DIE ZEIT: Herr Hocke, Sie haben früher eng mit Michael Ende zusammengearbeitet, kümmern sich um sein Erbe und haben Rodrigo Raubein entdeckt. Wo?

Roman Hocke: In den Unterlagen, die er für seine Schriftstellerei gesammelt hat. Zwei Jahre nach Endes Tod hat mir seine Witwe erlaubt, alles durchzusehen. Da hab ich einige Tage geackert.

ZEIT: Wie sieht dieses Archiv denn aus?

Hocke: Es ist leider nicht ordentlich beschriftet und sortiert, sondern ein großer Berg unterschiedlichster Papiere. Einiges war in Schuhkartons und Postkisten, manches in Mappen. Immer, wenn Michael Ende etwas einfiel, schrieb er es auf: mal einen Satz auf eine Rechnung, mal kritzelte er auf einen Brief oder einen Werbezettel. Aber es gibt auch längere von Hand geschriebene Texte und einige, die bereits abgetippt waren.

ZEIT: So wie der Rodrigo?

Hocke: Genau, der war etwas Besonderes. Da habe ich drei fein säuberlich getippte Kapitel gefunden. Wenn ein Text so aussah, bedeutete es, dass Michael Ende damit schon recht zufrieden gewesen ist. Ich habe mich jedenfalls sehr gewundert, dass so etwas Tolles und irgendwie Fertig-Unfertiges in seinem Nachlass schlummert.

ZEIT: Allerdings ist es nur der Anfang einer Geschichte...

Hocke: ...aber der enthält schon alles Wichtige: Die Personen mitsamt ihren Problemen. Die Konflikte, um die es gehen wird. Michael Ende hätte damit loserzählen können.

ZEIT: Warum hat er es nicht getan?

Hocke: Ich denke, dass ihm noch etwas fehlte. Er wollte immer, dass seine Geschichten einen tieferen Sinn haben. Dass es im Rodrigo ums Angsthaben geht, ist klar – war ihm aber nicht genug. Welchen Sinn die Angst für uns haben kann, dazu hatte er offenbar noch keine Idee. Das ist aber gar nicht ungewöhnlich. Michael Ende schrieb mitunter lange an seinen Büchern, an der Momo etwa 17 Jahre.

ZEIT: Wann ist der Rodrigo entstanden?

Hocke: Genau lässt es sich nicht sagen. Aber ich schätze, wenige Jahre vor seinem Tod, zwischen 1991 und 1994.

ZEIT: Nun ist mehr als 20 Jahre später noch ein Buch daraus geworden, allerdings hat den Großteil ein anderer Autor, Wieland Freund, verfasst. Würde Michael Ende das Ergebnis gefallen?

Hocke: Schwer zu sagen, aber ich denke, Michael Ende würde sich sehr freuen, dass jemand seine Idee aufgenommen und zu einer eigenen Welt entfaltet hat. Wieland Freund hat eine gelungene Fortsetzung der Geschichte geschrieben, und zugleich ist das Buch eine Verbeugung vor der poetischen Welt Michael Endes.

ZEIT: Gibt es noch mehr unbekannte Geschichten aus Endes Papierbergen?

Hocke: Ich wühle gern noch einmal, aber ich fürchte, der Rodrigo ist das Letzte in seiner einzigartigen Erzählweise.