oft, aus solchen kommunikativen Wellen, neudeutsch Hype, ein bisschen die Luft rauszulassen. Es geht darum, die Frage zu stellen, ob das, was die digitalen Visionäre so laut verkünden, wirklich alles so toll ist. Wir prüfen etwa, was für die nächsten fünf oder zehn Jahre realistisch ist. Wenn man das tut, wird die Entwicklung meist weniger angsteinflößend. Ich habe keine Sorge, dass ein digitaler Algorithmus eines Tages die Weltherrschaft an sich reißen könnte.

ZEIT: Also kein Szenario wie im Film Matrix, in dem die Menschen den Kampf gegen intelligente Maschinen verloren haben?

Grunwald: Meine Sorge ist eher, dass wir zu sorglos mit den nun ja wirklich tollen Möglichkeiten der Digitalisierung umgehen. Suchmaschinen, Einkauf per Internet, Online-Banking – das ist alles supereinfach und bequem. Deshalb nehmen wir es hin, dass andere Leute mit unseren Daten Geld machen und uns vielleicht sogar manipulieren.

ZEIT: Die Googles oder Amazons wissen, dass ich gerne Pizza esse und Rotwein bevorzuge, und jubeln mir die passende Werbung unter?

Grunwald: Wenn es nur das wäre! Wir haben ja praktisch alle paar Monate einen großen Datenskandal, wie etwa den von Cambridge Analytica, dem Unternehmen, das mit Facebook-Daten versucht hat, die US-Präsidentenwahl zu manipulieren. Und was passiert danach? Fast nichts. Die Facebook-Nutzerzahlen sind nicht eingebrochen.

ZEIT: Den Nutzern fehlen offenbar gleichwertige Alternativen bei sozialen Netzwerken?

Grunwald: Das ist total anders als etwa im Lebensmittelbereich. Wenn eine Firma wie Nestlé einmal einen Lebensmittelskandal produziert, dann gehen die Käufer sofort in Scharen woandershin.

ZEIT: Weil sie Alternativen haben.