In einer Gesellschaft, in der man nichts verschweigen kann, gibt es etwas, das in der Öffentlichkeit nicht stattfindet. Etwas, das buchstäblich niemanden interessiert. Etwas, das noch nicht einmal Anlass ist für Spott oder Kritik, geschweige denn für Rezensionen oder schlichte Berichte.

Was das ist? Ein Soziologie-Kongress!

Nun ist öffentliche Aufmerksamkeit noch kein wissenschaftliches Qualitätskriterium. Doch als Ende September der nur alle zwei Jahre stattfindende Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Göttingen tagte, konnte man die öffentliche Irrelevanz besonders bemerken. Der Kongress war gut besucht, er war nicht besser und nicht schlechter als frühere Tagungen. Doch es nahm niemand Notiz. Ganz anders bei den großen Konferenzen der Historiker, der Juristen und der Politikwissenschaftler, die sich in derselben Woche trafen. Es gab Pressemeldungen, es kamen publikumswirksame Gäste, es wurden zentrale Themen diskutiert. Ob diese Treffen wissenschaftlich besser waren als der Soziologie-Kongress – darüber fälle ich kein Urteil. Aber sie fanden Beachtung. Vom Soziologie-Kongress konnte man nur als Soziologe oder Soziologin wissen; von den anderen Kongressen hatten auch interessierte Mitbürger Kenntnis.

Woran das liegt? Es gibt eine interessante Textsorte. Wenn etablierte, zumeist männliche Vertreter eines Faches diese Frage beantworten wollen, beschwören sie stets den Niedergang des Faches. Sie sind oft etwas in die Jahre gekommen, sie haben Stellen, deren Befristung am eigenen Leben hängt und nicht am Überleben der Stelle, sie sind oft Profiteure ihrer Fächer, die ihnen nicht nur einen privilegierten Arbeitsplatz ermöglichen, sondern auch ein gerüttelt Maß an emeritierungsfeierkompatiblen Heldentaten verschaffen. Sie beschwören die alten Zeiten und warnen vor neumodischen Methoden, Theorien oder Themen.

All das habe ich nicht vor. Ich habe Vertreter einschlägiger Redaktionen nach ihrem Desinteresse gefragt. Unisono konnte man hören, dass das Fach gar nicht wirklich unsichtbar ist, man wusste auch von "Göttingen", das es ja im Unterschied zu Bielefeld wirklich gibt. Nur: Das hat niemanden dazu veranlasst, eine Autorin dorthin zu schicken.

Nun wäre es ein Leichtes, Schwächen zu identifizieren. Die Berichterstattung von den anderen Kongressen war durchaus kritisch, am kritischsten gegenüber den Historikern, die sich der Aufmerksamkeit ohnehin sicher sein können, weil man von der historischen Erörterung Auskunft in den derzeit so aktuellen Identitätsfragen erwartet. Unsere Schwächen dagegen waren noch nicht einmal Anlass für Verrisse.

Wann war die Soziologie eigentlich stark? Wann hat ihr Eigensinn der Öffentlichkeit etwas mitzuteilen gehabt? Im ersten Moment denkt man an die großen Zeiten des Faches in den 1960er- und 1970er-Jahren, als es sogar gelang, die öffentliche Bildungssprache soziologisch zu infizieren. Die Leute waren plötzlich nicht mehr bloß, was sie sind, sondern trugen Rollen und wurden sozialisiert. Man stieß auf Lebenswelten, die den eigenen Blick zugleich begrenzten und öffneten. Die Leute wurden damit konfrontiert, dass ihre Handlungen nicht nur Ausdruck ihrer eigenen Entscheidungen waren. Dass Männer und Frauen sich nicht nur biologisch unterschieden, war vielleicht eine der stärksten Informationen für eine daran nicht gewöhnte Öffentlichkeit. Vor allem stieß man aber auf soziale Ungleichheit und die Frage ihrer Überwindung.

Solche Begriffe und Chiffren verbreiteten sich in einer Zeit, in der man optimistisch war, mittels Bildungs- und Gesellschaftspolitik sozialen Aufstieg zu ermöglichen, und eine Liberalisierung privater Lebensverhältnisse und beruflicher Kommunikationsstrukturen anstrebte. Der Erfolg der Soziologie fiel in eine Zeit, in der man die Gesellschaft neu entdeckte – als Gestaltungsraum und im Sinne der Verflüssigung alter Sicherheiten. Soziologen spielten eine große Rolle bei der Formulierung politischer Programmatik in diese Richtung; je stärker sich Politik sozialdemokratisierte, desto intensiver soziologisierten sich die Programme. Doch so ist die Geschichte nicht auserzählt.