Genau genommen ist es nicht die Schuld von Premierministerin Theresa May, dass sie nicht kann, wie die Mehrheit der britischen Wähler am 23. Juni 2016 wollte. Dass der Abschied Großbritanniens von der EU vertrackter ist als gedacht, liegt eher an Heinrich II., dem englischen König, der im 12. Jahrhundert Irland an sein Reich kettete. Heute – späte und gänzlich ungeplante Rache – kettet Irland Großbritannien an die EU. Obwohl der Scheidungsprozess mit Brüssel seit Monaten fast alle politischen Energien in Westminster aufsaugt, ist aus dem Brexit-Votum bis heute kein vernünftiger Brexit-Plan geworden. Jedenfalls gibt es bis heute keinen Plan, der im britischen Parlament Aussicht auf eine Mehrheit hat. Denn die Briten haben im Juni 2016 dafür gestimmt, dass ihre Regierung etwas Unmögliches liefern möge: aus der EU auszutreten, ohne auf der Nachbarinsel Irland eine verbotene EU-Außengrenze zu errichten.

Soll, ja muss also das Volk noch einmal ran?

Nach Monaten des unproduktiven Gebrülls im Unterhaus über Theresa Mays vermeintlich unzureichende Verhandlungskünste gegenüber Brüssel dämmert es immer mehr Parlamentariern, dass der womöglich einzige Ausweg sein könnte, die Bevölkerung noch einmal zu befragen.

Jetzt, da alle klarer sehen als bei der Abstimmung 2016, hat die Mehrheit ihre Meinung womöglich geändert. Und falls nicht, wären die Briten dann bereit, notfalls auch ohne ein verbindliches Abkommen aus der EU auszuscheiden, also in tiefe Rechtsunsicherheit zu rutschen?

Laut Umfragen würde eine Mehrheit der Briten heute gegen den Brexit stimmen

Das Parlament solle besser früher als später von der Möglichkeit Gebrauch machen, ein zweites Referendum anzuberaumen, sagt zum Beispiel die Tory-Abgeordnete Anna Soubry. Im Fernsehen befragt, wie viele Tories diese Idee unterstützten, sagt sie: "Es werden immer mehr." Soubry deutet zudem an, dass sich irgendwann auch die Premierministerin dieser Gruppe anschließen werde. Bisher schließt Theresa May ein zweites Referendum kategorisch aus. "Sie ist mittlerweile bekannt dafür, ihre Meinung zu ändern", erinnert Soubry.

Eine ähnliche Entwicklung vollzieht sich aufseiten der Labour-Opposition. Ein Abgeordneter nach dem anderen wendet sich öffentlich gegen den Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn und fordert eine zweite Abstimmung. Corbyn selbst sträubt sich; ihm wären Neuwahlen lieber, die als Quasi-Referendum über die Beziehungen zur EU dienen könnten. Eine Studie unter Labour-Mitgliedern ergab allerdings, dass 72 Prozent der Basis eine zweite Volksbefragung unterstützen würden. Laut einer YouGov-Umfrage würden heute 46 Prozent der Briten für einen EU-Verbleib stimmen, 39 Prozent wären für den Brexit, die übrigen sind unentschieden.

Wie immer das Parlament sich entscheidet, Großbritannien hat sich mit dem Brexit-Votum in ein Trilemma gebracht. Es gibt drei denkbare Auswege aus der Sackgasse, jeder von ihnen führt zu neuen Problemen und zu neuen Widersprüchen. Entweder die Abgeordneten entscheiden sich für den Deal, den May mit der EU ausgehandelt hat. Dann stünde Großbritannien künftig mit weniger nationaler Souveränität da statt mit mehr, wie es die Anhänger des Brexits versprochen hatten. Oder der Brexit findet ungeregelt statt. Dann drohen Wohlstandseinbußen, eventuell dramatische. Schließlich, dritte Möglichkeit, die Briten entscheiden sich um. Dann würde mindestens bei jenen, die unterliegen, das Vertrauen in die Demokratie Schaden nehmen, womöglich drastischen.

Der geistige Vater des Brexits, der Europaabgeordnete Nigel Farage, erklärt, schon die Idee eines zweiten Referendums zeige, dass das Establishment "nie und nimmer ein demokratisches Votum gegen die Brüsseler Institutionen akzeptieren wird".