Vor ein paar Wochen saß ich mit meiner Frau im Café, wir teilten uns ein Stück Kuchen. Wie im Grunde jedes Mal, wenn es Kuchen gibt, war ich weinerlicher Stimmung, weil der Genuss jedes Bissens bekanntlich nur um den Preis zu haben ist, dass das Stück vor einem schrumpft. "Ich glaube", sagte ich, unglücklich über den Anblick der wenigen Bissen, die noch übrig waren, "ich könnte nur Kuchen essen." Meine Frau sah mich aufmerksam an, dann sagte sie nüchtern: "Mach doch. Vielleicht kannst du dann eine Geschichte drüber schreiben." Was für ein hervorragender Vorschlag, dachte ich. Sofort buchte ich einen Flieger nach Paris. In der Hauptstadt der Patisserie würde ich drei Tage lang ausschließlich vom besten Kuchen der Welt leben und den Lesern danach berichten, wo es in Paris extragute Backwaren gibt.

Win-win!

Später dann, als es mir schon nicht mehr so gut ging, als ich gerade über eine Seine-Brücke stolperte und ein kalter Winterwind um meine Ohren pfiff, während mein Magen sich zu einer harten, zuckrigen Faust geballt hatte, kam mir in den Sinn, dass meine Frau bisweilen einen etwas trockenen Humor hat. Ich wählte ihre Nummer. "Du, ich fühl mich nicht so", klagte ich am Telefon. "Wirklich?", sagte sie. "Das ist erstaunlich." Zu Hause sei dafür alles in Ordnung, sagte sie. "Wir essen jetzt eine warme Hühnersuppe." Der Wind trieb mir Tränen in die Augen. Meine Finger waren ganz kalt.

Die Küchenroute

© ZEIT-Grafik

Am Vortag war es mir noch sehr gut gegangen. Ich war am Pariser Flughafen Charles de Gaulle in Champagnerlaune gelandet, fest entschlossen, mich nicht lumpen zu lassen. Wo ich schon mal hier war! Mein Plan sah vor, viermal am Tag Kuchen zu essen, und zwar zwei Stück pro Konditorei, damit man auch eine kleine Auswahl hat. Zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen, und nachmittags zum Kaffee auch Kuchen, ich bitte schön, gehört sich doch so. Im Koffer hatte ich eine Liste mit berühmten Adressen berühmter Patissiers und Hosen mit Gummibund.

Es war früher Abend, als ich den Koffer endlich in meiner Unterkunft abgestellt hatte, die auf der linken Seine-Seite lag, im einst als Pflaster der linken Intelligenzija bekannten Quartier Saint-Germain-des-Prés, in dem heute auch ein paar Spitzenkonditoren Filialen haben. Passenderweise wohnte ich gleich abseits der Rue du Four, der "Straße des Ofens". Um aber zur ersten Patisserie meiner Wahl zu gelangen, musste ich doch wieder das Ufer wechseln, überquerte also bald die glitzernde Seine, um durch die abendlichen Tuilerien in Richtung Hotel Le Meurice zu laufen. Dort arbeitet Cédric Grolet, der vielleicht erfolgreichste Patissier der Gegenwart. Grolet ist erst Anfang 30, aber er hat schon alles gewonnen, was man in seiner Branche gewinnen kann, zuletzt führte ihn die Weltrangliste The World’s 50 Best Restaurants als Best Pastry Chef. Ich wollte gleich zu Beginn verstehen, wo die Latte liegt. Gleich auf einen Gipfel.

Grolets eigene Patisserie, ein weißer, laborartiger Raum, in dem man den Patissiers auch bei der Arbeit zusehen kann, lag gleich neben dem Hotel, hatte aber leider bereits geschlossen. Zum Glück gab es seine Kuchen auch im cremefarben gestrichenen Hotelrestaurant Dalí, wo ich mich vor einer eleganten weißen Tischdecke mit poliertem Besteck niederließ, zwischen dicken Geschäftsmännern, gelangweilten Frauen und schönen, verloren wirkenden Töchtern in kurzen Gucci-Kleidern. Ich ließ auffahren. Garçon! Einen Kaffee sowie hier aus dem Kuchenmenü die Citron Vert sowie die Tarte du Jour – Schokoladenkuchen. Ich ließ den Gummibund meiner Hose schnalzen, um meine Lust zu unterstreichen.

Kross und buttrig: Das Mille Feuille im Café Pouchkine © Stephanie Füssenich für DIE ZEIT

Die Citron Vert war kein Kuchen, sondern eine Limette. Also, einfach eine kleine Limette auf einem Tellerchen. Erst auf den dritten Blick begriff ich, dass es sich doch nicht um eine echte Frucht handelte, sondern um ein täuschend echt angemaltes Ding aus hauchdünner weißer Schokolade, gefüllt mit einer fluffigen Limettencreme und einer stückigen Limettenkonfitüre im Kern. Die falsche Limette war frisch und eher sauer denn süß, ganz leicht kam sie mir vor und extrem raffiniert. Ich hatte kaum Zeit, mich in sie zu vertiefen, da war sie schon aufgegessen. Gleich den Schokokuchen hinterher! Was war das? Eine knuspernde Schokoladenglasur, innen eine Nougatcreme wie leichtes, handgerührtes Nutella, unten ein krosser Keksboden, auf dem eine zarte Schicht Mandelkaramellcreme ruhte. Fantastisch!

Nur: So richtig gebacken war das nicht, dachte ich, also bis auf den Keksboden. Machen französische Konditoren gar nicht so richtig was mit dem Ofen? Gern wollte ich noch mehr probieren bei Grolet, aber ich war für mein bisheriges Vergnügen schon um 60 Euro ärmer. Außerdem schämte ich mich, vor den Gucci-Töchtern noch mehr Süßigkeiten zu verschlingen. Ich lief zur schönsten Kneipe von Paris, dem Chez Georges, gleich bei meiner Unterkunft, und trank dort drei Gläser Côtes du Rhône.