Die Kolumnistin des Wall Street Journal, Peggy Noonan, hat eine feine Idee in den Kulturkampf, Abteilung Kunstfreiheit, geworfen. "Political Correctness ist der Feind der Kunst", die "Selbstzensur meuchelt sie". Denn die Kohorten des Korrekten wollen ausmerzen, was sie nach Gutdünken als Rassismus, "kulturelle Aneignung", Sexismus oder westliches Dominanzdenken anprangern.

Die Beispiele sind geläufig. "Nigger Jim" muss raus aus Huckleberry Finn. Pippi Langstrumpfs "Negerkönig" muss dem "Südsee-König" weichen. Der Literaturunterricht soll nichts anbieten, was junge Gemüter traumatisieren könnte. Auf dem College-Campus müssen "safe spaces" her, um die Zöglinge vor seelenquälenden Ideen und Debatten zu schützen. Die Kunst, ob Pop oder Großliteratur, muss kuschen, wo sie beunruhigt oder provoziert.

Seit den Höhlenzeichnungen war die Kunst immer Schlachtfeld. Was ist gut, was verwerflich? Was darf man sagen, darstellen, zeigen – was ist ketzerisch, obszön und subversiv? Nun kam die Zensur jahrtausendelang von rechts – von Priestern und Potentaten. Linke und Liberale kämpften zu Recht gegen Glaubenssätze und offizielle Wahrheiten, die in Verfemung und Verfolgung ausarteten. Nur haben links und rechts inzwischen die Plätze getauscht. Jetzt kommen die Rede- und Verhaltensverbote, die Angriffe gegen Filmer, Comedians und Intellektuelle von links, wo auch die Deutungshoheit residiert.

Die Konservativen mögen gegen PC poltern, können aber gegen die progressive Übermacht im Kulturbetrieb nichts ausrichten. Deshalb, so Noonan, müsse der Widerstand aus dem linken Lager kommen – von jenen, die Kunstfreiheit wie die Luft zum Atmen brauchen. Leider verträgt sich dieser Wunsch nicht mit kommerziellen Interessen. Große US-Verlage verlangen von ihren Autoren züchtiges Gebaren. Sie nehmen sich das Recht, einen Text zu kippen, gar den Vorschuss zurückzufordern, wenn Fehltritte zutage kommen und (so ein Verlag) "breite öffentliche Verdammung erzeugen, welche die Verkaufszahlen ruiniert".

Laut New York Times darf der Magazin-Konzern Condé Nast einen Vertrag eigenmächtig brechen, wenn der Autor "Verachtung, Beschwerden oder Skandale auf sich zieht". Der Mann, die Frau muss nichts Böses getan haben, es reicht allein der "Verruf". Also ein Twitter- oder Facebook-Sturm. Wie viel Weltliteratur wäre verschwunden, wenn die Werke folgender Autoren auf dem Index der Kurie geblieben wären? Victor Hugo, René Descartes. Gustave Flaubert, selbst Kants Kritik der reinen Vernunft? Von Henry Miller (Verbot in Amerika) und Salman Rushdie (Todesurteil per Fatwa) nicht zu reden. Anfang der Fünfziger landeten zehn Regisseure und Drehbuchschreiber im Gefängnis – wegen kommunistischer "Umtriebe".

Früher waren Zensur und Pranger ein rechtes Projekt, heute ist PC ein linkes. Selbstverständlich glauben die Wahrheitswächter aller Couleur, dass sie dem Guten dienen. Liberal sind beide Seiten nicht, weil sie die Rede- und Kunstfreiheit ummauern wollen. Freiheit aber muss provozieren und verärgern, weil sonst Denken und Kunst zu Dogmatik und Intoleranz erstarren. Gegen Rassismus und Diskriminierung kann der liberale Staat das Gesetz aufbieten. Dieses Arsenal reicht aus. Und "Nigger Jim", übrigens eine antirassistische Figur, muss weiter den Mississippi hinunterfahren dürfen.