Wilson: Ich sage nicht: Macht die Hälfte der Erde zu einem Reservat, und verjagt die Leute daraus. Sondern: Menschen, die ihr da wohnt, kümmert euch darum! Sodass innerhalb dieser geschützten Zonen die Vielfalt des Lebens oberste Priorität hat.

Boetius: Ich sehe das Problem, dass der Reichtum westlicher Länder historisch auf der Ausbeutung ärmerer Länder beruht und auch auf Sklaverei und Kolonialismus. Wir haben global Schulden gemacht an Mensch und Natur, und diese Schulden behindern die nachhaltige globale Entwicklung, denn andere Länder haben aufzuholen. Die Ungleichheit zu überbrücken muss also Teil eines Konzeptes sein, den Planeten zu retten. Auch deswegen halte ich die Kohlenstoff-Steuer für eine gute Idee. Man hätte sofort Geld, mit dem man arbeiten kann.

ZEIT: Eine Kohlenstoff-Steuer richtet sich in erster Linie gegen den Klimawandel. Wie soll sie dem Flachlandtapir helfen, dessen Überlebenschancen sich verschlechtern, weil sein Regenwald gefällt wird?

Boetius: Warum gibt es denn einen derartigen Hunger nach Land, nach Regenwald? Es ist unglaublich, auf Satellitenaufnahmen zu verfolgen, in welchem Maße die Abholzung voranschreitet. Ich habe das gerade in Brasilien gesehen. Wenn man weiß, dass global mehr als ein Drittel der Agrarproduktion benutzt wird, um Tiere zu füttern, ein weiteres Drittel weggeworfen wird und wir am Ende höchstens ein Drittel essen, merkt man: Eigentlich ist das Problem ein anderes. Wir können uns all das erlauben, weil die Energie, um Dünger zu produzieren und Fleisch durch die Welt zu transportieren, so billig ist.

ZEIT: Menschen zeichnet aus, dass sie für die Zukunft planen können. Trotzdem sind wir bis heute dabei, den Planeten zu zerstören und damit künftigen Generationen die Zukunft zu verbauen. Brauchen wir neue Menschen für eine bessere Erde?

Wilson: Wir sind die einzige denkende Spezies. Wir müssen über die Zukunft entscheiden. Deswegen müssen wir bei den Jüngsten anfangen. Jedes Schulkind sollte die wichtigsten Fakten kennen. Dass der Mensch die Aussterberate tausendfach beschleunigt hat, dass wir die Treiber für den Habitatverlust, für Verschmutzung, Überbevölkerung, invasive Arten und Übernutzung sind.

Boetius: Der Klimawandel kommt noch hinzu, und hinter jedem dieser Faktoren steht der ungerechte Verbrauch natürlicher Ressourcen. Wir können nicht warten, bis sich ein globaler Bewusstseinswandel einstellt, wir brauchen eine Abkürzung. Und deshalb bin ich für eine sofortige Umstellung des Energiesystems.

ZEIT: Rechnen Sie mit Gegenbewegungen?

Boetius: Wir sprechen hier über eine erhebliche Transformation. Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass alle Regierungen und Mächte darüber glücklich sind, vor allem jene nicht, die vom derzeitigen System profitieren. Es wird erheblichen Widerstand geben. Aber ohne schnelle Lösungen gibt es ebenfalls Probleme: ausgelöst durch jede Menge Elend, durch Massenmigration von Menschen, die ihre Heimat, ihre Umwelt verlieren.

ZEIT: Zehn bis elf Milliarden Menschen sollen 2100 auf der Erde leben, dazu steigt das Konsumniveau. Fast überall, wo es wertvolle Ökosysteme gibt, stehen diese unter Druck. Mal ehrlich: Haben Sie beide noch Hoffnung?

Boetius: Ich verbiete mir Pessimismus. Ich denke lieber über Lösungen nach. Am Ende ist der Mensch die verletzlichste Spezies von allen, für ihn geht es um alles. Die Zerstörung wird, wenn wir so weitermachen, furchtbar sein und auch furchtbar unfair für künftige Generationen. Ich wünsche mir, dass wir dem Weg der Vernunft folgen. Da spielt die Wissenschaft eine große Rolle.

Wilson: Sie haben recht, das Bevölkerungswachstum ist ein riesiges Problem, und deshalb müssen wir massiv in die Bildung von Frauen in Entwicklungsländern investieren, damit dort die Geburtenraten zurückgehen. Ich bleibe trotzdem optimistisch. Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert zwei furchtbare Weltkriege überstanden, hat nach dem Ende des Kommunismus eine gigantische soziale Transformation in großen Teilen der Welt hinter sich. Warum sollten wir keinen Ausweg aus dieser Krise finden? Eine Art, die zum Mond fliegen kann und wieder zurück, ist fähig, die nötige Wissenschaft zu betreiben und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen.