Liebe Ella,

ich bin Krankenpfleger. In meinem Beruf verdiene ich nicht viel Geld, aber ich mag den Job, seit mehr als 40 Jahren. Meine Weiterbildung im Bereich der außerklinischen Beatmung habe ich selbst bezahlt, 7.500 Euro. Mir ist wichtig, zu wissen, was ich tue. Einige Kollegen schätzen das und rufen mich an, wenn sie Rat brauchen. Eine Reihe anderer Kollegen hat im Prinzip keine Ahnung, und es stört sie auch nicht. Bei Problemen, die sie fachlich selber lösen können sollten, schicken sie Patienten in die Notaufnahme. Sie lesen nichts nach, interessieren sich nicht für die Patienten und ihre Krankheiten. Als ich einen Kollegen darauf ansprach, sagte er: "Warum sollte ich? Ich bekomme auch so mein Geld."

Ich fühle mich oft wie der Dumme in unserer Gesellschaft. Ich fahre ein Auto an und melde das der Polizei, obwohl mich niemand gesehen hat. Ich bezahle meine Rechnungen. Irgendwie habe ich gedacht, wenn ich meine Arbeit gut mache, wenn ich mich korrekt verhalte, ehrlich bin, fleißig und interessiert, dann tun das andere auch, dann kommt das zu mir zurück. Inzwischen habe ich das überwältigende Gefühl, dass die anderen, die Faulen, Gleichgültigen, die Lügner und Unehrlichen, mindestens genauso weit kommen wie ich. Mein gutes Gewissen ist dahin, der Neid auf die schlechten Menschen lässt mich nicht schlafen. Und so frage ich: Habe ich mich die letzten 60 Jahre falsch verhalten?

Ein Angestrengter

Lieber Angestrengter,

neulich verließ ich am frühen Abend die Redaktion zusammen mit einem Kollegen. Er grüßte mich mit einem Kopfnicken, hatte auf dem langen Flur allerdings einige Meter Vorsprung. Als ich den Aufzug erreichte, schloss sich die Tür direkt vor meiner Nase. Obwohl der Kollege davon ausgehen musste, dass auch ich vorhatte, das Erdgeschoss auf diese Weise zu erreichen, hatte er offenbar schnell den Knopf gedrückt, statt ein paar Sekunden auf mich zu warten. Erst wollte ich mich ärgern. Dann musste ich sehr laut lachen – meines Erachtens in den meisten Fällen die einzig adäquate Weise, auf Vollidioten zu reagieren.

Hat der Kollege das Erdgeschoss vor mir erreicht? Bestimmt. Wünsche ich ihm Hämorrhoiden an seinen allein im Aufzug fahrenden Hintern? Na klar. Trotzdem würde ich mich auch weiterhin und immer für jeden Herannahenden in jede sich schließende Aufzugtür werfen. Bis auf den Kollegen vielleicht.

Wahrscheinlich muss man Ihnen gar nicht sagen, dass Sie in Ihrem Beruf sehr vieles richtig machen. Sie haben auf eigene Kosten eine Weiterbildung finanziert, von der vor allem Ihre Patienten profitieren, eine Weiterbildung, die Sie zu einem besseren, kompetenteren Krankenpfleger macht. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser Umstand nicht auch zu positiven Rückmeldungen führt. Und sind es nicht diese Reaktionen, auf die es ankommt? Sie haben Ihre Weiterbildung ja nicht für die Kollegen gemacht, um den Super-Top-Checker-Pfleger-Preis zu gewinnen, sondern um den Menschen zu helfen, für die Sie Verantwortung tragen. Ohne Altruismus wäre das Gesundheitswesen sicher ohnehin längst kollabiert.

Natürlich wäre es irgendwie wünschenswert, dass andere sich daran ein Beispiel nehmen, anstatt ihren Job halbherzig zu erledigen. Aber ein bisschen frage ich mich schon, ob Ihr Groll sich nicht an der falschen Stelle entlädt.

Warum zum Teufel mussten Sie diese Weiterbildung eigentlich aus eigener Tasche bezahlen? Wie kann es sein, dass die Gesundheit der Patienten vom guten Willen und von den finanziellen Möglichkeiten einzelner Pfleger abhängt? Warum können sich Kollegen in der von Ihnen beschriebenen Weise durchlavieren, ohne dass irgendwo Alarmsirenen heulen? Was ist das für ein System, das Menschen wie Sie an den Rand der Kapitulation treibt? Wieso wehren Sie sich nicht?

Ich will Ihre Kollegen nicht verteidigen, sondern bin stattdessen ganz an Ihrer Seite und sage: Sie haben recht! Gerade deshalb glaube ich, dass es sinnvoll wäre, auch mal darüber nachzudenken, welche Missstände dazu geführt haben könnten, dass Ihre Kollegen resignieren und sämtliche Prinzipien über Bord werfen, die sie einmal genau zu diesem Beruf gebracht haben. Über die schlechte Bezahlung, die fehlende Anerkennung, die Überlastung.

Kein Arschloch zu werden in Zeiten von Panama Papers und Dieselgate und Trump ist fraglos eine Herausforderung. Aber wissen Sie: Der kategorische Imperativ allein wird uns nicht retten. Streiten Sie für das, was Ihnen wichtig ist! Streiten Sie politisch!

Und sollte ich jemals außerklinische Beatmung brauchen, wünsche ich mir aufrichtig, dass Sie bis dahin nicht aufgegeben haben – und an meiner Seite sind.

Ihre Ella