Brandenburg ist malerisch. Die herrliche Mark, ihre Flüsse und Schlösser ziehen ein ums andere Jahr Tausende Besucher an. 2019 allerdings droht die Landtagswahl die schönen Seiten des Bundeslands zu überschatten. Derzeit liegt die AfD mit 20 Prozent gleichauf mit der seit der Wende in Brandenburg regierenden SPD.

Was lässt die Menschen hier fast verbittert protestieren? Was treibt sie dazu, der Partei eines Gaulands, eines Höckes, eines Poggenburgs ihre Stimme zu geben und für Menschen zu votieren, die sich für den Brandenburger Landtag mit den Worten "Ich sehe die AfD als Schwert unseres Volkes" bewerben, wie der selbst in den eigenen Reihen umstrittene Marcel Donsch? Meiner Erfahrung nach nehmen nicht wenige der AfD-Sympathisanten so etwas zähneknirschend hin, wohlwissend um die Brisanz des Gesagten, aber, hey, man könne ja nicht anders, wenn man endlich einmal gehört werden wolle.

Gehört wird vielleicht auch die folgende, gar nicht so schwarz-weiße Geschichte, die sich erst vor wenigen Wochen in meinem Bekanntenkreis zugetragen hat. Sie mag als Beispiel dafür stehen, warum die AfD so viel Zuspruch bekommt.

Ein Paar aus Sachsen verbringt mit seinen beiden Kindern ein Wochenende in einem idyllischen Schlosshotel in Brandenburg. Vor Ort ist alles bestens, das inhabergeführte Hotel ist gemütlich und geradezu pittoresk, es entspricht den Erwartungen der Besucher. Die Besitzer der Gutsanlage – ein Ehepaar aus Westdeutschland, das Mitte der Neunziger das Gut erworben hatte, um es zu einem gastlichen Ort zu machen – erweisen sich als überaus freundlich und zuvorkommend, sie sind gebildete Gesprächspartner. Der Mann fährt mit den Kindern Traktor im Garten, man kümmert sich.

Am nächsten Morgen beim Frühstück stößt das Besucherpaar über eine Google-Suche eher zufällig darauf, dass der Gastgeber bei der nächsten Landtagswahl für die AfD kandidiert. Nach einigem Abwägen beschließt man abzureisen: Trotz der bisher erlebten Annehmlichkeiten fühle man sich nicht mehr ganz wohl, nachdem man diesen Umstand kenne.

Höflich erläutert man das den Hoteliers, die ihrerseits noch um ein Gespräch bitten, um sich erklären zu können. Das Gespräch kommt zustande. Darin ist zu erfahren, wie mühevoll der Aufbau des Gutshotels gewesen sei, welche Schwierigkeiten man gemeistert, aber auch welch gute Erfahrungen man mit den Leuten, den Handwerkern der Umgebung gemacht habe. Das Gut sei für die Inhaber ihr geplanter Alterssitz und die letzte große berufliche Aufgabe nach ihrer beider Pensionierung.

Irgendwann aber seien dunkle Wolken aufgezogen. Übel riechende Wolken, um genauer zu sein. Eine Biogasanlage werde ganz in der Nähe des Hotels geplant, habe man erfahren. Eine Anlage, die samt ihren voraussichtlich regelmäßig vorbeiziehenden Fahrzeugen existenzgefährdend zu werden drohe. Man schrieb Eingaben an alle möglichen Stellen, unterschiedliche Parteien. Es geschah lange Zeit – nichts. Die einzige Seite, die ein offenes Ohr gezeigt und von der man Unterstützung erhalten habe, sei die AfD gewesen. Da habe bei dem Mann, der nun für die AfD zur Wahl antritt, ein Umdenken angefangen.

Die geschilderte Not habe ehrlich auf sie gewirkt, sagen meine Bekannten. Sie verließen das Hotel, brachen den Kontakt zu ihren Gastgebern jedoch nicht ab. Nur wenige Tage später schrieb das Paar noch einmal einen Brief nach Brandenburg, in dem es für den Aufenthalt dankte, vor allem aber für die Offenheit der Kommunikation – gleichzeitig betonend, wie wichtig ihnen die Offenheit der gesamten Gesellschaft auch in ihrer multikulturellen Vielfalt und ihrem Streben nach Erhalt einer jeden Menschen schätzenden Demokratie sei. Man wünsche dennoch Glück beim Finden eines Kompromisses für das Hotel.

Eigentlich keine so schlechte Geschichte im Ergebnis, oder?

Und auch wenn die brandenburgischen Gutsbesitzer mit westdeutscher Biografie nicht prototypisch für den einheimischen AfD-Sympathisanten zwischen Cottbus und Nauen stehen, der umgekehrt noch seltener seine Altersphase mit dem Erwerb eines Schlosses in Rheinland-Pfalz oder in Niedersachsen zu krönen vermag, so kann man bei genauerem Hinsehen oft das individuelle Schicksal als Grund für die enttäuschte Abkehr von der in den vergangenen 30 Jahren erlebten Politik erkennen.

Das Problem scheint tatsächlich vor allem darin zu liegen, dass die meisten etablierten Parteien ihre Wähler derartig enttäuscht haben müssen, dass sie diese nicht mehr an sich zu binden vermögen. Dabei haben die Parteien ihre Wähler gar nicht sofort an die AfD verloren, eher blieb man bei Wahlen erst einmal zu Hause. So auch bei der bislang letzten Landtagswahl in Brandenburg vor nunmehr fast fünf Jahren. Optimisten sind der Meinung, dass SPD und CDU es noch schaffen könnten, die Gunst der Nichtwähler zurückzugewinnen, wenn sie endlich wieder ernsthaftes Interesse vermitteln könnten, das Ohr ganz nah am Volke hätten. Nur: Das kann die AfD auch, wie man einmal mehr gesehen hat, und vielleicht gar nicht so schlecht.

Die nächsten Monate werden von immenser Bedeutung sein: Man wird wohl oder übel in etablierten politischen Reihen noch kreativer werden und vor allem glaubhaft neue Saiten anschlagen müssen, um jenseits von Populismus und Provokation in diesem Jahr ostdeutsche Blumentöpfe gewinnen zu können.