Ich denke darüber nach, wie Wissenschaft zum globalen Klimaschutz beitragen kann. Als Soziologin arbeite ich mit Kolleginnen und Kollegen aus den Technik- und Naturwissenschaften, den Geistes- und Rechtswissenschaften zusammen. Wir wollen herausfinden, welche der vielen denkbaren Klimazukünfte plausibel sind. Uns leitet dabei die Idee, die gesellschaftlichen und die physikalischen Prozesse, die wir erforschen, methodisch so zu einem Bild zusammenzusetzen, dass sich erkennen lässt, welche Zukünfte zu erwarten sind.

Gegenwärtig frage ich mich als Soziologin, unter welchen Voraussetzungen wirksamer Klimaschutz überhaupt möglich ist. Wir befinden uns ja in einer verfahrenen Ausgangssituation. Seit 2015 gibt es ein völkerrechtlich verbindliches Abkommen, wir haben umfassende Kenntnisse zu den anthropogenen Ursachen der Erderwärmung, zahllose lokale Klimaschutz-Initiativen versuchen ihr Bestes – und trotzdem steigen die Emissionen weltweit an. Als Soziologin möchte ich wissen: Warum steckt unsere Gesellschaft in allen Lebensbereichen in den fossilen Energien fest, ob es um Mobilität, Landwirtschaft oder Energieversorgung geht?

Bei vielen bekannten Klimaforschern entsteht die Überzeugung, sie seien persönlich gescheitert, weil sich zeigt, dass es nicht reicht, Warnungen auszusprechen, die wissenschaftlich begründet sind. Aber worauf sonst sollten wir die Aufmerksamkeit richten? Ich meine, Soziologen müssten beschreiben können, wie unsere Gesellschaft zumindest die ersten Schritte auf dem Weg in eine kohlenstofffreie Wirtschaft machen könnte. Ich gehe natürlich zunächst von einer strikten Trennung zwischen dem Forschen und dem Handeln aus. Aber wenn man Handlungsmöglichkeiten beschreiben und bewerten will, sind Engagement und Distanzierung, wie der Soziologe Norbert Elias diese verschiedenen Weltzugänge genannt hat, beide unabdingbar.

Abstand ist notwendig, um sich ein Bild von einer Gesellschaft zu machen. Man legt Theorien des Handelns, wissenschaftliche Methoden und Rechnerkapazitäten zwischen sich selbst und den Gegenstand. Das bedeutet etwa, dass wir anhand großer Datenmengen das Massenverhalten im Verkehr analysieren und ich in Langzeitstudien untersuche, wie diejenigen Unternehmen, die für den größten Teil der CO₂-Emissionen verantwortlich sind, ihre strategischen Entscheidungen treffen. Gleichzeitig aber suche ich mit meiner Forschung nach Formen des Engagements oder der Empathie. Ich möchte möglichst nah an die Klimaakteure herankommen, und zwar an alle, ob es Stadtteil-Initiativen sind oder Wirtschaftsmanager. Ich versuche, sie in Seminaren an der Universität zusammenzubringen. Das macht Handlungsspielräume erkennbar.

Doch die Annäherung kann den Blick auch trüben. Die Balance zwischen Distanz und Empathie ist immer neu auszurichten: Als Soziologin muss ich eine neutrale Beobachterin aller Positionen sein und offen für alle Motivationen. Ich muss auch die Wut der Menschen in den Kohleregionen verstehen. Man tut diesen Menschen unrecht, wenn man sich emotional von ihnen abschottet – es ist nicht ihre Verantwortung, dass die Kohle aus Klimaschutz-Gründen von gestern ist. In diesem Spannungsverhältnis merke ich: Die Neutralität und Unabhängigkeit, die mit einer Universitätsprofessur einhergehen, sind ein unglaublich hohes Gut, das es zu schützen gilt.

Es kommt noch etwas hinzu: Als Soziologin habe ich ein anderes Verhältnis zum Klimawandel als etwa die Kollegen von der Meteorologie mit ihren Modellierungen der Erdtemperatur. Im Unterschied zur naturwissenschaftlichen Methodik verändert sich mein Gegenstand durch die Forschung, denn als Beobachterin der Gesellschaft stehe ich immer in Wechselwirkung zu ihr. Auch wir Forschenden selbst sind Gegenstand meiner Beobachtung. Seit Langem versuche ich, diesen Unterschied in der Gruppe unseres Exzellenzclusters verständlich zu machen. Wenn ich zum Beispiel ein Wirtschaftsunternehmen forschend beobachte, denken die verantwortlichen Manager über meine Forschung nach, und die Wechselwirkungen können Entscheidungen beeinflussen.

Die Klimaphysiker verwenden in der Klimamodellierung zwar sehr komplexe, hochauflösende Modelle, doch so etwas wie die Einhaltung oder Nichteinhaltung des Pariser Klimaschutz-Abkommens geht dort letztlich als ein relativ einfacher Emissionswert ein. Wie das Klima sich dann im Modell weiterentwickelt, hängt letztlich von der Abbildung naturgesetzlicher Zusammenhänge ab. Gesellschaftliche Entwicklungen aber richten sich nicht nach Naturgesetzen. Sie ergeben sich durch ein Zusammenwirken von spezifischen sozialen Ausgangslagen, langfristigen Veränderungen und kurzfristigen Ereignissen. Es ist sehr schwer vorherzusehen, unter welchen Umständen ein bestimmtes Ereignis eine abrupte Revolution herbeiführt, zu einem langfristigen Kulturwandel beiträgt oder letztlich doch nur die bestehenden Verhältnisse verfestigt.

Als Soziologin sieht man die Kompliziertheit, das Multiversum des Handelns – auf allen Ebenen, von der lokalen Initiative, den kommunalen Behörden über die Unternehmen bis zu den UN. Und man stellt fest, dass die Handlungen in lauter verschiedene Richtungen laufen. Aus einer soziologischen Perspektive ist es völlig offen, wie sich das Verhalten aller Akteure zu einem kohlenstofffreien Wandel koordinieren ließe. Es gibt zwar Beispiele für große Transformationen, ob es der Einstieg in die Kohlewirtschaft vor 200 Jahren war oder die Verstädterung, aber diese Prozesse beruhten nicht auf Vorsatz. Für den jetzt geplanten globalen Klimaschutz gibt es kein historisches Beispiel, von dem sich lernen ließe. Gerade darin besteht für eine Soziologin die intellektuelle Herausforderung.

Die meisten politischen Hebel greifen noch nicht. Trotzdem sehe ich besonders zwei Anhaltspunkte für das, was wir in Zukunft erwarten können: Die großen Investoren ziehen sich aus der Kohle zurück, weil die Investitionen zu unsicher werden. Und ein neuer Weg sind auch die Gerichtsverfahren: Ein peruanischer Bauer etwa hat erreicht, dass ein deutsches Gericht seine Klage gegen ein Energieunternehmen auf Kompensation für lokale Klimaschäden zulässt. Beides zeigt: Es gibt Spielräume. Deshalb halte ich wenig von der Strategie mancher Klimaforscher, durch schlechte Nachrichten Angst zu erzeugen. Angst gibt es genug, und Angst lähmt. An demokratischen Alternativen kann man nur erfolgreich basteln, wenn das Nachdenken auch Spaß macht.