"Vive la France, vive l’Allemagne, vive l’Europe!" So beendete Emmanuel Macron Ende 2018 seine Rede im Deutschen Bundestag. Kein Zufall: Stünde Europa bei ihm an erster Stelle, hätte er mit "Vive l’Europe" begonnen. Dächte er an eine gleichberechtigte Partnerschaft mit Deutschland, müsste Allemagne aus Höflichkeit vor dem Gastgeber vor France kommen.

So aber erinnert der Präsident an das französische Integrationsmodell der 1950er-Jahre. Schon damals sollten zuallererst die französischen Probleme in der Montanindustrie gelöst werden, indem das aufstrebende Deutschland in Europa integriert wurde. Das Vorschlagsmonopol indes sollte bei der Europäischen Kommission liegen. Die Mitgliedstaaten hatten nur ein Vetorecht.

Heute verliert dieses Integrationsmodell immer mehr Anhänger. Selbst Macrons Frankreich ist partei- und gesellschaftspolitisch polarisiert und zeigt schon seit längerem nationalistische Tendenzen. Ein wichtiger Grund liegt im europäischen Modell selbst. Das Vorschlagsmonopol der Kommission verhindert, dass sich die nationalen Regierungen und die Parteien des Europäischen Parlaments mit eigenen Vorschlägen profilieren können.

Früher spielte das kaum eine Rolle, weil die europäische Integration keine wichtigen Themen für die Wähler aufwarf. Das änderte sich spätestens mit dem Euro. Das Motiv auch hier: Deutschland, dessen Wirtschaftsleistung pro Kopf heute gut zehn Prozent höher ist als die französische, sollte mit seiner D-Mark nicht Europa dominieren. Bis zur Schuldenkrise schien der französische Integrationsplan aufzugehen. Jedoch stellt die gemeinsame Währung nun auch Frankreich vor die Wahl, entweder seine Wirtschafts- und Sozialsysteme zu reformieren oder eine höhere Verzinsung seiner Schulden zu riskieren.

In fast allen Mitgliedsstaaten gehen diese Reformversuche mit einer Polarisierung einher, die sich an der institutionalisierten Lagerbildung zwischen Freunden und Feinden der Integration orientiert. In Polen und Ungarn regieren bereits integrationsskeptische Parteien, in Griechenland und Italien sogar linke und rechte gemeinsam.

Anstatt über das französische Außenpolitikprimat der Nachkriegszeit und die Folgen dieses Integrationsmodells nachzudenken, werden allgemeine Ursachen wie die Globalisierung und die Pluralisierung für die partei- und gesellschaftspolitische Polarisierung verantwortlich gemacht. Ohne die Briten dürfte es wie schon in den 1950er-Jahren einfacher sein, die französischen Vorstellungen über einen europäischen Haushalt und eine europäische Armee voranzutreiben. Besonders für Frankreich, das nach dem britischen Austritt als verbleibende Atommacht mit Sitz im UN-Sicherheitsrat für die Einsatzleitung der Armee infrage kommt, dürfte sich eine Europäisierung seiner Militärausgaben für die staatliche Rüstungsindustrie und Einsätze außerhalb Europas lohnen.

Noch deutlicher wird Macrons Primat "Frankreich zuerst" beim neuen gemeinsamen Haushalt, der Mitgliedsländern in Not beispringen soll. Zum einen lassen die bislang bekannten Kriterien viel Spielraum, wie die Mittel verwendet werden. Selbst Unruhen und Streiks könnten als Begründung ausreichen. Zum anderen soll nach französischen Vorstellungen ein Haushaltsminister die Ausgabenvorschläge unterbreiten.

Das erinnert an das Gründungsmodell Europas. Entschieden wird zentral, bezahlt dezentral. Wenn dieses Modell die Polarisierung in den Mitgliedsländern weiter befördern sollte, dann wird auch eine französische Präsidentin Marine Le Pen ihren Wahlerfolg mit den Worten "Vive la France, vive l’Allemagne, vive l’Europe" abschließen.