Es ist noch dunkel draußen, als Howard Wilkinson seine Vorgesetzten vor der Unterwelt warnt. Er hat während seines Weihnachtsurlaubs lange darüber nachgedacht, jetzt ist er sich sicher. Am frühen Morgen des 27. Dezember 2013 tippt er in seinem Büro in Tallinn eine E-Mail auf Englisch. Betreffzeile: "Whistleblowing Offenlegung – wissentliche Geschäfte mit Kriminellen in der Filiale in Estland".

Es geht um verdächtige Kunden bei seinem Arbeitgeber, der dänischen Danske Bank, bei deren Niederlassung in Estland er das Handelsgeschäft in den baltischen Staaten leitet. "Sehr geehrte Herren", schreibt er, "die Bank hat möglicherweise eine Straftat begangen." Dann geht er ins Detail: Eine Firma aus Großbritannien, die bei Danske ein Konto geführt habe, habe falsche Bilanzen an das britische Handelsregister gemeldet. Die Umsätze auf dem Konto seien wesentlich höher als die gemeldeten Zahlen. Zudem sei nicht klar, wer hinter der Firma stecke. Dann klickt Wilkinson auf "senden".

Nach der E-Mail geschieht erst einmal – nichts. Das wundert Wilkinson. Er fragt sich: "War das nur ein Einzelfall?" Er ist ein sturer Typ, sucht weiter und findet noch mehr Firmen. Alle hätten gefälschte Bilanzen eingereicht, alle haben dieselbe Adresse, alle haben dieselbe Gesellschaftsform, bei der sich besonders einfach die beteiligten Personen verschleiern lassen. Er glaubt, ein Muster erkannt zu haben. Also schreibt er im Januar 2014 eine weitere Mail. Dann noch eine im März, eine weitere im April. Insgesamt 16 Firmen mit Adresse in Großbritannien meldet er. Sie machen Millionenumsätze, ohne dass klar ist, womit. Wilkinson glaubt, er würde seinem Arbeitgeber einen Dienst erweisen, und erwartet, dass seine Chefs die Angelegenheit untersuchen. Doch es kommt anders.

Was Wilkinson nicht ahnt: Er ist auf den wohl größten Geldwäscheskandal gestoßen, der in Europa je aufgeflogen ist. Inzwischen ist klar, dass in der Niederlassung der Danske Bank in Tallinn zwischen 2007 und 2015 verdächtige Transaktionen in Höhe von rund 200 Milliarden Euro ausgeführt wurden. Fast jedes Jahr übersteigt der Betrag das jeweilige Bruttoinlandsprodukt Estlands. Die Warnungen von Wilkinson wurden weitgehend ignoriert. Er wird vertröstet, bekommt zur Antwort, die Bank habe alles richtig gemacht. Daher kündigt er im Jahr 2014. So schilderte er es einer Kommission des dänischen Parlaments im vergangenen November. Erst als die dänische Tageszeitung Berlingske 2017 über den Fall berichtet, bewegt sich die Bank. 2018 veröffentlicht sie den Bericht einer von ihr beauftragten Anwaltskanzlei, die die Vorgänge untersucht hat. Inzwischen ermitteln Behörden in Dänemark, Estland und den USA wegen des Verdachts auf Geldwäsche.

Der von Danske in Auftrag gegebene Bericht der Anwälte zeigt das Ausmaß des Skandals. Die 200 Milliarden Euro unbekannten Ursprungs wurden über nicht weniger als 6.200 Briefkastenfirmen geschleust, von denen Wilkinson einige wenige entdeckt hatte. Sie waren auf der ganzen Welt registriert, in Großbritannien, in Belize, in Panama, auf den Britischen Jungferninseln – und alle führten ihr Konto ausgerechnet in Estland. Im Bericht werden sie als "verdächtig" eingestuft – ein gewöhnlicher Geschäftszweck war kaum zu erkennen. Dahinter stecken vermutlich russische Kriminelle. Die baltischen Staaten waren lange ein Zentrum für den Handel zwischen Europa und Russland.

Auch deutsche Banken und Unternehmen haben nach Recherchen von ZEIT und dem ARD-Politikmagazin Kontraste mit den dubiosen Gesellschaften Geschäfte gemacht. Der ZEIT und Kontraste liegen knapp tausend Seiten an Kontoauszügen vor. Sie belegen, dass Millionenbeträge aus den Briefkastenfirmen auf Konten bei der Commerzbank, der Deutschen Bank, der HypoVereinsbank, bei Volksbanken und Sparkassen geflossen sind. Zu konkreten Transaktionen äußern sich die Institute auf Anfrage nicht, weisen aber darauf hin, hohe Standards gegen Geldwäsche zu haben.

Mit den Kontounterlagen lassen sich Zahlungen in Höhe von 31 Millionen Euro für die Jahre 2007 bis 2011 nachweisen. Mit dem Geld wurden Kloschüsseln und Badezimmer-Armaturen bezahlt, Chemieprodukte, Gebrauchtwagen, Ersatzteile, Schmuck und CD-Rohlinge gekauft.

Der Fall der Danske Bank ermöglicht somit einen seltenen Einblick in die Untergrundökonomie der Kriminalität, die neben dem normalen Wirtschaftssystem existiert. In diesem Untergrund arbeiten Banden aus Rechtsanwälten, Notaren und Bankern. Sie melden im Namen von Strohmännern Firmen an, deren einziger Zweck es ist, Zahlungen abzuwickeln, damit Geldströme verschleiert werden und Sender und Empfänger unentdeckt bleiben. Es kann sich bei dem Geld um Gewinne aus Korruption, Schmuggel oder Steuerhinterziehung handeln, um Zahlungen für Waffen-, Drogen- oder Menschenhandel. Jährlich werden von den Banden zwischen zwei und fünf Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts umgesetzt, wie die UN-Organisation für Drogen und Kriminalität schätzt. Das sind 1,6 bis 4 Billionen US-Dollar. Damit diese Untergrundwirtschaft funktioniert, sind die Banden auf traditionelle Banken und Unternehmen angewiesen, die nicht genau hinschauen. Beide Systeme funktionieren nebeneinander. Und es ist manchmal schwer zu sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört.

Auch bei den Zahlungen nach Deutschland sind die Banden mit dabei. So überweist am 29. Februar 2008 eine Firma namens Rodney Universal aus dem Karibikstaat Belize von ihrem Konto bei Danske in Estland 42.740 Euro auf das Konto des Kölner Chemiekonzerns Lanxess bei der Deutschen Bank. Als Verwendungszweck ist die Rechnungsnummer angegeben ("INV8048000541") und der Hinweis "for products". Zwischen März und August desselben Jahres gehen bei Lanxess elf weitere Transfers von Rodney Universal ein, mal für "products", mal für "consumer goods", mal für "equipment". Insgesamt fließen 875.080 Euro.

Die Waren wurden tatsächlich geliefert. Doch nicht, wie man erwarten würde, an Rodney Universal nach Belize. Sondern an einen Dritten. Wer der Warenempfänger war, beantwortet Lanxess nicht. Man könne auch nicht sagen, warum das Geschäft seinerzeit über einen Dritten abgewickelt wurde. Das Unternehmen bestätigt aber: "Den Zahlungen lagen in allen Fällen Warenlieferungen durch unser Unternehmen an Kunden zugrunde, über die wir entsprechende Rechnungen ausgestellt hatten."