Zuerst die gute Nachricht: Deutschland hinkt bei der Digitalisierung des Alltags hinterher. Prima! Wollen hoffen, dass es so bleibt. Denn so gibt es sie noch, so dürfen wir sie noch lesen und genießen und nutzen, wie in den letzten 414 Jahren: die analoge, die gedruckte Zeitung, deren erstes Exemplar 1605 ausgeliefert wurde, in Straßburg.

"Ein Blatt im Wind" von Maria Laura Díaz Domínguez und José Sanabria © NordSüd Verlag

Aber leider, und das ist die trübe Nachricht, sinken die Auflagen nach wie vor. Dabei kann kein digitales Gerät und Gerümpel mit Display und Monitor das bedruckte Blatt je ersetzen. Zeitung ist nicht etwa nur eine andere, nun veraltete Form der Information, sondern eine Form des Glücks. Davon erzählt dieses Bilderbuch mit Fantasie und Ironie, in raffinierten Farben, in melancholischer Freude.

Davon erzählt "das Blatt" höchstselbst, gedruckt und ausgeliefert, am Kiosk ausgelegt. Ein Zeitungsexemplar von vielen. Es berichtet, wie seine Seiten, vom Wind verstreut, die Menschen zunächst auf recht prosaische Weise erfreuen. Als Putzlappen zum Beispiel für Glas und Spiegel oder als Einwickelpapier. Als Regendach über den Köpfen eines Liebespaars, zum Schutz gegen Kälte, zum Feuermachen. Auch kann man Schiffchen und Hütchen und Schwalben draus basteln. Nicht schlecht, versuchen Sie das mal mit Ihrem Tablet!

Aber dann weht der Wind einige Seiten ihrer wahren Bestimmung zu: dem Leser. Dem Zeitungsleser. Er schlägt sie auf – und entdeckt etwas, das er schon lange gesucht hat. Eine Zeile, die ihn beunruhigt oder begeistert. Ja, da steht es, schwarz auf weiß. Da steht es, dem Beglückten zum Ausschneiden und Einrahmen, dem Erbosten zum Zerreißen, Verbrennen. Da steht es geschrieben, und lässt sich nicht löschen, wegklicken, wegwischen, denn da steht es: gedruckt.

Die argentinische Autorin und Grafikdesignerin María Laura Díaz Domínguez und der aus Kolumbien stammende, ebenfalls in Argentinien lebende Illustrator José Sanabria lassen das Blatt erzählen, geben ihm seine Stimme und der kleinen Geschichte ihre sanfte Gestalt. Wir sehen, wie das Blatt vom grauen Nutzwesen zum leuchtenden Weltboten wird. Wie es belebt, wie seine Lektüre im wahrsten Sinne beflügelt.

Welche Nachricht genau, welcher Artikel ihn, den Leser, einen Jedermann mittleren Alters, so entflammt, erfahren wir nicht. Wir sehen ihn nur nach Lektüre die Schwerkraft abstreifen und sich in die Luft erheben, höher und höher. Oha! So machtvoll kann die Wirkung einer Zeitung sein. Während der User mit dem Smartphone in der Hand – wie ein Hund mit gesenktem Kopf sich von Pissecke zu Pissecke schnüffelt – seine Mails und Infos checkt, trägt das Zeitungsblatt den Leser hinweg und weist ihm neue Horizonte. Zeitunglesen, welch ein Glück!

María Laura Díaz Domínguez/José Sanabria (Ill.): Ein Blatt im Wind. Deutsch von G. Stöckli; NordSüd Verlag 2018; 48 S., 16,– €; ab 5 Jahren