Der Weg zu dem Mann, der den Geist, die Hybris und die Komik der französischen Politik in feine Striche fasst, führt vorbei an den aktuellen Symptomen dieser Politik. Am Kreisverkehr einer Überlandstraße im Norden von Burgund lodert ein Feuer. Davor steht eine Handvoll Menschen in gelben Westen. An diesem trüben ersten Wochenende des neuen Jahres wirkt die Szenerie wie ein Bild aus einem postapokalyptischen Film. Womöglich haben die Protestierenden das Feuer auch nur wegen der feuchten Kälte angezündet. Rechts führt die Straße über einen Hügel nach Chichery, zum Heimatdorf des Comiczeichners Mathieu Sapin. Geradeaus geht es zum Städtchen Appoigny, ins Café de la Place, wo der Künstler bereits vor einer Tasse Kaffee sitzt.

Sapin lebt in Paris, in seiner burgundischen Heimat macht er ein paar Tage Neujahrsurlaub. Auch er hat das Feuer der Gelbwesten am Kreisverkehr gesehen. Faszinierend an der Protestbewegung sei, dass niemand mit ihr gerechnet habe. "Plötzlich war sie da und mit ihr die Krise. An dem Tag, als alles eskalierte und das Innere des Arc de Triomphe demoliert wurde, war ich in Paris in einem anderen Viertel im Kino, ironischerweise in einer Komödie mit dem Titel En liberté. Alles war sehr ruhig – und auf der anderen Seite von Paris explodierten die Champs Élysées".

Sapin ist ein Männchen mit kastigem Kopf und ein paar Pünktchen als Bartstoppeln

Durch Sapins wuselige und dabei hochkomplexe Zeichnungen lässt sich manches von dem verstehen, was man als eine seismische Erschütterung der französischen Politik bezeichnen kann. Mit seiner Langzeitbeobachtung Le Chateau – Ein Jahr in den Kulissen des Élysée erwies sich Sapin vor zwei Jahren als lakonischer Chronist des französischen Politiktheaters. Über Frankreich hinaus berühmt wurde er durch eine weitere Langzeitbeobachtung: Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu. Auch hier geht es um das Zusammenspiel von Macht, Prominenz und Verführung, um die Bildung von Hofstaaten im Milieu der französischen Kultur.

Sitzt man dem vierundvierzigjährigen Sapin gegenüber, scheint er mit dem Selbstporträt in seinen Comics zu verschwimmen: einem Männchen mit kastigem Kopf, wenigen Haaren und ein paar Pünktchen als Bartstoppeln. In Le Chateau schickt Sapin dieses Männchen in den Élysée-Palast während der Amtszeit von François Hollande.

Seine Bilder sind voller Dialoge, Anmerkungen, Gedankenblasen, Haupt- und Nebeninformationen. Was sie erzählen, ist tatsächlich eine Reise durch Kulissen, eine Erkundung der Macht, ihrer schnell wechselnden Darsteller, ihrer ewigen Bühnen, Dekors, Requisiten. Sapin interessiert sich weniger für die Tagesaktualität der französischen Politik – sie kommt im Buch natürlich vor – als für die Mechanismen der Repräsentation. Verdichtet auf wenige Bilder, zeigt er turbulente Pressekonferenzen, die Vorbereitung von Banketten, bei denen der Abstand der Teller millimetergenau ausgemessen wird; er folgt Fernsehstars bei Home-Storys über den Élysée, interpretiert ironisch die Sitzhierarchie bei Mitarbeiterversammlungen.

Hier im Café de la Place (ein Plakat kündigt Musikaufführungen mit keltischen Einflüssen an) wirkt es unwirklich, dass Mathieu Sapin, der Junge aus Chichery, jahrelang mit einer Sonderakkreditierung im Élysée ein und aus ging. In seinem Buch ist seine Beobachterrolle spielerisch präsent: Als er zum ersten Mal den Palast betreten will, findet ihn die Polizei zunächst nicht auf der Besucherliste. In der Zeichnung markiert Sapin mit kleinen Pfeilen die Herkunft seiner Kleider ("abgewetzte Slipper aus dem Supermarkt, Anzug aus Lycra vom Boulevard Saint-Michel, inklusive Hemd und Gürtel 89 Euro"). Als ihn François Hollande zum Kennenlernen in seinem Büro empfängt, imaginiert Sapin, welche berühmten Menschen wohl vor ihm auf dem Louis-XV.-Stuhl gesessen haben ("Barack Obama, Nelson Mandela, Margaret Thatcher, Fidel Castro, Angelina Jolie, Marilyn Monroe?"). Immer wieder sieht man sein kleines Alter Ego mit der knubbeligen Nase staunend, verlegen, verschwitzt in einer Ecke der prunkvollen hohen Räume. "Ich habe versucht, so oft wie möglich in den Élysée zu gehen, um nicht mehr von dem Ort an sich beeindruckt zu sein", sagt Sapin. "Und ich fand es erstaunlich, wie unpraktisch er ist. Das WLAN funktioniert nicht gut, es gibt kaum Steckdosen, das Gebäude ist schwer zu heizen. Der Palast existiert nur für die Repräsentation, für die Bilder, die die Macht von sich selbst produziert."

Für die Franzosen sei der Élysée-Palast etwas ziemlich Mysteriöses, sagt Sapin. Und für den Rest der Welt wohl auch, möchte man im Geiste hinzufügen. "Wir behaupten in Frankreich, in einer republikanischen Demokratie zu leben, und glauben, dass die Monarchie weit zurückliege. Aber tatsächlich befinden wir uns sehr nahe an einer demokratischen Monarchie. Ihr symbolisches Zentrum ist der Élysée-Palast, ein Ort so unzugänglich wie ein mittelalterliches Schloss." In seinem Comic-Band seziert Sapin das System Élysée von den katakombenhaften Weinkellern bis zum Flugzeug des Präsidenten. Minister, Kabinettschefs, Leibwächter, Floristinnen, Köche, Kommunikationsstrategen, Chauffeure – stets trifft Sapin den Menschen hinter der Funktion. Man muss sich nur anschauen, wie er Evelyne Richard, die Grande Dame der Presseabteilung, skizziert: Zwei Grübchen im Gesicht markieren die ältere Frau. Mikroskopische Pünktchen deuten den exquisiten Stoff ihres Kostüms an. Le Chateau verströmt den Geist von Versailles – und einer großen comédie humaine. Schon durch die autoritäre Aura des Palastes wirken die Menschen eher wie Höflinge und stolze Domestiken denn wie moderne Bürger. "Haben Sie bemerkt, dass der Élysée-Palast auch architektonisch völlig in sich selbst gekehrt ist?", fragt Sapin. "Von außen sieht man nur Gitter und kleine Fenster. Alles ist nach innen, zum Hof hin ausgerichtet, von der Rue St. Honoré aus wirkt er komplett unzugänglich. Es ist ein Regierungssitz, der sich ausdrücklich nicht zum Volk wendet." Besonders ein Schlachtruf der Gelbwesten in Paris habe ihn beschäftigt, sagt Sapin: ›Wir stürmen den Élysée!‹ Und dann? Was hätten sie dort gemacht? Köpfe abgeschnitten? Es ist unglaublich, wie präsent das kollektive Phantasma der Französischen Revolution in Frankreich ist."

Seine Comics sind Unterhaltung, sind Zeitdokumente, sind Psychogramme

Man fragt sich, was die von Sapin beobachtete Selbstgenügsamkeit der französischen Politik mit den gegenwärtigen Protesten verbindet. Geht es jenseits der konkreten Forderungen der Bewegung auch um den Überdruss an einem Habitus? Trifft Emmanuel Macron ein auch historisch angehäufter Zorn? "Ehrlich gesagt, ich bin sehr vorsichtig mit solchen Analysen", sagt Sapin. "Und noch zurückhaltender bin ich bei der Verwendung des Begriffes ›die Franzosen‹. Durch die sozialen Netzwerke hat man den Eindruck, es handle sich bei den Gelbwesten um eine riesige Bewegung, um einen Volksaufstand, aber die Zustimmung in der Bevölkerung ist stark gesunken. Ja, diese Leute wollen Veränderung, jetzt und sofort. Etwas kocht hoch, in einer fast animalischen Form der Revolte. Aber was soll daraus resultieren? Dass die Gehälter verdoppelt werden?"

"Wer von Verführung erzählt, muss die eigene Verführbarkeit erkunden"

Chichery, Mathieu Sapins Heimatdorf, hat etwa 470 Einwohner. Im letzten Wahlgang des Jahres 2017 wählten mehr als siebzig Prozent von ihnen Emmanuel Macron. Ob die Gelbwesten am Kreisverkehr wohl für ihn gestimmt haben? "Höchstwahrscheinlich", sagt Sapin, "Macron war neu und jung, und es gab große Erwartungen. Aber große, schnelle Veränderungen kann man nur vortäuschen. Und das ist eher das Geschäft der Populisten."

Wir sprechen weiter über den Élysée-Palast: Inbegriff einer lähmenden Tradition, faszinierendes Symbol einer Anti-Moderne. "Die Pointe unseres Regierungssitzes besteht darin, dass er selbst für den Präsidenten unveränderbar ist", sagt Sapin. "Der Élysée ist stärker als jeder französische Präsident. Ein Präsident, der wirklich Reformen will, müsste den Ort wechseln. All unsere Präsidenten, die in den Élysée-Palast einziehen, sagen, dass sie ihr Amt reformieren, sich nicht darin einsperren lassen wollen – aber schon nach kurzer Zeit verändert der Ort die Person. So als gäbe es unsichtbare Strahlen."

Als wir wieder draußen im Nieselregen stehen, piept Sapins Smartphone. Er liest die gerade eingetroffene Google-Alert-Meldung vor: "Der Regierungssprecher Benjamin Griveaux wurde aus dem Élysée-Palast evakuiert, Demonstranten haben das Tor zu seinem Amtssitz eingedrückt. Sieh da, wir sind mitten im Thema."

Vor einigen Wochen haben wir uns schon einmal getroffen. In Paris, in Mathieu Sapins Atelier in der Rue Alibert im 10. Arrondissement. Wobei Atelier romantischer klingt als die Wirklichkeit. Endlose knarrende Treppen führen in den fünften Stock eines verwohnten Hauses. Die über Putz liegenden Stromkabel sehen aus, als seien sie noch vor dem Versailler Vertrag installiert worden. Oben öffnet Mathieu Sapin die Tür eines winzigen Zimmers, vollgestopft mit Papieren, Büchern, Comicfigürchen. Er bietet Tee an und stellt seine Kollegin aus dem gegenüberliegenden Atelier vor. Es ist die von der Elfenbeinküste stammende Autorin Marguerite Abouet. Gemeinsam mit ihr hat Sapin die in Frankreich sehr erfolgreiche Comicserie Akissi herausgebracht (gerade ist der erste von acht Bänden auf Deutsch im Reprodukt Verlag erschienen). Die Titelheldin ist ein quirliges Mädchen von der Elfenbeinküste, dessen Abenteuer Sapin als Folge von anarchischen Parabeln und kleinen Lebensaufgaben zeichnet (wie rettet man einen Fisch vor einer Katze?). Und nun stehen Abouet und Sapin im Flur zwischen ihren beiden Zimmern, albern über Akissis keck in die Welt ragende Zöpfe. "In Frankreich kennen sich die Comiczeichner untereinander", sagt Sapin. "Wir sind ein Mikrokosmos. Und wir lieben es, zusammenzuarbeiten." Man merkt Mathieu Sapin an, dass er das Interview auch gern zusammen mit Abouet geben würde. Aber dann gehen wir zu zweit zurück in sein Zimmer, wo er seine Arbeitsweise erklärt. Der erste Schritt sind Notizbücher, die er besessen mit "Live"-Aufzeichnungen füllt. Er zeigt seine Skizzen zum Comic Gérard mit und über Depardieu, Hunderte, nein: Tausende von kritzeligen Zeichnungen, die große Nase, der massige Körper, minimalistisch gezeichnet aus allen Perspektiven. Auch wenn Depardieu stets nur aus wenigen Linien besteht, sieht man ihm doch seine Stimmungen und Launen an. Fünf Jahre lang folgte Sapin dem Schauspieler: auf Reisen nach Aserbaidschan und durch Europa, zu Dreharbeiten und Rendezvous. Er schaute Depardieu dabei zu, wie er sich im Wohnzimmer seines Pariser Stadtpalastes in Unterhose Serien anschaut, wie er sich den Wanst vollschlägt, wie er sich unbeobachtet glaubt ("Gérard rülpst und furzt auch, wenn er allein ist"), wie er Galeristinnen empfängt, mit brachialer Intelligenz über Kunst, Kino und das Leben spricht. Das Buch ist das zugewandte und zurückhaltende Porträt eines empfindsamen Schauspieler-Philosophen – und das Psychogramm eines Superstars, der um seine Wirkung weiß. Natürlich sei auch dieses Buch eine Auseinandersetzung mit der Macht, sagt Sapin, "denn in Frankreich ist Gérard ein Gott, egal, was er tut".

Sapin weiß, dass nur der von der Verführung erzählen kann, der seine eigene erspürt

Er zeigt den nächsten Schritt: Storyboards, die die Geschichte strukturieren, eine Erzählung entwerfen, bevor alles auf dem iPad perfektioniert wird. Sein neuestes Projekt handelt von der französischen Politik der Gegenwart und von zwei historischen Figuren: dem französischen Theaterautor Racine und dem von ihm bewunderten Regenten Ludwig XIV. "Schon damals gab es Öffentlichkeitsarbeit, das Spektakel, die Mise-en-Scène in Versailles. Es wird um die Beziehungen zwischen Künstler und Hof gehen, zwischen Kunst und Macht, damals wie heute." Sapin blättert durch das Storyboard: eine Szene aus dem Präsidentschaftswahlkampf von 2017. Kurz vor dem Fernsehduell von Emmanuel Macron und Marine Le Pen wird Sapin dem künftigen Regierungschef vorgestellt. Macron outet sich als Fan von Sapins Comic über Gérard Depardieu – und Sapins gezeichnetes Alter Ego verströmt plötzlich eine zittrige Mischung aus Verlegenheit und Geschmeicheltsein. Es ist ein aufrichtiger, persönlicher Kommentar zum Verhältnis von Zeichner und Politiker. Hatte Mathieu Sapin bei seinen Langzeitbeobachtungen, bei seinen Untersuchungen der großen französischen Inszenierungen und Selbstinszenierungen je Angst, seine Unabhängigkeit zu verlieren? "Wer von Verführung erzählt, muss die eigene Verführbarkeit erkunden", sagt er. "Ich glaube übrigens nicht, dass Politik ohne Spektakel möglich ist. Es geht immer um die Frage, wie die Macht ihre Botschaften verbreitet, sei es, um zu verführen, sei es, um einzuschüchtern."

Mathieu Sapin auf Deutsch: Bisher erschienen hierzulande zwei Comics von ihm: Der Welterfolg "Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu" und das Kinderbuch "Akissi: Auf die Katzen, fertig, los!" (beide Reprodukt Verlag, Berlin)