DIE ZEIT: Herr Zylka, Sie sind Mitglied eines Gremiums, dessen Name sich ziemlich läppisch anhört: Wahlausschuss des FC Schalke 04.

Michael Zylka: So läppisch, dass wir darüber entscheiden, ob der derzeitige Chef des Aufsichtsrates, Clemens Tönnies, im kommenden Sommer weitermachen darf. Oder eben nicht. Der Wahlausschuss entscheidet über die Kandidaten für den Aufsichtsrat, die später von den Mitgliedern des Vereins gewählt werden können. Die Vorauswahl treffen wir.

ZEIT: Sie sind der Vorsitzende des Wahlausschusses. Folglich sind Sie der Königsmacher des FC Schalke, oder?

Zylka: Nein, so selbstherrlich würde ich es nicht ausdrücken, aber natürlich haben wir Einfluss. Wir suchen bis zu vier neue Kandidaten aus, und wir lehnen auch welche ab. Am Wahlausschuss führt kein Weg vorbei.

ZEIT: Muss jemand, der in den Schalker Aufsichtsrat will, so reich sein wie der jetzige Aufsichtsratschef Tönnies, der viel Geld mit Fleischfabriken verdient?

Zylka: Reich muss man nicht sein, überhaupt nicht. Man muss wirtschaftlich unabhängig sein. Das geht auch mit 2000 Euro Gehalt im Monat.

ZEIT: Dann könnte auch ein Schreinergeselle, der wirtschaftlich unabhängig ist, auf diesen Posten vorrücken?

Zylka: Das könnte er, und darüber würde ich mich sogar freuen. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, dass Handwerker mit beiden Füßen auf dem Boden stehen. Der Mann muss nur fachliche Qualitäten haben.

ZEIT: Wieso "der Mann"? Ist eine Frau ausgeschlossen?

Zylka: Überhaupt nicht. Ich würde mich freuen, wenn sich eine Frau zur Wahl stellen würde. Eine Frau tut jedem Gremium gut. Für die männliche Absolutheit, dieses hire and fire, haben Frauen oft nichts übrig. Ich war schon als junger Mann für die Emanzipation. Es ist beispielsweise überhaupt nicht einzusehen, dass Frauen weniger verdienen als Männer. Das habe ich nie verstanden. Der größte Fehler unserer Gesellschaft war es, sich nach dem Zeitalter der Industrialisierung zu weigern, die Rolle der Frau neu zu definieren. Auch meine erste Ehe ist daran gescheitert, dass ich zu egoistisch war.

ZEIT: Ist es nicht eigenartig, dass der Chef des Schalker Aufsichtsrates auch als Boss des Vereins auftritt? Die Deutsche Bank beispielsweise käme nicht auf die Idee, den Vorsitzenden ihres Aufsichtsgremiums als ihren Chef anzusehen.

Zylka: Das kann man nicht vergleichen. In diese Rolle ist Tönnies in den mehr als 20 Jahren seines Engagements hineingewachsen. Er ist das Gesicht des Vereins. Er hat viel bewirkt, seine Beziehungen sind für Schalke hilfreich.

ZEIT: Tönnies hat den Vertrag mit dem Schalker Hauptsponsor Gazprom verlängert. Das haben ihm viele Fans übel genommen.

Zylka: Clemens Tönnies wird auf Schalke oft falsch gesehen. Da hat dieser Mann den größten Sponsorendeal in der Geschichte des FC Schalke hinbekommen, den Gazprom-Vertrag, er verkündet das stolz im Stadion, und dann wird er dafür ausgepfiffen. Das hat mir wehgetan.

ZEIT: Das Geld von Gazprom gilt als schmutziges Geld.

Zylka: Welches Geld ist denn nicht schmutzig? Wie viele Firmen lassen in Billiglohnländern produzieren? Und dann soll Gazprom besonders schmutzig sein?

ZEIT: Gazprom ist eine außenpolitische Waffe des Kreml-Chefs Putin, der gegen das Völkerrecht verstieß, als er die Krim annektierte.

Zylka: Ich bin vielleicht etwas Russland-affin, weil ich generell finde, dass Russland im Westen oft falsch gesehen wird. Was den Fußball betrifft, kann ich mir heute aber keinen Wunschpartner aussuchen, an dem niemand etwas zu meckern hat.

ZEIT: Das Image des FC Schalke hat durch die Bindung an Gazprom erheblich gelitten, oder nicht?

Zylka: Diese Frage stelle ich mir manchmal. Nur: Woran messen Sie, dass das Image gelitten hat?