"Es war ein Schock für mich, dass mein Auto Eva überhaupt nicht beeindruckte"

Bernd Lepping, 70 ist pensionierter Banker und lebt seit 1990 in Leipzig. Er ist im Rheinland aufgewachsen. Eva Lepping-Richter, 58, ist gelernte Buchhändlerin und arbeitet heute im Kundenservice. Sie stammt aus dem Erzgebirge, wohnt seit 1976 in Leipzig.

DIE ZEIT: Frau Lepping-Richter, wie sind Sie aufgewachsen?

Eva Lepping-Richter: Ich komme aus einer Pfarrersfamilie. Ein bildungsbürgerlicher, freier Haushalt mit viel Anregung: Musik, Literatur, Kunst. Gar nicht DDR-typisch. Anders als in vielen anderen DDR-Familien waren bei uns Menschen aus dem Westen immer präsent, durch unsere Partnergemeinde in der Bundesrepublik, aber auch durch Freunde und Verwandte. 1976 wechselte mein Vater als Superintendent an die Thomaskirche in Leipzig, seither waren ständig Westdeutsche, auch prominente Persönlichkeiten, und Amerikaner bei uns zu Hause. Das hat mir den Horizont geöffnet. Ich habe früh verstanden, dass Menschen letztlich überall gleich sind.

ZEIT: Was bedeutete der Mauerfall für Sie?

Eva: Eine unglaubliche Freude, die ich bis heute so tief empfinde, dass ich, wenn ich auf der Autobahn über die ehemalige Grenze fahre, Tränen in den Augen habe.

ZEIT: Herr Lepping, wie war das bei Ihnen?

Bernd Lepping: Ich bin in Rhöndorf in einem Arzthaushalt groß geworden. Bürgerlich und mit viel Kultur, wie bei Eva. Als Kind war ich Messdiener. In der vierten Reihe rechts saß immer Konrad Adenauer.

ZEIT: Konrad Adenauer?

Bernd: Ja, der hat ja auch in Rhöndorf gewohnt. Er war für mich ein wichtiger Ruhe- und Orientierungspunkt, er stand für diese Nachkriegsordnung der Fünfziger, in der ich groß geworden bin. Ich habe dann ganz selbstverständlich Abitur gemacht – anders als Eva, die das nicht durfte. Mit 18 kamen mir die ersten Zweifel.

ZEIT: Inwiefern?

Bernd: Ich fing an, mich für Politik zu interessieren, und war bei den ersten 68er-Protesten dabei. Die geistige Enge dieser Zeit störte mich. Zum Studium bin ich nach West-Berlin gegangen, um das Flair einer Millionenstadt kennenzulernen. Als 1989 die Mauer fiel, saß ich die ganze Nacht vor dem Fernseher, habe mitgefiebert und geweint.

ZEIT: Wie kamen Sie nach Leipzig?

Bernd: Ich habe für eine Bank gearbeitet, die 1990 eine Außenstelle in der Stadt eröffnete. Da habe ich hautnah miterlebt, was dieser Umbruch bedeutete. Gestandene Leute saßen wie arme Tröpfe vor mir.

Eva: Da bist du verständnisvoller als ich. Die DDR-Wirtschaft war einfach marode. Vor allem ist es ja unter Ostdeutschen sehr in Mode gekommen, die Zeit vor 1989 zu verklären. Dabei war es doch so, dass wir plötzlich viel mehr Möglichkeiten hatten und uns alle Türen offenstanden. Aber wir mussten eben selbst durchgehen.

ZEIT: Wusste Sie, als Sie hierherzogen, was Sie in Ostdeutschland erwarten würde, Herr Lepping?

Bernd: Ich war davor ein paar Mal in der DDR gewesen. In den Siebzigern war ich einmal in Leipzig auf der Frühjahrsmesse. Und ich bin, nach den Reiseerleichterungen 1975, zweimal als Tourist in die DDR gefahren. Das interessierte mich sehr.

Eva: Das finde ich tatsächlich sehr eigenartig. Bernd hat in unseren 13 Jahren Ehe mehrfach versucht, mir diese Faszination für die DDR zu erklären, aber ich werde es nicht verstehen.

Bernd: Das war für mich ein Abenteuer.

ZEIT: Wie haben Sie sich kennengelernt?

Eva: Das ist schnell erzählt. Über eine Internetplattform. Wir waren beide nicht mehr ganz jung, ich war vorher lange in einer anderen Beziehung gewesen. Ab einem gewissen Alter ist es ja nicht mehr so einfach, jemanden zu treffen. Auf der Plattform wurden mir drei Männer in Leipzig angezeigt. Einer war ein Banker, den habe ich anfangs immer weggedrückt, weil ich dachte: "Es gibt nichts Langweiligeres."

Bernd: Ich war bis dahin Junggeselle und beruflich immer wahnsinnig engagiert. Vielleicht überengagiert. Dann kam die Midlife-Crisis, und ich sehnte mich nach einer Partnerschaft. Das erste Mal haben wir uns am Bach-Denkmal getroffen und waren in der Kümmelapotheke essen. Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick.

Eva: Wir haben vor dem ersten Treffen telefoniert. Mir war vor allem seine Stimme außerordentlich angenehm. Meine Großmutter war auch gebürtige Rheinländerin gewesen, sein Dialekt war mir also sehr vertraut und sympathisch. Wir konnten uns unglaublich gut unterhalten und haben sehr viele Gemeinsamkeiten feststellen können: Wir lesen beide gern, lieben Opern und Kunst. Und wir sind beide in offenen Elternhäusern aufgewachsen. Auch wenn in meinem Elternhaus Geld immer ein Thema war. Bei euch war es einfach da.

Bernd: Das stimmt. Was ich über die Jahre von Eva gelernt habe, ist tatsächlich eine gewisse Bescheidenheit im Leben. Und dass man auch mit einem kleineren Budget auskommen kann. Ich bin als Junggeselle mit meinem sehr guten Gehalt viel gereist, nach Nepal, in die USA.

Eva: Ich bin eben immer nach Hiddensee gefahren, was auch sehr schön war. Geld war für mich notwendig, um zu existieren. Konsum war aber nie wichtig. Ich weiß noch, wie Bernd am Anfang mit seinem tiefergelegten Mercedes ankam und unglaublich stolz war. Mich hat das nicht interessiert. Für mich war nur wichtig, dass ein Auto vier Räder hat, man damit von A nach B kommt.

Bernd: Ja, es war ein Schock für mich, dass mein Auto Eva überhaupt nicht beeindruckte. Ein tolles Auto war für mich immer sehr wichtig. Heute weiß ich, dass das Quatsch ist. Ich könnte auch gut mit einem Golf durch die Gegend fahren.

ZEIT: Was war Ihre erste gemeinsame Reise?

Bernd: Die ging nach Spanien, wir fuhren in die Ferienwohnung meiner Schwester.

Eva: Ja! Im November 2005, zwei Monate nachdem wir uns kennengelernt hatten. Es war mein erstes Mal Spanien. Das Reisen mit Bernd hat mein Leben schon wesentlich verändert. Dank seinem finanziellen Polster können wir wunderbare Reisen zusammen machen. Das sehe ich auch nie als selbstverständlich an.

ZEIT: Mussten Sie, als Sie zusammengezogen sind, bei der Einrichtung Kompromisse machen?

Eva: Wir haben beide aus unseren Großeltern- und Elternhäusern antike Möbelstücke geerbt, die uns sehr wichtig sind, und haben sie einfach zusammengefügt. Überraschenderweise haben sie toll zusammengepasst. Da merkte man auch noch einmal, dass bürgerliche Haushalte in Ost und West gar nicht so unterschiedlich waren. Neu waren für mich diese komischen Ikea-Regale.

ZEIT: Warum?

Eva: Das ist für mich schon typisch westdeutsch: Bernd konnte diese Bücherregale blind aufbauen und ist ein richtiges Ikea-Kind. Das kannte ich vorher überhaupt nicht so. Aber wissen Sie, was den größten Stress verursachte?

ZEIT: Nein, sagen Sie es uns!

Eva: Bernds hunderttausend Bücher. Das hat mich wirklich umgehauen. Er lebte vorher wie in einer Bibliothek. Ich dachte anfangs: Mein Gott, wenn ich in einer Bibliothek übernachten will, frage ich doch lieber bei der Deutschen Bücherei nach!

Bernd: Ich war ein bisschen bücherverrückt. Das gebe ich wirklich zu. Ich hatte 3000 Bücher. Teilweise noch eingeschweißt, weil ich sie gar nicht mehr lesen konnte. Da habe ich auch viel von dir gelernt, Eva: Man muss sich von Dingen trennen, wenn etwas Neues anfangen soll. Das praktische Denken meiner Frau hat mich wieder in vernünftige Bahnen gelenkt.

ZEIT: Herr Lepping, beherrschen Sie mittlerweile eigentlich ein bisschen Sächsisch?

Bernd: Nein, das will ich auch gar nicht beherrschen. (lacht) Dafür bin ich dann doch zu heimatverbunden. Auch wenn ich mich in Leipzig sehr wohlfühle und seit bald 30 Jahren hier bin. Sagen wir: Diese Stadt, diese Region ist meine zweite Heimat geworden. Und ich bleibe hier, wir bleiben hier.