Einhundert Jahre KPD! Die Linke wollte feiern, am kommunistischen Geburtsort, im rot-rot-grün okkupierten Berliner Abgeordnetenhaus. "Unwürdige Festtage der Unbelehrbaren" waren zu erwarten, die "geschichtslose Huldigung der Feinde unserer Demokratie und freien Gesellschaft". Das wusste Burkard Dregger, der Fraktionsvorsitzende der Berliner CDU, und forderte Verbot. Er drang nicht durch. Das schändliche Event fand statt. Am Eingang gab es Saft und Sekt, sodann ein zweistündiges Seminar.

Dregger hätte es genossen. Bereits die erste Rednerin Manuela Schmidt, Vizepräsidentin des Berliner Parlaments, referierte wider die Demokratieverachtung der KPD. Der Historiker Ronald Friedmann nannte deren eigentliches Gründungsdatum: Die Spaltung der Arbeiterbewegung begann am 4. August 1914, als die SPD mit dem Kaiser "Burgfrieden" schloss und die Kriegskredite bewilligte. Rhonda Koch, Bundesgeschäftsführerin des Studierendenverbands Die Linke.SDS, erinnerte an Rosa Luxemburgs antileninsches Parteiideal: Nicht Kader sollten herrschen, sondern Volksmassen sich emanzipieren, von unten nach oben, damit das wirkliche Leben die Partei zur "weitherzigen Menschlichkeit" erziehe.

Erinnerung: Zur Zeit der deutschen Teilung übermalten zwei Partei-Ideologien das Wimmelbild der Revolution von 1918/19. Beide Deutungen waren defizitär und tendenziös; sie kontrastierten wie Bundesrepublik und DDR. Laut Geschichtserzählung der SPD stiftete die sozialdemokratische Regierung Ebert/Scheidemann/Noske die Weimarer Demokratie und bewahrte Deutschland vor einer bolschewistischen Diktatur, wie Lenins Oktoberputsch sie 1917 Russland aufgezwungen hatte. Laut SED-Doktrin sabotierte 1918 die SPD Deutschlands revolutionäre Erneuerung. Sie kungelte mit den feudal-militaristischen Eliten des Kaiserreichs gegen das Volk, das deshalb der KPD bedurfte. "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!"

Via KPD-Geschichte legitimierte sich das SED-Regime als antifaschistisch, beginnend mit dem Martyrium von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Alljährlich im Januar defilierte "das Volk", offiziell stets 200.000 Menschen, nach Berlin-Friedrichsfelde zur Gedenkstätte der Sozialisten und ehrte "Karl und Rosa" an ihren Gräbern. Am 17. Januar 1988 störte ein Fähnlein von Bürgerrechtlern den Parteigottesdienst. Die Dissidenten präsentierten ein Spruchband mit dem Luxemburg-Zitat: "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden". Freilich hatte Rosa Luxemburg nur Lenins Kommandopartei "neuen Typus" kritisiert. Rabiat schritt die Staatsmacht ein, verhaftete, wies aus, doch die Botschaft war in der Welt. Die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration 1988 wurde zum Sargnagel der DDR.

Die rituelle Demo gibt es weiterhin, demnächst am 13. Januar, allerdings völlig verändert. Die Granden der Linkspartei gedenken morgens, ohne Trara, und spenden wohl auch dem neuen kleinen Ehrenmal der Bürgerrechtler ein Angebinde. Der große Zug kommt später und beglückt Spötter und Fotografen mit den Skurrilitäten der Weltrevolution. Berlins Kultursenator Klaus Lederer spricht von einem "linken Sektenfasching". Der sei nicht die Sache der Linkspartei, sagt deren Pressesprecher Thomas Barthel. Schon gar nicht, wenn die Umzügler eine "Liebknecht-Luxemburg-Lenin-Demo" propagierten.

Lenin steht für das Jahrhundert des Totalitarismus, Rosa Luxemburg dagegen. Die deutsche Literatur besitzt einen gewaltigen, verblüffend unbekannten Roman, der alle Milieus jener Epoche erzählt: Alfred Döblins November 1918. Zum KPD-Gedenken der Linkspartei trug Raul Zelik drei Passagen daraus vor. Döblin, Sozialist und Christ, beginnt seine vierbändige Weltgeschichte im Elsass. Nach dem Zusammenbruch der deutschen Westfront sind 600.000 Mann Reichswehr eiligst hinter die künftigen Reichsgrenzen zurückzuführen. Und dann? Wer resozialisiert sie und den zertrümmerten Staat? Der Leser begreift, dass Eberts Kooperation mit Ludendorffs Nachfolger Wilhelm Groener aus Notwehr geschah. Die deutsche Niederlage war Ebert aufgehalst worden. Er hasste die Revolution "wie die Sünde". Er wollte keine sozialistische Räterepublik, sondern sozialdemokratische Ordnung, Parlamentarismus, Wahlen zur Nationalversammlung. Dafür paktierte er mit Mächten der Restauration, die ihn als Marionette tanzen ließen. Sein Reichswehrminister, der selbst ernannte "Bluthund" Noske, war eine präfaschistische Gestalt. Entsetzliche Geburtshelfer hatte die Weimarer Demokratie.

Karl und Rosa heißt Döblins vierter Band. Karl Liebknecht, der hochtönende Prediger, wird tragisch ironisiert, Rosa Luxemburg zur mythischen Heilandin. Beide verrecken durch schlimme Freikorps-Kreaturen. Das "rote Schwein" Liebknecht: rücklings in den Kopf geknallt und am Zoo entsorgt. Die "Judensau" Luxemburg: Flintenkolben ins Gesicht gedroschen, in die Schläfe geschossen, in den Landwehrkanal geschmissen. Heidewitzka, und nun Suff!

Viereinhalb Monate später, am 31. Mai 1919, entdeckte der Schleusenarbeiter Knepel eine stark verweste Wasserleiche.

Es ist ehrenhaft, dieser Vordemokraten zu gedenken – ebenso der Abermillionen Opfer des Kommunismus. An dessen fürchterliche Schuldgeschichte erinnerte der Historiker Marcel Bois. In den Zwanzigerjahren geriet die Thälmann-KPD an die Sowjet-Kandare. Nach Lenins Tod siegte in Moskau die Stalin-Fraktion. Die Sowjetunion wurde zum Heiligen Land, Marx, Engels, Lenin promovierten zu Religionsstiftern. Parlamentarismus und demokratische Wahlen waren bürgerliche Teufeleien, SPD-Genossen zu bekämpfende "Sozialfaschisten". Und dann kam Hitler. Tausende Kommunisten flohen klassenillusionär in Stalins Reich, viele fanden dort den Tod.

Demokratie und Sozialismus gehören zusammen, resümierte Linksparteichef Bernd Riexinger. Welch bürgerliche Weisheit, teuer erkauft. Liebknecht und Luxemburg erfuhren nicht, welche Gräuel die "Diktatur des Proletariats" begehen würde. Sie endeten ausgangs der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Sie verweigerten den imperialistischen Weltkrieg und demaskierten den sakralen Nationalismus, in dessen Namen das Völkerschlachten geschah, gemäß Luxemburgs Wort: "Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen." USPD, Spartakusbund, schließlich die KPD entstanden, weil die SPD ihren Internationalismus verriet und sich ins Kriegsgeschirr spannen ließ. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren Sozialdemokraten, fast bis zum letzten Tag ihres Lebens.