Moscheesteuer ist ein schönes Wort. Es klingt nach Kirchensteuer und nach Gleichberechtigung des Islams. Deshalb erwärmen sich jetzt verschiedene Parteien für eine Moscheesteuer, zumal sie dazu führen würde, dass das Geld für deutsche Imame künftig aus Deutschland kommt und nicht länger aus dem Ausland. Doch dafür müsste der Islam eine Körperschaft öffentlichen Rechts werden. Die Voraussetzung ist wiederum, dass eine Religionsgemeinschaft sich klar zum Rechtsstaat bekennt. Das darf man für die in Deutschland lebenden Muslime voraussetzen – aber für die Theologie, die von den großen Islamverbänden unterstützt wird? Wir haben bei einer Expertin für den weltweiten Islam nachgefragt.

DIE ZEIT: Frau Schröter, über welche konkrete Finanzierung einer deutschen Moschee durch das Ausland haben Sie sich zuletzt geärgert?

Susanne Schröter: Über keine. Das Ärgerliche ist hier nicht der Einzelfall, sondern das Prinzip der Auslandsfinanzierung: Mehr oder minder offen werden islamische Organisationen in Deutschland von außen nicht nur unterstützt, sondern gesteuert – aus der Türkei, dem Iran und Saudi-Arabien, von sunnitischen und schiitischen Geldgebern. In den Siebzigerjahren, als hierzulande die ersten Moscheen entstanden, haben deutsche Behörden sich noch ganz unbedarft über Unterstützung aus dem Ausland gefreut, selbst bei Gründungen der Muslimbruderschaft wie den Islamischen Zentren in München und Aachen. Man hoffte, das werde der Integration nützen. Religiöser Extremismus war noch kein Thema. Die Bürgermeister gingen gern zur Moschee-Eröffnung, und die Politiker hatten kein Bewusstsein davon, dass eine Abhängigkeit von islamischen Staaten den Muslimen in Deutschland schaden könnte.

ZEIT: Jetzt hat sich die Lage ins Gegenteil verkehrt. Als Weihnachten eine Debatte über die Finanzierung deutscher Moscheen durch das Ausland aufkam, waren sich Politiker aller Parteien einig, dass sich das ändern muss. Warum geschieht es nicht?

Schröter: Weil die Auslandsfinanzierung von Moscheegemeinden in Deutschland nicht verboten ist – anders als in Österreich, wo ein Gesetz den Transfer von Geldern aus dem Ausland an islamische Organisationen unter Strafe stellt.

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ZEIT: Man könnte sagen, großzügige Spenden an Moscheen sind wichtig, damit Gemeinden, die in Deutschland keine eigene Tradition haben, überhaupt wachsen und fortbestehen.

Schröter: Gegen dieses Argument spricht schon die Tatsache, dass die Gemeinden selber wissen, wie problematisch ihre Geldgeber sind. Sie reden ungern über ihre Finanzen und versuchen deren Herkunft zu verschleiern. Wenn Sie sich die neu gebauten Moscheen der letzten zehn, fünfzehn Jahre anschauen, dann sind das oft prunkvolle Gebäude, ob nun modern oder mit Kronleuchtern und edlen Teppichen. Fragt man nach der Finanzierung, heißt es, die Gemeindemitglieder hätten gespendet. Da die Mitgliederzahlen aber meist überschaubar und die Mitglieder in der Regel einfache Leute sind, die keine Millionen aufbringen können, weiß man schon, dass das nicht stimmen kann. Bohrt man nach, wird herumgedruckst: Na ja, es seien zum Beispiel Spenden aus den Golfstaaten gekommen.

ZEIT: Wie hoch sind die Summen, die aus dem Ausland in deutsche Moscheen fließen?

Schröter: Das weiß niemand genau, weil die Moscheen es nicht offenlegen müssen. Aber wer die deutschen Islamverbände finanziert, der bestimmt auch, was in den Moscheen gepredigt wird. Wollen wir das? Wollen wir, dass das Geld für den organisierten Islam aus Ländern kommt, die keine Religionsfreiheit haben? Zum Beispiel aus dem Iran. Das Islamische Zentrum Hamburg ist eine Dependance des iranischen Regimes, und der Leiter des IZH ist gewissermaßen Statthalter der Mullahs in Deutschland und verbreitet deren Ideologie.

ZEIT: Die Moscheegründerin Seyran Ateş schlug vor, eine Moscheesteuer zu erheben. Haben die positive Reaktion aus den Parteien und der breite Konsens, der momentan unüblich ist, Sie gefreut?

Schröter: Ich glaube, die Politik ist sich noch nicht im Klaren über die Schwierigkeit des Unterfangens. Das große Ziel soll ein Islam sein, der hier heimisch ist, der nicht im Gegensatz steht zur Verfassung, aber auch nicht zu den Sitten dieses Landes, der zugleich eine Bereicherung und etwas Eigenes ist. Das ist keine Kleinigkeit. Denn der hiesige Islam entstand als Diaspora-Phänomen und wird bis heute geprägt durch die sehr unterschiedlichen Heimatregionen der Migranten, durch den Islam Nordafrikas und der Golfstaaten, des Iran und der Türkei. Hinzu kommen unter anderem Pakistan und der Kaukasus.

ZEIT: Islamwissenschaftler warnen gern, man solle nicht von "dem" Islam sprechen, weil das seine Vielfalt außer Acht lasse. Auch habe er im Gegensatz zum Christentum keine Kirche.

Schröter: Der Islam ist keine Kirche und als Religion tatsächlich sehr vielfältig. Aber sein Ankommen in Deutschland wird nicht durch diese Vielfalt erschwert, sondern dadurch, dass außerhalb Europas seit Jahrzehnten sehr konservative, ja fundamentalistische Formen auf dem Vormarsch sind. Sie fallen weniger durch ihre Spiritualität auf als dadurch, dass sie religiöse Normen an die Stelle von weltlichen setzen, dass sie die Trennung von Religion und Politik ablehnen, dass sie Frauen diskriminieren und Minderheiten verfolgen. Diese Auffassung vom Islam verdrängt andere Auffassungen, auch in Deutschland.

ZEIT: Ein solcher Betonislam dürfte für die meisten deutschen Muslime unattraktiv sein. Warum kann man ihn nicht einfach ignorieren?

Schröter: Weil es dieser Islam ist, der sich organisiert, der das Geld hat und die Prediger in den Moscheen stellt. Alle wichtigen Islamverbände in Deutschland sind in ihrer Auffassung vom Glauben konservativ bis reaktionär. Deshalb wurden Lehrstühle für islamische Theologie an unseren staatlichen Hochschulen etabliert. Der Staat hoffte auf eine Verwissenschaftlichung, auf Textkritik und Auseinandersetzung mit demokratischen Prinzipien. Doch nun zeichnet sich ab: Die Islamverbände wollen das Personal aus den deutschen Hochschulen nicht und wollen auch ihre Auslandsabhängigkeit nicht aufgeben. Sie gestehen zwar ein, dass es schlecht ist, wenn Imame hierzulande kein Deutsch sprechen. Statt nun aber in Deutschland ausgebildete Theologen einzustellen, wollen sie in Deutschland geborene Muslime zum Studium in die Türkei schicken und dann hierher zurückholen.