DIE ZEIT: Frau Boetius, Herr Wilson, Sie haben beide viele Jahre Erfahrung in der Feldforschung. Sie sehen die Zerstörung der Natur mit eigenen Augen und suchen nach Strategien gegen den Verlust der biologischen Vielfalt. Sie, Herr Wilson, haben vorgeschlagen, die Hälfte der Erde der Natur zu überlassen ...

Antje Boetius: ... dazu habe ich gleich einmal eine Frage: Wo bleibt bei dieser Idee der Mensch? Denken Sie ihn als Teil der Natur?

Edward O. Wilson: Natürlich sind wir ein Teil des Ökosystems. Doch Menschen gibt es noch nicht lange, gerade einmal 300.000 Jahre, und erst vor rund 50.000 Jahren haben wir begonnen, den gesamten Planeten zu besiedeln – gemessen am Alter vieler anderer Arten ist das ein Wimpernschlag. Der Mensch ist eine Pionier-Art, die alle Lebensräume erobert, andere Arten verdrängt, Habitate zerstört. Aber wir sind weit davon entfernt, unsere Wirkung bei der Zerstörung der Erde genau zu verstehen. Wir kennen ja noch nicht einmal den Großteil der Arten auf dieser Welt.

ZEIT: Wenn wir so wenig wissen, woher wollen Sie wissen, wann wir das Richtige tun?

Boetius: Dieses Argument kenne ich aus Debatten mit Politikern oder Vertretern der Industrie. Das Problem ist, dass wir mit dem Handeln nicht warten können, bis wir alles wissen. Dazu fehlt uns die Zeit. Forschen und Handeln müssen zeitgleich passieren.

Wilson: Es ist wie in der Medizin: Wir wissen auch heute nicht alles über Lungenkrebs, aber wenn jemand daran erkrankt ist, behandeln wir ihn. Genauso ist es mit dem Umweltschutz. Wir wissen ja, wie wir Ökosysteme vor der Zerstörung bewahren: indem wir sie in Ruhe lassen.

ZEIT: Sie wollen dazu die Hälfte der Erde unter Schutz stellen. Das klingt, mit Verlaub, ziemlich ambitioniert.

Wilson: Als ich diese Forderung veröffentlicht habe, bin ich davon ausgegangen, dass ich massiv angegriffen werde. Das Gegenteil ist passiert. Ich war verblüfft, wie schnell mein Ansatz angenommen wurde. Umweltschützer sind hungrig nach einer großen Mission. Auf der Welt gibt es viele Tausende von Naturschutzprojekten. Ich kenne mich aus und weiß von dem Schweiß, den Tränen und sogar dem Blut, mit dem selbst kleinste Projekte erkauft sind. Wir sollten eigentlich immer mehr Gebiete schützen, aber das Gegenteil passiert, wir werden langsamer und langsamer. Es sieht überhaupt nicht gut aus. Deshalb habe ich dieses Ziel ausgegeben: Lasst uns die Hälfte der Erde zu einem Schutzgebiet machen. Damit könnten wir 85 Prozent aller Arten auf dem Planeten retten.

Boetius: Wenn ich diesen Vorschlag zu Ende denke, sehe ich allerdings sofort einen Konflikt: Die Menschheit, gerade in ärmeren Regionen, drängt sich auf einem Teil des Planeten und will an die reichhaltigen Ressourcen der anderen Hälfte. Halten Sie Ihren Vorschlag wirklich für realistisch?

Wilson: Das ist die ultimative Frage: Ist es möglich, eine idealistische Vorstellung von der Welt zu erreichen, in der die belebte Umwelt tief im Glaubenssystem der Menschen verwurzelt ist, genau wie der fundamentale Glauben an die Nation oder die Kultur, genau wie die Religion? Ihren Teil der Welt zu retten müsste für die Menschen so wichtig werden, wie es für manche selbstverständlich ist, sonntags in die Kirche zu gehen.

ZEIT: Wie soll das erreicht werden?

Wilson: Mir fallen ein paar Sachen ein, aber mich interessiert zuerst Ihre Antwort.

ZEIT: Ich glaube, dass dieser Bewusstseinswandel mit etwas sehr Einfachem anfängt: damit, dass man die Natur mit ihren Wundern und ihrer Schönheit ganz unmittelbar erlebt.

Wilson: Darf ich etwas aus der Bibel zitieren, aus der Genesis? Da heißt es: "Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels." Wir brauchen einen Platz in der Wissenschaft, der die Geschichte der Schöpfung feiert. In meiner Vorstellung von einem idealen System gibt es einen quasireligiösen Respekt vor der Umwelt, dem Land, auf dem wir leben, und vor dem Planeten an sich.

Boetius: Ich bin da skeptisch. Glaubenssysteme sind flexibel und verletzlich, manchmal gefährlich, deswegen würde ich lieber von den realen Werten der Natur sprechen und von den Regeln, die wir brauchen, um sie zu schützen. Das ist ein Unterschied. Es gab ja schon menschliche Kulturen, die nach dem Prinzip gelebt haben, nur das Nötigste von der Natur zu nehmen. Aber sie sind verschwunden, weil ihr Gedankensystem nicht mit dem Wachstumsprinzip unseres kapitalistischen Systems vereinbar war.

ZEIT: Es gibt Versuche, den Wert von Natur zu messen. Wenn wir lernen, was ihre Leistungen wert sind, hören wir dann auf, sie zu zerstören?