Timmi war über Neujahr 1 bissi durchgedreht, was daran gelegen haben könnte, dass er zu wenig geliked worden war. Nachdem er sich beim Masturbieren erwischt hatte (war für ihn eigentlich tabu, weil er hatte keinen Sex mit Männern), stieg er in seinen Mercedes G 350 TD und fuhr, Fenster runter, Ellbogen raus, Zigarre im Mund, mit 200 Kilometer pro Stunde im Kreis um seine Eigentumswohnung. Dabei pumpte er "Chabos wissen, wer der Babo ist", trug eine Neonweste, an der er eine Kornblume befestigt hatte, und brüllte "Konservative Revolution jetzt". Weil zwischen den Jahren eigentlich keiner da war in seiner Gated Community, bekam leider auch niemand etwas mit von seiner deutschen Rettungsaktion, durch die er hoffte, vor allem das einfache Volk abholen zu können. Dass das jetzt wichtig war für Germany, hatte er im Spiegel gelesen, wenngleich er ebenfalls hatte zur Kenntnis nehmen müssen, dass nicht alles, was dort stand, zu stimmen schien. Und dabei liebte er antiimperialistische Storys, in denen das Leben Sinn ergab, doch so sehr.

Okay, Timmis Fundament war also bisschen am wackeln, und so kehrte er aufgewühlt in seine Eigentumswohnung zurück, wo er seine 20 Jahre jüngere Freundin antraf, die ihm schon wieder erklärte, dass sie ihn leider verlassen müsse. "Timmi, es ist ganz einfach: Ich habe jetzt ein Verhältnis mit diesem 18-jährigen Cloud-Rapper mit Migrationshintergrund, und der nimmt beim Sex einfach viel weniger Rücksicht als du." Um nicht zu weinen, hatte Timmi sich geohrfeigt, jedoch gleich erklärt, dass er sie, seine Freundin, verstehe, die sich sofort auf den Weg zu ihrem Rapper gemacht hatte, nicht ohne ihn daran zu erinnern, dass die letzte Rate für ihre Brust-OP noch offen war. Timmi war ziemlich betroffen gewesen und überlegte kurz, eine Mauer um sein Haus zu ziehen, entschied sich aber dann dafür, in den Keller zu gehen, um dort ein Feuerwerk zu veranstalten. Die Raketen aber flogen nur dumm gegen die Decke, nichts brannte oder ging in die Luft, und als er dann nicht mal seine Mutter, dieses toxische Biest, erreichte, warf er den Grill an, der noch unten im Keller stand, und checkte, was bei Twitter so los war. Dort stand, dass eigentlich nur Männer so dumme Sachen machten wie er, was ihm als Erklärung eindeutig zu kurz griff, und es war ja tatsächlich auch keine. Derart persönlich betroffen, radikalisierte er sich in wenigen Minuten und begann auf Twitter, wild um sich zu shooten, wobei er auf Frauen im Allgemeinen und führende Feministinnen im Besonderen zielte (geisteskranke Hexen/Verstand verloren/nie einen gehabt/Extremistinnen). Die meisten hielten ihn für einen Amokläufer, nicht wenige aber bezeichneten ihn als einen Male-Entitlement-Extremisten, und so bildeten sich also schnell zwei Parteien, die einander gegenseitig belehrten und verwarnten und beleidigten und dafür Herzchen aus ihrer Partei bekamen, was dazu führte, dass Timmi sich an jenem Tag zum ersten Mal richtig geliked und umso bedrohter fühlen konnte – und gleichermaßen bedingte, dass er sich noch mehr radikalisierte.

Diskursiv-dialektisch betrachtet, ist dieses groß angelegte Ermahnungsprojekt, an dem die Beteiligten versuchen, ihre jeweilige Identität festzunageln, natürlich eigentlich voll okay, man ist als – wie Angela Merkel sagen würde – in der Zeit stehende Zuschauerin halt nur zu klein und ungeduldig dafür und glaubt dann gleich, dass die liberale Demokratie so gut wie im Arsch sei, was man im schlimmsten Fall auch noch twittert und damit Leute wie Timmi völlig nervös macht. Denn der sitzt immer noch im Keller, den er inzwischen seinen Bunker nennt, und schießt von dort aus scharf, und weder Angela Merkel noch Emmanuel Macron, noch das ZDF wissen, wie sie ihn da je wieder rausbekommen sollen.