Jeder, dessen Erinnerung bis in die Neunziger zurückreicht, kennt ihr Bild: Annette von Droste-Hülshoff, die den alten, giftgrünen Zwanzigmarkschein zierte, ihres Zeichens Dichterin, wie die Schreibfeder auf der Rückseite zu belegen hatte. Ob ihr diese Allgegenwart im Zahlungsverkehr neue Leser verschaffte? Das mag man bezweifeln, so brav, wie sie sich dort darbot, mit Rüschenkragen und Korkenzieherlocken, ganz in den Zeitgeist des Biedermeiers gebannt, der, wie jeder zu wissen meint, langweiligsten aller literarischen Epochen.

Dabei war sie eine der größten deutschen – nein, nicht Lyrikerinnen, denn das klingt nach Strickstrumpf und Frauenbonus, dieser ganzen ihr tief verhassten Sphäre, nach dem Familiengefängnis, dem sie dennoch ihr Leben lang nicht entrann, außer wenn sie schrieb; sondern lyrischen Begabungen überhaupt, auf gleicher Höhe mit Goethe, Eichendorff, Rilke. Höchste Zeit also, dass jemand sich ihrer annimmt, sie aus dem feuchten Schlossgemäuer herausholt und ihr das Bürgerrecht in der Gegenwart verschafft.

Karen Duve ist unbedingt zu beglückwünschen, dass sie sich die Droste als Sujet für einen Roman ausgesucht hat. Aber musste er denn unbedingt Fräulein Nettes kurzer Sommer heißen? Im Fräulein schwingt nicht nur der Adel ihrer erzkonservativen Familie mit, sondern auch die ältliche unverheiratete Frau, die sie in den Augen ihrer Umgebung war; und "Nette", das ist eine Zudringlichkeit, die man kaum den Angehörigen verzeiht. Da benimmt sich die weibliche Solidarität leider nicht anders als die männliche Herablassung.

Duve zeigt die Droste in den restriktiven Verhältnissen, aus denen sie nicht herauskann, zwar voller Empathie, aber ohne wirkliches Gefühl für die Einzigartigkeit der Autorin. So ist eine Opfergeschichte herausgekommen. Opfer wurde sie freilich schon. Die aufmüpfige, allzu "männliche" junge Frau soll kleingehalten werden; und so kommt es – Kernstück des Buchs – zu einer niederträchtigen Intrige, an der teils vorsätzlich, teils aus engherziger Konvention ihr ganzes Umfeld mitwirkt und durch die sie letztlich um ihr Lebensglück betrogen wird. Der Adlige Arnwaldt, Hausgast der Familie und reaktionärer Burschenschaftler mit lang wallender Freiheitsfrisur, gibt vor, er wolle ihre Treue zu dem Habenichts Straube, ihrem Quasi-Verlobten, auf die Probe stellen. Er kompromittiert sie auf perfide Weise durch einen Kuss im Gewächshaus – und das Fräulein gilt von nun an als unvermittelbar; Straube wird von Arnwaldt unter Druck gesetzt, ihr einen schnöden Abschiedsbrief zu schreiben.

Aber die Droste, der man so übel mitgespielt hatte, geht in dieser Opferrolle eben nicht auf, sondern – schreibt. Die Lyrikerin, welche sich in besagtem kurzem Sommer (sie war damals etwas über zwanzig) bereits machtvoll entwickelte, kommt bei Duve gar nicht zu Wort. In einer emotional angespannten Situation erlebt der Leser das Fräulein, wie es einen Blumenstrauß zerpflückt, ja geradezu massakriert; es ist eine Anspielung auf das Gedicht: "Wie sind meine Finger so grün, / Blumen hab’ ich zerrissen". Das Gedicht selbst erscheint nicht; wer nicht weiß, dass es ein solches gibt, vermutet es gar nicht. Es ist ein sehr schönes Gedicht; und geht weiter: "Sie weinten nicht, sie klagten nicht, / Sie starben sonder Laut. / Nur dunkel ward ihr Angesicht, / Wie wenn der Himmel graut". Dafür ist hier kein Platz.

Gut, Duve wollte keine Heiligenlegende der Künstlerin verfassen, und ihre renitente Heldin steht der Heiligkeit erfreulich fern. Aber was, wenn nicht ihr Werk, rechtfertigt es, speziell sie ins Zentrum zu rücken? Es gibt um die Droste genügend anderes weibliches Personal, das ebenfalls fleißig korrespondierte, also hinlänglich dokumentiert ist. Es ist die hohe Zeit der Briefstellerinnen; in den Briefen, wenn auch an wenig anderen Orten, waren sie den Männern gleichgestellt und machten regen Gebrauch von diesem Privileg. Warum also gerade Nette und nicht Ludowine oder Anna oder Jenny? Da lebt Duves Buch von einer Voraussetzung, die sie nicht selbst begründet.

Diesen erheblichen Einwand muss man machen. Ansonsten aber hat Duve sehr gute Arbeit geleistet. Nicht nur hat sie die Quellen so minutiös studiert wie ein Philologe vom Fach (das Literaturverzeichnis erstreckt sich über 15 eng bedruckte Seiten), sondern, wichtiger noch, dabei der naheliegenden Versuchung des Zitierens widerstanden: Nur wenige entscheidende Briefe werden verbatim mitgeteilt, alles andere hat die Autorin auf eigene Rechnung in Handlung und Dialog verwandelt. Dialoge pflegen ja die Krux des historischen Romans zu sein; entweder sie archaisieren aufs Entsetzlichste, oder sie tun so, als kämen die Akteure geradewegs als unsere Zeitgenossen um die Ecke gebogen. Beides, so spürt man, ist verkehrt – aber was dann? Alles ist so lang her und klang doch damals ganz selbstverständlich. Eigentlich kann es nur schiefgehen. Bei Duve jedoch passiert das nicht. Sie findet, scheinbar ohne Mühe, eine Sprache, die Wahrscheinlichkeit für gestern wie heute besitzt. Es klingt so: "'Ich finde das Benehmen Ihrer Nichte sehr lieb', sagte Straube, und Anna kam sich zurückgestoßen vor. 'Ihrer Nichte' hatte er gesagt. Als wenn sie eine alte Jungfer wäre. 'Auch wegen gestern', sagte Anna. 'Dass sie Sie so beleidigt hat, eine Schande war das.' Straube winkte ungeduldig ab. 'Wir wollen nicht mehr davon sprechen.' – 'Sie ist nun einmal ... nun, sagen wir: merkwürdig.'"

Da spürt man unterm Kostüm die Herzen schlagen. Duves Erzählhaltung ist natürlich strikt auktorial, denn wie anders ließe sich zwanglos das Innere so lang verstorbener Akteure erfassen? Anna ist Annettes sehr junge Tante; die Auswirkung solcher Feinheiten auf ein lang verschollenes Gemüt kann nur ein Allwissender gestalten, ohne sich in Weiterungen zu verlieren.

Auch jemandem, dem die Droste nichts sagt, wird dieses Buch gefallen: Das kann man als Lob wie als Tadel verstehen. Aber eigentlich ist es doch ein Lob. "Nette" ist nur eine Figur unter vielen – der Kristallisationskern zwar, doch daneben gibt es Platz für eine Heerschar von anderen Figuren und Beziehungen. Es ersteht das komplette Porträt einer Epoche in ihren Charakteren. In deren Gestaltung liegt das wahre Verdienst Duves. Der liebenswerte, schüchterne Wilhelm Grimm; sein überarbeiteter, halb autistischer Bruder Jacob; der ganze Schwarm von Schwestern, Tanten und Nichten, die zwar alle mit den ewigen unvermeidlichen Handarbeiten im Salon herumsitzen, aber doch jede auf ihre Weise ihre begrenzten Möglichkeiten in der Gesellschaft austesten; Heinrich Heine, der einen Gastauftritt hat und über die westfälischen "Krautjunker" spottet; und natürlich Arnwaldt, der feurige schöne Schuft. Auch das große Ganze spart Duve nicht aus, namentlich was für ein erbärmlich armes Land Deutschland damals war. Im Unglücksjahr 1816/17 herrscht Hunger in den unteren Schichten; aber auch der ländliche Adel speist, wenngleich reichlicher, doch kaum über bäuerlichem Niveau. Die Schlösser sind eiskalt und die schlammigen Wege eine Katastrophe.

Ein Buch also, das sich sehr gut lesen lässt; das ohne Altertümelei und ohne Anbiederung an die Gegenwart das lebendige Bild von einer fernen Zeit entwirft. Nach besagtem kurzem Sommer sollte die Droste noch rund drei Jahrzehnte leben; die letzten Jahre verbrachte sie bei ihrer Schwester, die auf die Meersburg hoch überm Bodensee geheiratet hatte. Dort entstand eins ihrer berühmtesten Gedichte, Am Turme, das beginnt: "Ich steh auf hohem Balkone am Turm, / Umstrichen vom schreienden Stare", und endet: "Wär ich ein Jäger auf freier Flur, / Ein Stück nur von einem Soldaten, / Wär ich ein Mann doch mindestens nur, / So würde der Himmel mir raten; // Nun muss ich sitzen so fein und klar, / Gleich einem artigen Kinde, / Und darf nur heimlich lösen mein Haar / Und lassen es flattern im Winde!" Aufs Haar kommt es an, bei jeder Rebellion. Aber dieses Haar flattert nicht ganz so frei, wie es sollte; heimlich nur geschieht es, und selbst da stellen sich die Korkenzieherlocken quer. Man wünscht sich, die Dichterin hätte das Versmaß Versmaß sein lassen und stattdessen geschrieben: "Und es flattern lassen im Winde!" Was sie daran gehindert hat: Darüber erfährt man alles in Duves Roman.

Karen Duve: Fräulein Nettes kurzer Sommer. Roman; Verlag Galiani, Berlin 2018; 584 S., 25,– €, als E-Book 22,99 €