Niemand ist ein Täter, bis seine Schuld erwiesen ist – das ist ein alter Hut. Und doch gibt es Vorwürfe, die Biografien zerstören können, bevor sie gerichtlich überprüft werden. Auch das wissen wir nicht erst seit Jörg Kachelmann. Weil doch "immer etwas hängen bleibt", gelten für die Berichterstattung über bloße Verdachtsfälle strenge Voraussetzungen. Selbst ohne dass der Name eines Verdächtigten genannt wird, kann eine Identifizierung des Beschuldigten durch spezielle Hinweise oder Einzelheiten aus seinem Leben rechtswidrig sein. Für die offene Nennung seines Namens muss es gute Gründe geben. Diese Regeln zum Schutz der Anonymität von Personen, für welche die Unschuldsvermutung gilt, sind über Jahre von den Gerichten ausdifferenziert worden. Sie sind halbwegs praktikabel, und doch wird ziemlich oft gegen sie verstoßen. Das ist für die Pressekammern und Pressesenate in deutschen Gerichten ein chronisches Problem. Für die Öffentlichkeit ist es keines – bedauerlicherweise.

Durch #MeToo hat der alte Konflikt zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Schutz des Verdächtigten eine neue Dimension gewonnen. Die Wucht dieser Debatte droht das mühsam austarierte System des Ausgleichs zwischen Persönlichkeitsrecht und Meinungsäußerungsfreiheit aus dem Lot zu bringen. Wegen der – unbestreitbaren – gesellschaftlichen Bedeutung des Themas werden nämlich größere gesetzlich erlaubte Freiräume für öffentliche Anklagen und deren mediale Verbreitung gefordert. Doch solche #MeToo-Sonderregeln sind nach meinem Dafürhalten weder nötig noch zulässig. Weder die Sympathie mit den Opfern noch die Bedeutung ihrer Anklage rechtfertigen es, Grundrechte der Beschuldigten zu missachten. Es gibt auch gar keinen Bedarf an Rechtsänderungen, um die nötige und überfällige öffentliche Auseinandersetzung mit und über sexuelle Gewalt und Belästigung möglich zu machen. Der rechtliche Rahmen ist schon denkbar weit. Die Meinungsäußerungsfreiheit ist stark ausgeprägt. Den öffentlich Verdächtigten hingegen wird von der Rechtsprechung einiges zugemutet, mehr, als vielen bewusst sein dürfte.

Zwischen Pest und Cholera

Dass Anschuldigungen öffentlich kolportiert werden dürfen, bevor sie, falls überhaupt, gerichtlich überprüft werden, ist keinesfalls selbstverständlich. Es gibt, neben anderen Voraussetzungen einer zulässigen Verdachtsberichterstattung, ein Recht des Beschuldigten auf Anonymität. Die Frage, die sich im Zusammenhang mit #MeToo-Vorwürfen stellt, lautet allerdings: Wie weit reicht dieses Recht?

Klar ist, dass auch der Anspruch, ungenannt zu bleiben, Grenzen hat. Diese sind nicht erst bei gigantischen Skandalen wie dem um den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein erreicht. Auch die bizarre Metamorphose des deutschen Star-Regisseurs Dieter Wedel vom selbst ernannten Opfer homosexueller Belästigungen zum Adressaten vielfältiger (von ihm bestrittener) Missbrauchsvorwürfe im Zusammenhang mit seinem beruflichen Schaffen dürfte nur noch sehr begrenzt Raum lassen für den Schutz seiner Anonymität. Darüber, wo genau eine solche Grenze verläuft, wird jeden Tag vor den Gerichten gestritten. Das Thema ist Gegenstand juristischer Abhandlungen und zahlloser Urteile. An dieser Stelle soll es jedoch um einen kuriosen Einzelaspekt dieses Widerstreits gehen, um eine Zwickmühle, in die keiner von uns geraten möchte: Wer sich zu Unrecht öffentlich angegriffen fühlt, der will sich wehren. Er rechtfertigt sich etwa spontan auf Facebook. Bekannteren Personen werden Interviews ermöglicht, in denen sie ihre Sicht der Dinge schildern können. Den A-Promis stehen alle Medien für Erklärungen und Gegenangriffe offen. Was sollte dagegensprechen? Die Welt muss es doch erfahren, wenn jemand unschuldig ist oder sich jedenfalls für unschuldig hält – also raus mit der Sprache. Oder?

Aber Vorsicht! Die spontane und leidenschaftliche Selbstverteidigung in den Medien hat eine fiese Konsequenz. Denn es droht die sogenannte Selbstbegebung (ein ebenso alter wie richtiger Grundsatz). Gemeint ist damit: Wer sich selbst in die Öffentlichkeit begibt und sich der Medien zum eigenen Interesse bedient, kann danach nicht mehr verlangen, von den Medien in Ruhe gelassen zu werden. Eine unerwartet gehässig ausgefallene Homestory kann beispielsweise nicht die Privatsphäre desjenigen verletzen, der das Kamerateam selbst eingeladen hat. Das ist so klar und einleuchtend, dass man sich wundert, wie oft dieses Prinzip in der presserechtlichen Praxis den erbosten Anspruchstellern entgegengehalten werden muss.

Was aber hat das mit unserem Verdächtigen zu tun, der den Verdacht gegen sich selbst ja nicht persönlich in die Welt getragen hat? Mehr, als sich die meisten denken: Das Anonymitätsinteresse dessen, für den die Unschuldsvermutung gilt, kann, wie gesagt, unter bestimmten Voraussetzungen das berechtigte öffentliche Informationsinteresse überwiegen. Muss nicht sein (siehe Weinstein oder Wedel), kann aber sein. Es sei denn – und jetzt kommt’s –, er selbst lüftet den Schleier seiner Anonymität, indem er sich mit einem Dementi an die Öffentlichkeit wendet. Dann läuft er Gefahr, wie jener behandelt zu werden, der die Bild-Zeitung in sein Schlafzimmer einlädt.

Der Beschuldigte hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera: Stellt er sich den Vorwürfen, um sie zu entkräften, verschlechtert er seine Chancen, dass die Gerichte ihn vor Namensnennung und publizierter Häme schützen. Schweigt er aber, um diesen rechtlichen Schutz nicht zu gefährden, verspielt er die Chance, seine Sicht der Dinge deutlich zu machen – und manche, die ihn, auch ungenannt, erkannt haben, legen ihm nun sein Schweigen womöglich als Schuldeingeständnis aus.