In ihrer Hochphase vermochte es die Soziologie, dem eigenen Milieu strukturelle Bedingungen ihrer Erfolgsmöglichkeiten vorzuführen. Derzeit scheint es Soziologen auszureichen, Stereotype und verfestigte Bedeutungen zu kritisieren – sodass unkenntlich wird, wie brutal musterförmig der Gegenstand der Soziologie nach wie vor ist. Andere wissen das übrigens besser als die Soziologie: die Digitalsozialtechnik, die es Unternehmen, Wahlkämpfern, Strafverfolgungsbehörden oder der Sozialplanung erlaubt, aus den stupenden Regelmäßigkeiten ihres dynamischen Gegenstandes Kapital zu schlagen. Die besseren Soziologen sitzen derzeit dort, wo sie keine Erkenntnis-, sondern Markt- oder Überwachungsinteressen haben.

Die Diskurslage ist heute schwieriger geworden. Wer in der Weise kritisiert, wie ich das hier vorführe, gerät in den wenig anspruchsvollen Sog, als sei das Gegenteil des Kritisierten richtig. Die Geschlechtersoziologie ist zum Beispiel sehr erfolgreich darin, auf den arbiträren Charakter von Geschlechterunterscheidungen hinzuweisen. Diese eher epistemologischen Argumente sind nicht falsch, aber sie bilden fast nur eine milieuspezifische Selbsterfahrung ab. Die Gender-Studies werden auf eine irre Weise gehasst, was auch ein Hinweis darauf ist, dass sie das machen, was ich als Stärke beschreibe: Sie warten mit kontraintuitiven Diagnosen auf – aber es gelingt ihnen nur begrenzt, ihrem Publikum zu erklären, warum die Geschlechterunterscheidung so hartnäckig ist – auch dort, wo sie womöglich gar keine konkrete Funktion hat. Es ist eben mehr als eine bloß politische oder normative Frage, um die es hier geht. Die Gender-Studies müssten zugleich stärker dafür sensibilisieren, dass sie selbst in die Paradoxie laufen, durch Thematisierung des Geschlechts die Relevanz der Geschlechterunterscheidung loswerden zu wollen, die sich in der gesellschaftlichen Praxis stabiler darstellt, als es die Milieuerfahrung von Soziologinnen und Soziologen hergeben. Wie erklären wir das? Und wie erklären wir, dass Typisierungen ebenso eigensinnig sind, wie Ordnungsvorstellungen sich durch Argumente nicht einfach auflösen lassen?

Mit der Beantwortung solcher Fragen müssten Soziologen mehr anzubieten haben als nur eine normative Klage über den Rechtsruck oder die Enttäuschung darüber, dass der Universalismus der Menschenrechte sich noch nicht durchgesetzt hat. Aber der Stachel im Fleisch, die Spielverderberin, der Unterschied, der einen Unterschied macht – all das scheinen wir immer weniger zu sein.

Soziologische Aufklärung beginnt, wenn man nicht unterschätzt, wie wenig sich die gesellschaftliche Dynamik durch guten Willen beeindrucken lässt. Die Soziologie war immer dann stark, wenn sie vor allem dem eigenen Milieu einen Spiegel vorhalten konnte. Derzeit sieht es eher so aus, als seien wir zu zufrieden mit uns selbst. Alle reden von Heimat. Wir nicht. Aber wir erzeugen ein Milieu, in dem wir uns wirklich wohlfühlen können, auch im Ärger und im Distinktionsbemühen gegen die andere Seite im Kulturkampf.

War es das, was mit Resonanzerleben gemeint war?