Am Anfang standen bloß Irritationen. Merkwürdige Dinge, die hier und da auffielen, aber noch kein Bild ergaben. Wie eine Lampe, die mal flackert und dann wieder leuchtet. Eine Störung, über die man nicht weiter nachdenkt. Bis das Licht ausgeht.

Mitte September vergangenen Jahres etwa kam bei der Ehefrau von Robert Habeck eine seltsame Mail an. Das Schreiben stammte aus einem Postfach, das der Grünen-Chef und seine Frau gemeinsam nutzen, geschrieben aber hatte sie ein Unbekannter. Habecks Frau empfand die Mail als bedrohlich, offenbar hatte sich jemand Zugang zum Familienaccount der Habecks verschafft. Doch der Politiker maß der merkwürdigen Nachricht keine große Bedeutung bei, zu häufig gehen bei ihm dubiose Mails ein.

Ein paar Wochen später, am Abend des 12. November, fiel dem FDP-Bundestagsabgeordneter Bernd Reuther auf, dass er sich nicht mehr bei Facebook einloggen konnte, auch seine privaten Mails konnte er nicht abrufen. Er habe sich damals gedacht: Da muss ich mich mal drum kümmern, wenn ich Zeit habe, sagt er heute.

Am 6. Dezember schrieb die grüne Europaabgeordnete Terry Reintke auf ihrer Facebook-Seite: "Vergangene Woche wurden mein privater Facebookaccount sowie ein Mailaccount von mir gehackt." Womöglich handele es sich um einen "systematischen politischen Angriff auf Politiker*innen".

Mehrere der Betroffenen haben sich im vergangenen Jahr an die Polizei gewandt; zumeist landeten sie beim jeweiligen Landeskriminalamt. Die Reaktion der Beamten war fast immer gleich: Tut uns leid, da können wir nichts tun.

Die vielleicht beste Chance, womöglich das Schlimmste zu verhindern, verstrich Ende November und Anfang Dezember. Da berichtete das Bundesamt für Verfassungsschutz im geheimen Parlamentarischen Kontrollgremium (PKGr) über einen anderen Hackerangriff. Daraufhin erwähnte der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz, ihm seien ja auch andere Angriffe auf Bundestagsabgeordnete bekannt. Auch von Notz war schon Opfer geworden, im Herbst hatten Unbekannte seinen Twitter-Account gekapert. Die verdutzten Beamten wussten nicht, was von Notz meinte. Und der Grüne wurde nicht präziser.

Am 3. Januar saß der Fraktionsvorsitzende der Linken, Dietmar Bartsch, abends mit Freunden zusammen, als er merkte, dass auf seinem Handy zahlreiche Anrufe eingingen, deren Nummern unterdrückt waren. Mit unterdrückter Nummer, so Bartsch, riefen eigentlich nur die Kanzlerin und Gregor Gysi an. Er sei einfach nicht rangegangen.

Am selben Abend, gegen 22.40 Uhr, informierte schließlich das Büro der SPD-Fraktionsvorsitzenden Andrea Nahles das Lagezentrum des Bundeskriminalamtes über den Abfluss von Daten – und zwar, wie BKA-Chef Holger Münch am Dienstag erklärte, mit einer gewissen Dringlichkeit. Kurz vor Mitternacht wurde Münch selbst in Kenntnis gesetzt, noch in der Nacht auch die Landeskriminalämter und das Bundesinnenministerium. Innenminister Horst Seehofer (CSU) wurde am nächsten Morgen, dem 4. Januar, früh um 6.50 Uhr aus dem Bett geklingelt.

Bald darauf erfuhr auch Bartsch, was geschehen war. Und mit ihm die Republik.

Wie es aussieht, hat ein 20-jähriger Schüler namens Johannes S. die Daten von Tausenden ins Internet gestellt, darunter auch Bartschs Handynummer. Dieser Schüler, der noch bei seinen Eltern wohnt, hat das politische Berlin in verstörende Aufregung versetzt. Selten hat es einen schärferen Kontrast gegeben zwischen der Größe eines Politdramas und der Statur des Täters. BKA-Chef Münch sprach am Dienstag von einem "Kinderzimmertäter".