Zwölf Jahre schrieb der Autor an diesem unzeitgemäßen Roman. Steffen Mensching – zur DDR-Zeit Lyriker und subversiver Clown, seit 2008 Intendant des Theaters Rudolstadt – hat ein Epochenwerk des Totalitarismus erschaffen, das seinesgleichen sucht, aber heute kaum mehr findet. Es beginnt, wo es 1941 endet: am Anus der Welt, in einem sowjetischen Lager bei Archangelsk. In diese Eishölle gerät der jüdische Grafologe Rafael Schermann. Im alten Wien hat er als hoch dotierter Star-Hellseher praktiziert. Österreichs nazideutscher "Anschluss" vertreibt ihn nach Polen. Dort ereilt ihn 1939 der Hitler-Stalin-Pakt, sodann der Krieg. Schermanns Weiterflucht nach Osten endet im Gulag, wo man ihn als trotzkistischen Spion bezichtigt und verhört. Da der Greis nur Deutsch zu sprechen vorgibt, muss ein Dolmetscher her: der Sträfling Otto Haferkorn. Dieser proletarische Berliner Jungkommunist ist 1934 nach Moskau geflohen. Dort wurde er 1938 tschekistisch verdächtigt, jedoch – unbegreifliches Glück! – nicht erschossen, sondern begnadigt: zehn Jahre Gulag. Zwei sind um.

Lager contra freie Welt

Aus dieser weiträumigen Anlage bezieht die Erzählung den größtmöglichen Kontrast: Lager contra freie Welt. Schermanns Geschichte ist die seiner Profession. Seine Handschrift-Diagnosen durchleuchten die Kulturprominenz der präfaschistischen Zeit. Ein illustrer Reigen zieht auf: Magnus Hirschfeld, Erwin Piscator, Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler ... Karl Kraus, der unbesiegbare Intellektuelle, verglüht für eine süße Baronesse und saugt aus Schermanns Expertise Hoffnung wie aus einem Horoskop. Der Schriftdeuter triumphiert auch als Kriminalermittler – wie Mensching als Erzähler. Seine absatzlose Prosa ist so dicht wie licht. Schwungvoll wechseln Perspektiven und Milieus, Erfindung und Dokumentation. Erhebliche Teile des Romans sind akkurate Chronik, auch in der Lebensgeschichte des (fiktiven) Otto Haferkorn. Der begegnet in Moskau Exilanten wie Hugo Huppert, Willi Münzenberg, Ernst Busch, Maria Osten. Marias Gatte Michail Kolzow, soeben noch Stalins Leibjournalist, verschwindet spurlos im Orkus der "Säuberung" wie Unzählige zuvor und danach, bald auch Timofej Kosinzew, der Lagerkommandant. Noch verhört er Schermann als Lokalgott der Sowjetmacht. Aber niemand ist sicher vor Stalins allmächtiger Furcht.

Ist Rafael Schermann ein Scharlatan? Wer weiß. Seine Macht besteht in einer Kunst, die sich der mörderischen Rationalität der Diktatur entzieht. Seine Fantasie erzeugt Metaphysik, die innerste Wahrheit des Menschen. Eine Scheißangst diagnostiziert Schermann seinem Vernehmer – ungestraft. Das hätte der Leser nicht gewagt.

Und doch bleibt eine Irritation angesichts der Virtuosität, mit der Steffen Mensching (geboren 1958) das Gulag-Inferno zu erzählen vermag: das Verhungern und Erfrieren, das seelische Erlöschen, die Leichenstapel, die Gewaltexzesse der "Diebe im Gesetz". Die Atemschaukel von Herta Müller hinterließ ein ähnliches Gefühl: als sei die Schilderung der Hölle jenen vorbehalten, die sie nicht erleben mussten.

Steffen Mensching: Schermanns Augen. Roman; Wallstein Verlag, Göttingen 2018; 820 S., 28,– €, als E-Book 21,99 €