Ursula von der Leyen könnte, so bizarr sind die Dinge zuweilen, zum Verhängnis werden, dass sich manche in ihrem Ministerium mit Experten von außerhalb nicht nur gut verstehen, sondern zu gut. So wie der General Erhard Bühler mit seinem Buddy Timo Noetzel.

Im September 2006 wird Bühler zur Taufe eines Kindes von Noetzel in Potsdam eingeladen. Die beiden Männer kennen sich aus der Bundeswehr. Als das Kind getauft werden soll, stellt der Pfarrer fest, dass der auserwählte Taufpate gar nicht katholisch ist. Bühler springt ein. Später steigt er zum Leiter der Abteilung Planung im Verteidigungsministerium auf und behält den Posten auch unter von der Leyen lange. Als das Haus zwischen 2015 und 2017 eine Flut von Beraterverträgen vergibt, um die Bundeswehr in eine moderne Armee zu verwandeln, entscheidet Bühler darüber. Auffallend oft kommt die Agentur Accenture zum Zug. In der arbeitet der Berater Noetzel.

Doch Noetzel duzt nicht nur Bühler, er kennt auch noch dessen Chefin, die Staatssekretärin Katrin Suder, bestens. Und deswegen muss nun ein Untersuchungsausschuss klären, ob man im Verteidigungsministerium jahrelang alten Bekannten freihändig lukrative Beraterverträge zuschob. Und wer – falls es ein solches Buddy-System gab – das politisch zu verantworten hat: Staatssekretärin Suder oder Ministerin von der Leyen. Die eine ist nicht mehr im Amt – die andere ist es noch.

Am kommenden Mittwoch wird sich der Verteidigungsausschuss als Untersuchungsausschuss konstituieren, um Licht in den wild wuchernden Beraterdschungel zu bringen. Angestoßen hat die Affäre der Bundesrechnungshof mit einem Bericht vom 31. Oktober 2018. Die Experten der Bonner Behörde untersuchten stichprobenartig 56 Verträge, die die Bundeswehr über rund zweieinhalb Jahre mit sogenannten externen Dritten geschlossen hatte. Ergebnis: Bei 47 davon war etwas faul. Es gebe "keine oder nur unzureichende Begründungen zur Notwendigkeit der externen Leistungen", wie es in dem Bericht heißt, der der ZEIT vorliegt.

Das Verteidigungsministerium legt Wert darauf, dass sich hinter dem Begriff "externe Dritte" verbergen, also nicht nur Anzüge und Krawatten, sondern auch Airbus-Techniker, die für die Truppe Hubschrauber und Flugzeuge warten, oder Reinigungskräfte, die in den Kasernen putzen. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil es bei den Verträgen um ein Volumen von rund 200 Millionen Euro geht.

Für den Beraterboom im Verteidigungsministerium gibt es im Kern zwei Gründe: die Not im Haus – und den Ehrgeiz der Hausherrin. Die Verdoppelung der Auslandseinsätze binnen zehn Jahren, ein tiefgreifend verändertes Anforderungsprofil der Truppe, der Nachholbedarf bei der Digitalisierung, der Aufbau der Cyberabwehr als eigenständiger Organisationsbereich, ein modernes Rüstungsmanagement: All das listet das Verteidigungsministerium in einem internen Vermerk – "nur für den Dienstgebrauch" – auf, um zu erläutern, warum in der Ära von der Leyen der Bedarf an Rat und Tat von außen so enorm gestiegen ist. Hinzu kommt, was der Vermerk verschweigt: Von der Leyen vergleicht die Bundeswehr gern mit einem Dax-Unternehmen, das rund 250.000 Mitarbeiter habe und gut 42 Milliarden Euro Umsatz mache. Diese Superfirma übernahm von der Leyen Ende 2013 in bedenklichem Zustand: ausgelaugt, ineffektiv, auf Sinnsuche. Dem trägen Riesen rückte die neue Chefin mit einer gehörigen Portion Marktradikalismus zu Leibe: Sie machte eine Direktorin von McKinsey – Suder – zur Staatssekretärin und holte sich im großen Stil die Sanierer ins Haus. Ohne Unternehmensberater lief von da an nichts mehr. Deren Einfluss stieg sogar so weit, dass die Berater selbst – so zumindest einer der zahlreichen Vorwürfe – über Bedingungen und Umfang ihrer eigenen Leistungen mitentschieden. Deswegen lautet eine Frage, die der Untersuchungsausschuss beantworten will: Mutierte der Bendlerblock zum Selbstbedienungsladen für Bestverdiener?