Mit gerade einmal fünf Jahren weiß Tillie, wie dunkel, eisig und anstrengend das Leben sein kann. Jedenfalls dann, wenn man einmal Profi-Eiskunstläuferin werden will. Um diesen gleichermaßen geliebten wie verhassten Sport dreht sich vordergründig alles in der Graphic Novel Pirouetten. Sie zeigt, wie Tillie noch vor der ersten Schulstunde die Schlittschuhe und sich durch die Finsternis zum Training schleppt. Tag für Tag. Wie die Kälte, die aus der Eishalle weht, sie auch noch mit 17 Jahren frösteln lässt. Und wie viel Anstrengung es sie kostet, alles für einen kurzen Moment ganz leicht aussehen zu lassen – dann, wenn es darauf ankommt.

All das erzählt dieser Comic, und zugleich geht es um eine viel größere Herausforderung: herauszufinden und zuzulassen, wer man wirklich ist.

Tillie, die wir in Pirouetten beim Heranwachsen begleiten, lernt, dass ihr Leben nicht aufhört, nur weil die Eltern in eine neue Stadt ziehen, fast 3.000 Kilometer vom alten Zuhause entfernt. Sie entdeckt, dass sie anders ist als viele andere Mädchen, weil sie Mädchen liebt. Sie begreift, dass die große Liebe nicht die erste Liebe sein muss und dass das Glück manchmal Geduld zu schätzen weiß. Und sie entscheidet schließlich, das aufzugeben, was bisher ihr Dasein bestimmt hat, die Kunst auf dem Eis. Tillie muss einen beschwerlichen Weg gehen, damit es für sie später leichter wird – als es in ihrem Leben wirklich darauf ankommt.

Gezeichnet hat die Graphic Novel die heute 22-jährige Amerikanerin Tillie Walden. Es ist eine autobiografische Geschichte, und doch will dieses Buch kein exakt nachrecherchiertes sein, sondern eher eines, das sich daraus speist, was in Tillie Walden heute noch vom Damals übrig ist. "Jeder Augenblick in diesem Buch sollte meinem Gedächtnis entspringen, mit all seinen Fehlern und Ungereimtheiten", schreibt die Autorin im Nachwort. "Als das Buch schließlich fertig war, war ich am meisten darüber verblüfft, wie wenig es darin um das Eislaufen selbst geht."

Eine Meisterin des Uneigentlichen könnte man Walden nennen. Ihre früheren Bücher haben oft etwas Märchenhaftes, dem Alltag Entrücktes. Ihr von den Werken des japanischen Zeichentrick-Studios Ghibli (Chihiros Reise ins Zauberland) beeinflusstes Debüt The End of Summer zeigte bildmächtig die zunehmende Kälte innerhalb einer Familie, die in einem Schloss lebt, in dem alle auf einen Winter warten, der drei Jahre lang anhalten soll.

Oft arbeitet Walden mit vermeintlich unwirklichen Szenen, die aber gerade zeigen, was wirklich ist, etwa die junge Liebe zweier Mädchen in der Graphic Novel I Love this Part. Überlebensgroß sitzen die beiden auf den Dächern ihrer Stadt, als seien die Gebäude ihre Stühle. Sie kuscheln sich in Bergrücken, sie schlafen umschlungen in Häuserschluchten.

Märchenhaft ist in Pirouetten nichts. Die Räume schlagen harte Schatten, die Welt ist voller Kontraste. Allerdings nicht im klassischen Schwarz-Weiß, sondern in Lila-Weiß; ergänzt um ein wenig Gelb für die raren glücklicheren Momente. Diese Farbwahl hat einen Grund: Das aus ganzem Herzen verhasste Kleid, in dem die kleine Tillie am häufigsten auf dem Eis stand, war violett und golden.

Die Kunst auf dem Eis wird im Buch selbst zur Metapher. Denn eines hat Tillie Walden während des Zeichnens gelernt über den Sport, ihr Coming-out und das Leben: "Ob ich einen Sprung landete oder nicht, war keine Frage der Technik – die beherrschte ich", schreibt sie. "Die Frage war vielmehr, ob ich mir zutraute, den Sprung zu landen."

Für ihre Zeichenkunst hat Tillie Walden mit ihren 22 Jahren bereits reichlich Ehrungen gesammelt: Als 19-Jährige wurde sie mit gleich zwei Ignatz Awards ausgezeichnet, für Pirouetten hat sie den renommierten Eisner Award gewonnen. Walden sei die Zukunft des Comics, schwärmt ihr Kollege Brian K. Vaughan, der Autor der großartigen Comicserie Paper Girls. Ob das stimmt, wird sich zeigen. Eins aber zeigt Waldens bislang schmales Werk ganz deutlich: dass Graphic Novels gerade dann eine bestechende Kraft entwickeln, wenn sie komplexe emotionale Fragen verhandeln.

Tillie Walden: Pirouetten. Deutsch von Sven Scheer; Reprodukt Verlag 2018; 400 S., 29,– €; ab 14 Jahren