Von allen geheimnisvollen Dichtern der Neuzeit ist der Portugiese Fernando Pessoa der rätselhafteste. Je mehr man über ihn erfährt, desto ungreifbarer wird er. Als der 47-Jährige, der auf Fotos so viel älter erscheint, am 30. November 1935 in Lissabon an Leberzirrhose starb, hatte er gerade seinen ersten Gedichtband herausgebracht, war aber dem breiten Publikum völlig unbekannt. Allenfalls die Leser kurzlebiger avantgardistischer Zeitschriften kannten Pessoas Namen, doch dürften die wenigsten von ihnen gewusst haben, dass die dort auch gedruckten Dichter Alberto Caiero, Ricardo Reis und Álvaro de Campos Geschöpfe Pessoas waren.

Inés Koebel hat zwar dem von ihr herausgegebenen Band mit Selbstzeugnissen Pessoas und Erinnerungen von Zeitgenossen den Titel Ich Ich Ich gegeben, doch bleibt Pessoa ein Dichter ohne das Zentrum eines Ichs, ein Dichter, der sich in das Labyrinth jener Gestalten verzweigt hat, die er Heteronyme nannte, von denen aber keine das "wahre Ich" des Dichters darstellt, selbst jener Dichter nicht, der unter seinem eigenen Namen "Fernando Pessoa" publizierte.

Es passt ins Bild, dass im Portugiesischen pessoa sowohl "Person" als auch "Maske" und sogar "niemand" bedeutet. Das Erstaunliche, ja schlechthin Unbegreifliche besteht im Falle Pessoas darin, dass seine vielen Masken nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander aufweisen. Pessoa, der als poetisches Credo verkündete: "Sei vielgestaltig wie das Weltall!", und der mit der Devise "Gott ist nicht einer, wie könnte ich es sein" auch die Blasphemie nicht scheute, erscheint tatsächlich in jeder seiner Verkörperungen als ein radikal anderer.

Dieser primär stilistische Eindruck verstärkt sich noch dadurch, dass Pessoa, der "Dichter ohne Biografie" (Octavio Paz), jeder seiner Ich-Erfindungen eine eigene originelle Lebensgeschichte erfunden hat. So lebt – um nur die vier bekanntesten Heteronyme zu nennen – Alberto Caiero bewusst zivilisationsfern auf einem Landgut im Ribatejo und schreibt dort eine Art philosophischer Hirtendichtung, in der er die "Mystik des Nichtwissenwollens" propagiert und die Welt des Fortschritts rigoros ignoriert, während Ricardo Reis nach dem Ende der portugiesischen Monarchie von Porto nach Brasilien auswandert und sich als "neuheidnischer" klassizistischer Dichter versteht, der in Oden nach antiken Vorbildern eine Melange aus Epikureismus und Stoizismus praktiziert.

Álvaro de Campos wiederum, der in Glasgow zum Schiffsingenieur ausgebildet wurde und inzwischen arbeitslos in Lissabon lebt, ist ein dem Fortschritt Verfallener, der sich in provokanten Poemen wie seiner Triumphode und Meeresode oder seinem Ultimatum als metaphernsüchtiger Futurist austobt und die gesamte kanonisierte Kultur seiner Zeit als, so wörtlich, "Scheiße über Bord kippt"; später aber wandelt er sich zu einem Elegiker, der im Parlando der Resignation den Besitzer eines Tabakladens, einen Bettler unter den Arkaden, eine Kleinbürger-Familie im Nachbarhaus preist oder auch "die mütterliche Nacht" besingt.

Einen Sonderfall stellt Bernardo Soares dar, der Hilfsbuchhalter aus Lissabons Unterstadt, der Baixa, dort in einem Kontor englische Geschäftsbriefe übersetzend und nebenher sein als "Bollwerk gegen das Leben" gedachtes Tagebuch schreibend, das als Buch der Unruhe erst 1982 erschien und Pessoas Weltruhm begründete.

Pessoa hat diesen Bernardo Soares wohl deshalb als "Halbheteronym" etikettiert, weil dessen soziale Existenz als ewig schlafloser Junggeselle ("selbst vom Tod erwarte ich keinen Schlaf"), der zwischen möbilierten Zimmern, Cafés und Branntweinkneipen ein äußerlich völlig ereignisloses Leben führt, so auffallend seiner eigenen gleicht. Selbst die Aversion gegen das Reisen teilt Pessoa mit Soares: "Nur äußerster Mangel an Einbildungskraft rechtfertigt, dass man auf Reisen geht; existieren ist reisen genug."

Der Gedichtband Mensagem (Botschaft), der in Pessoas Todesjahr 1935 unter seinem eigenen Namen erschien, verrät rein gar nichts von diesen Lebensumständen des Dichters. In ihm beschwört Pessoa die mythischen Figuren der ebenso glorreichen wie unglücklichen portugiesischen Geschichte, von Heinrich dem Seefahrer, Vasco da Gama und Ferdinand Magellan bis zu jenem jungen König Dom Sebastião, der 24-jährig zu einem neuen Kreuzzug gegen die Mauren aufbrach, aber 1578 mit seinem Heer im Wüstensand vor den Mauern von Alcácer vernichtend geschlagen wurde. Da niemand den König hatte sterben sehen und auch nie sein Leichnam gefunden wurde, kam im wundergläubigen portugiesischen Volk bald der Glaube an seine glorreiche Rückkehr nebst Errichtung eines "Fünften Reiches" auf, ein Glaube, der als Bewegung des Sebastianismus bis ins 20. Jahrhundert überlebte und sogar noch einen so aufgeklärten Geist wie Pessoa infizierte.