Die universitäre Soziologie hat in diesem Zusammenhang eine andere Rolle gespielt. Es war ihre Forschung und Theoriebildung, die die Gesellschaft auf eine andere Weise entdeckte: als widerständige Struktur, die sich in ihrem Eigensinn den optimistischen, oftmals allzu politisierten Intentionen von Reformen versperrte. Die empirische Forschung über Ungleichheit, über Bildung und über Stereotype hat gezeigt, wie stabil soziale Strukturen doch immer wieder sind. Ein Beispiel: Im Zuge der Bildungsexpansion in den 1960er-Jahren hat sich die Zahl der Abiturienten innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelt. Damit sind auch soziale Schichten in den Genuss höherer Bildung gekommen, die zuvor kaum einen Zugang hatten. An der Schichtenverteilung hat sich jedoch wenig geändert; die Quote von Arbeiterkindern an Universitäten etwa blieb fast unverändert.

Die Soziologie war dort stark, wo sie der Gesellschaft zeigen konnte, wie widerständig ihr Gegenstand ist und dass guter Wille nicht ausreicht, um bestimmte Ziele zu erreichen. Wo sie zeigen konnte, dass die Rede von der Chancengleichheit auch gegenteilige Effekte in Bildungsinstitutionen erzielen konnte. Die Soziologie war stark, wenn sie eine methodisch kontrollierte, mithin unaufgeregte Spielverderberin war, die erklären konnte, wie mühselig die Veränderbarkeit ihres Gegenstandes ist. Obwohl den sozialen Reformkräften eher zugewandt, war sie dort stark, wo sie auf den Eigensinn sozialer Strukturen verwiesen hat, auf Dynamiken "hinter dem Rücken der Akteure", wie es so schön bei Karl Marx hieß.

Was ich hier beschreibe, ist Kennzeichen eines intern außerordentlich pluralistischen Faches, das es nie zur monoparadigmatischen Normalwissenschaft gebracht hat (ein unschätzbarer Vorteil übrigens). Die internen Debatten, wie man forscht und wie man seinen Gegenstand konstituiert, waren publikumswirksame Veranstaltungen. Das Besondere aber waren die kontraintuitiven Diagnosen, mit denen sich die Soziologie auch das Vorurteil der Unverständlichkeit und einer allzu starken Selbstbezogenheit redlich erarbeitet hat. All das bedingte eine Konstellation, in der es ausgeschlossen war, dass ein Soziologie-Kongress hätte verschwiegen werden können.

Wenn meine Diagnose stimmt, worin die Soziologie stark war, müssten sich daraus Kategorien ableiten lassen, warum sie (zumindest in ihrer institutionellen Form) zwar professionell lehrt und forscht, für die Öffentlichkeit aber kaum relevant ist. Wenn es stimmt, dass die frühere Aufmerksamkeit der Soziologie mit der Fähigkeit zu erklären ist, kontraintuitive Diagnosen über die Widerständigkeit ihres Gegenstandes anzubieten, wäre nun zu prüfen, ob man dieses Argument umdrehen kann: Hat das Fach einer Öffentlichkeit so etwas nicht mehr anzubieten?

Ich fürchte, es geht in diese Richtung. Sieht man sich an, womit die deutschsprachige Soziologie öffentlich sichtbar wird, dann sind es keine kontraintuitiven Diagnosen, keine Hinweise auf den Eigensinn und die Widerständigkeit unseres Gegenstandes. Es sind eher milieuspezifische Positionen im gegenwärtigen Kulturkampf. Sichtbare Soziologie bestätigt eher das Lebensgefühl des eigenen Milieus, als der Gesellschaft Überraschendes anzubieten. Sie beklagt den Verlust von Resonanzen und das Verschwinden eines Erlebens aus einem Guss, sie macht sich zum Sprachrohr einer Subjektivierungs-, Aktivierungs- und Optimierungskritik, die nicht falsch ist, aber über deren Alternativen man kaum etwas erfährt. Ist es dann "wirkliche" Selbstbestimmung und "echte" Authentizität oder am Ende doch die Staatsgläubigkeit von Steuerungsidealen? Man will es gar nicht so genau wissen!

Vor allem aber gefällt sich die Soziologie in der Dekonstruktion auf der Oberfläche von Bedeutungsebenen – das, was dem akademisch gebildeten Mittelschichtsbürger ein Heimatgefühl geben kann. Am beliebtesten ist der Nachweis, dass unsere Begriffe und Kategorien historisch relativ sind und damit auch anders sein könnten. Das soziologische Mittelschichtsmilieu kann es sich leisten, die eigenen Erfahrungen der Verflüssigung von Kategorien als eigenen Freiheitsspielraum auszugeben, hat aber wenig Sinn dafür, dass anderen Milieus diese Freiheiten nicht gegeben sind. Man bietet lieber Chiffren der wohligen Selbstbestätigung an. All das ist nicht falsch, dient aber mehr der Selbststabilisierung als der kritischen Analyse.