Vergangenes Jahr startete Ali Can mit #MeTwo eine Debatte über Alltagsrassismus. Nun will er verändern, was Deutschsein heißt.

Ali Can betritt unter anhaltendem Applaus die Bühne in einer schicken Bar mit Backsteinwänden und Industriecharme, es ist kurz vor Weihnachten. Er ist der Ehrengast einer Benefizgala in Gießen und will davon erzählen, was für ihn Heimat ist. "Heimat ist nicht da, wo es mir als Migrant oft zugewiesen wird. Heimat ist hier", sagt Can. Vor ihm sitzen gut 100 Gäste in Abendgarderobe. Wenn er gefragt werde, ob er integriert sei, sage er: Ja, klar; er gucke Sonntagabend Tatort, sei auf der Zugspitze wandern gewesen und habe sich in Gießen an der Uni eine Zeit lang nicht Ali, sondern Alifred genannt. Das Publikum lacht, dann wird Can ernst. "Ich habe gelernt mitzumachen, und die Leute haben mich mitgenommen", sagt er. Aber sosehr er sich auch anpasste – das Anderssein, das blieb. Und immer gab es Menschen, die ihm das Gefühl gaben, dass das etwas Schlechtes war.

Im Juli 2018 trat Ali Can, 25, mit #MeTwo eine deutschlandweite Debatte über Alltagsrassismus los. Ein Hashtag bei Twitter, der viele Tausend Reaktionen erhielt. Von Menschen, zu deren Identität mehr als ein Land gehört. Zwei Tage zuvor war Mesut Özil aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und warf der DFB-Spitze Rassismus vor. Als danach in den sozialen Medien so viele auf Özil eingedroschen hatten, dachte Can: Jetzt ist es so weit. Jetzt muss ich handeln. Noch am selben Tag drehte er ein kurzes Video und stellte es online; darin sagt er: Auch er habe einen Migrationshintergrund, und den sehe man ihm an. "Was man mir aber nicht glauben will, ist, dass ich für demokratische Werte einstehe." Er spricht ruhig, nicht wütend, man hört, dass er den Text vorher eingeübt hat, mit dem er zu #MeTwo aufruft.

Vor allem junge Migranten folgen. Narben, lange versteckt, zeigen jetzt viele öffentlich. Sie erzählen von Erniedrigungen im Job, in der Bahn oder vor der Clubtür. Und, häufiger als alles andere: in der Schule. Tausende Menschen teilen ihre rassistischen Erfahrungen auf Twitter, nach einer Woche sind es 200.000 Tweets.

Dass auch Menschen aus Österreich, Schweden, Großbritannien und den USA mitmachen würden, hätte Can nicht gedacht. Sein Name stand in der Washington Post, das japanische Fernsehen besuchte ihn, Politico kürte ihn zu einem der 28 Menschen, die die Welt 2019 am meisten verändern werden, und nannte ihn den "Two-Hearted Man". Er ist Mitglied im Integrationsbeirat von Nordrhein-Westfalen, Ministerpräsidenten wollen ihn treffen, Bundespräsident Steinmeier lädt ihn ein. Auf Cans Instagram-Account sieht man ein Foto, wie er zum ersten Mal vor Schloss Bellevue steht, mit Krawatte und Einstecktuch. Darunter der Satz "Ich war etwas aufgeregt". Mittlerweile ist er das nicht mehr, dreimal haben Can und Steinmeier sich getroffen.

Das Interesse an #MeTwo hat längst abgenommen. Es scheint so, als habe jeder seine schmerzvollen Anekdoten geteilt, als habe man sich bestärkt und getröstet. Für Can geht es nun darum, dafür zu sorgen, dass die Bewegung nicht ins Leere läuft. Viele Anstöße schaffen es nicht über das soziale Netzwerk hinaus, das zumindest in Deutschland mehrheitlich Menschen aus dem Politik- und Medienbetrieb nutzen. Bei Cans Idee soll das anders sein, er will die zweite Stufe von #MeTwo zünden. Er will die Bedeutung des Deutschseins verändern. Er will den Riss in der Gesellschaft flicken, den Leuten wieder mehr Respekt füreinander beibringen. Ali Can nennt seine Vision den "neuen deutschen Traum". Den Traum einer migrantenfreundlicheren Gesellschaft, in der alle die gleichen Chancen haben. Was kann er erreichen?

Nach Gießen kommt er nur selten. Seine Eltern leben noch dort, haben einen Dönerimbiss im Vorort Pohlheim. Sie zogen nach Deutschland, als Ali zwei Jahre alt war. An diesem Dezembertag ist er zurück in Gießen, lehnt an der Theke der Bar und trinkt Radler. Man kennt ihn in der Stadt, auch in der feinen Gesellschaft, die sich heute versammelt hat. Wenn man die Gießener über Can reden hört, versteht man, warum er sich selbst immer wieder als Mustermigranten bezeichnet. Sie sehen ihn als Vorbild.

Das war nicht immer so. Früher kam er manchmal nicht in den Club, weil schon zu viele von "solchen wie er" drin waren. Er erzählt, wie er in der vierten Klasse eine Hauptschulempfehlung von seinem Lehrer bekam, obwohl sein Notendurchschnitt für die Realschule gereicht hätte. Auf der Gesamtschule habe er gute Noten gehabt und als Klugscheißer gegolten. "Ich war der Türke, der aber klug ist – als wäre das eine große Überraschung", sagt er. Als er mit einem Lehrer über eine Note sprechen wollte, sagte der: "Ali, wir sind nicht auf dem türkischen Basar." Vor allem die Lehrer hätten sein Anderssein betont, obwohl er am liebsten gar nicht aufgefallen wäre.