Wie aus Sprache Gewalt wird – Seite 1

Fangen wir mit 1984 an – nicht mit dem historischen Datum, fünf Jahre bevor in Deutschland, in Osteuropa und mit dem Fall der Sowjetunion auch in der Weltordnung alles sich wendete, sondern mit George Orwell und seinem gleichnamigen Roman. In diesem deprimierend visionären Buch wird ein System der absoluten Kontrolle beschrieben, ein totalitäres Regime, das die sprachlichen Äußerungen und das Verhalten der ihm Unterworfenen auf eine so umfassende Weise manipuliert, dass niemand ihm entkommen kann, auch nicht der Protagonist, durch dessen Augen wir diese Welt sehen. Dieser Winston Smith, ein englischer Jedermann, ist das Alter Ego des Autors, von dem die Biografen berichten, er habe sich, schwer an Krebs erkrankt, auf die Hebrideninsel Jura zurückgezogen, um dort 1948, drei Jahre nach Kriegsende, seinen Roman zu vollenden. Und da sitzt nun ein tief verzweifelter Mensch, moribund, und schreibt die schwärzeste Fiktion des Jahrhunderts, ein Buch, in dem die Zukunft des Kontinentes besiegelt scheint und es kein Außen mehr gibt.

Ich muss gestehen, ich war beunruhigt, als ich es dieser Tage noch einmal las. Denn vieles darin kam mir auf schwindelerregende Weise vertraut vor. Kein Zufall, dass es in mancher Hinsicht das Buch der Stunde zu sein scheint. Der gegenwärtige Präsident der Vereinigten Staaten war kaum im Amt, da erschien das Werk, das im Arbeitstitel noch "Der letzte Mensch in Europa" hieß, auf der Taschenbuch-Bestsellerliste der New York Times.

1984 ist eine Erzählung über die Durchsetzung von Herrschaftssprache. Der faschistisch-bolschewistische Glutkern: Was passiert, wenn eine Einheitssprache alle Hirne erfasst? Wenn Normierung so weit geht, dass keine Alternative auch nur mehr denkbar ist? Dann gibt es nur noch Zwangsläufigkeiten und reine Bürokratie, die alle Winkel der Zivilisation erfasst. Am Ende aber, und davon handelt Orwells Parabel, geht es um eine Aufweichung des Moralprinzips selbst, um die Verwirrung der Vorstellungen von Gut und Böse in einer Gesellschaft.

Es ist lange her, da tauchte in öffentlichen Debatten zum ersten Mal das Wort "Gutmensch" auf und machte seltsamerweise sofort als Schimpfwort die Runde. Man muss die Karriere dieses Wortes nicht im Einzelnen nachzeichnen, festzuhalten ist nur die Umwertung der Silbe "gut", die seither einer ethischen Desorientierung Vorschub leistet. Im Kampf gegen Auswüchse der sogenannten Political Correctness (auch dies ein Wort, das über Nacht auftauchte wie der Name für ein neues Krankheitssymptom), in der Abwehr politischer Sprachkritik vonseiten gesellschaftlich Benachteiligter, Diskriminierter oder Angehöriger von Minderheiten, fand man zu einer Schmähform, die schließlich jede Regung der Humanität, der Solidarität oder schlicht der christlichen Nächstenliebe unter Verdacht stellte.

In Putins Trollfabriken arbeiten die fleißigen Ameisen der Desinformation

Manchmal scheint mir, als habe die allgemeine Verunsicherung hier angefangen. Unterschiedslos trifft das Wort Gutmensch, das ursprünglich aus satirischen, diskurskritischen, später konservativen Ecken kam und heute fast ausschließlich in Kreisen der Neuen Rechten benutzt wird, den wohlfeilen Tugendwächter wie den Mitarbeiter der Bahnhofsmission, den bequemen Kolumnenschreiber wie den selbstlosen Seenotretter oder die freiwillige Arzthelferin im Kriegsgebiet. Es torpediert nun alles, was auch nur einen Millimeter vom durchschnittlichen Egoismus der Mehrheitsgesellschaft abweicht, von der politisch sanktionierten Gleichgültigkeit, der nationalistisch veredelten Herzenskälte.

Mit Sprache lässt Bewusstsein sich von innen heraus manipulieren. Wer weiß noch, dass der gewiefte Stalin sich ernsthaft für einen Linguisten hielt und Briefe über die Sprachwissenschaft verfasste? Ohne Sprache kein Denken, lautete sein Credo. In Fortführung der Marxschen Lehre von Basis und Überbau rechnete er die Sprache weder dem einen noch dem anderen zu. Heute denkt man sogleich an die Trollfabriken, die von der gegenwärtigen Nummer eins im Kreml beschäftigt werden (was von offizieller Seite selbstverständlich dementiert wird). Fleißige Ameisen der Desinformation, arbeiten sie an sogenannten Bots, Computerprogrammen, mit denen Meinungen verbreitet werden, die wie moralfressende Viren funktionieren, indem sie zu allen brennenden Themen der Menschheit eine Verwirrung erzeugen, in der die Unterscheidung von Wahr und Falsch, Gut und Böse, sogar Links und Rechts sich auflöst im politischen Interesse der Auftraggeber.

Man denkt aber auch an gewisse Formeln, wie sie der Twitterkönig Ubu im Weißen Haus täglich bis zum Überdruss absondert. Wobei der Kampf gegen regierungsunabhängige Medien eine Konstante in seinen Verbalattacken darstellt. "Die Fake-News hassen mich, weil ich sie die 'Feinde des Volkes' nenne. Weil sie wissen, dass ich damit RECHT habe. Ich leiste dem amerikanischen Volk einen großartigen Dienst, indem ich ihm das erkläre. Sie (die Journalisten) spalten absichtlich das Volk und säen Misstrauen. Sie können auch Kriege auslösen! Sie sind sehr gefährlich und krank!"

Trump, der im Wahlkampf mit seiner Gehirnwäsche-Strategie begann, richtet sich mit seinen Proklamationen, in denen es von Signalwörtern wie "great", "phantastic", "dangerous" und "sick" nur so wimmelt, direkt an den Einzelnen, der ihm auf Twitter folgt. Jeden Morgen bekommt so der Empfänger die ebenso einfältigen wie schlagkräftigen Meinungen seines Präsidenten aus erster Hand und kann sich von ihm die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß einteilen lassen. Die Medien können nur hinterherhecheln, indem sie Bildschirmfotos von den Handy-Botschaften des POTUS abbilden und diese kommentieren. Um Kritik geht es dabei schon lange nicht mehr, nur noch darum, den Anschluss nicht zu verlieren.

Die Hartherzigen, Engstirnigen und Ewiggestrigen geben den Ton an

Immerhin, noch sind wir in einer Demokratie, die sich das Abstandnehmen von den Äußerungen ihrer Entscheidungsträger fallweise leistet und sich in der Illusion wiegt, sie sei ganz nah an der Realität. In Wahrheit agieren längst Oligarchen in ihrer Blase, der Rest der Menschheit wird in die Rolle von Kaffeesatzlesern gedrängt und muss zusehen, was aus den Zuckungen dieser selbstherrlichen Herrscher als Nächstes entsteht. Kreml-Astrologie nannte man das einst verächtlich im Westen. Heute sind wir so weit, dass alle Medien-Ameisen brav an einer White-House-Astrologie mitwirken.

Nadia Urbinati, Politikwissenschaftlerin an der Columbia University, nennt die neue Propagandamethode, unter Umgehung der Partei und der traditionellen Medien direkt mit der Bevölkerung zu kommunizieren, "direkte Repräsentation". Eine uralte Reizwort-Rhetorik stützt sich dabei auf brandneue Technik. Urbinati spricht aus, was wir alle erfahren haben: "Die politischen Parteien befinden sich in einer schweren Krise." Und dann sagt sie etwas, wovon ich seit den Neunzigerjahren in vielen Gedichten und Essays ausging: "Die Veränderungen, die wir im Moment beobachten, spielen sich eher in der Sprache ab. Was Trump an Twitter gefällt, ist, dass er nicht viele Worte verlieren muss. Er kann eine Sprache benutzen, die ihre Empfänger am Abwägen hindert und zu unmittelbarer Zustimmung oder Ablehnung zwingt. Genau wie auf dem Forum Romanum im antiken Rom, wo das Volk seine Zustimmung durch Handzeichen bekundete. Im Grunde bringt uns der neue Populismus Zustände wie in der Römischen Republik zurück: das Jubeln und die Buhrufe, die Begeisterung, die das politische Führungspersonal auslöst."

Die Hartherzigen, Engstirnigen und Ewiggestrigen geben den Ton an

Die Aushöhlung des kritischen Geistes betreibt man am besten, indem man so viel Technik wie nur möglich unters Volk bringt. Jeder sein eigener Handy-Sklave, jeder sein eigener von Computern und Tablets gesteuerter Idiot in der rund um die Uhr aktiven Netzwerkgemeinschaft. Wie heißt der Schlüsselsatz bei Orwell? "Man konnte das Gerät (den sogenannten Teleschirm) zwar leiser stellen, aber ganz ausschalten ließ er sich nicht." Heute wissen wir, was damit gemeint war. Es war die perfekte Beschreibung des allumfassenden Angeschlossenseins an die Medienmaschine, eine Chiffre für die heraufdämmernde Informationsgesellschaft, die mit ihren kleinen und großen Bildschirmen jeden Haushalt erreicht und die Psyche aller Beteiligten bis in den letzten Winkel durchdringt. Die Aushöhlung jeder Intimität, vor nichts anderem wollte Orwell uns warnen.

Ein neuer Ton geht um. Zu konstatieren ist eine Radikalisierung des öffentlichen Sprechens, zwischen den Nationen wie im Umfeld jedes Einzelnen, im Streit der Parteien wie in den Kneipen, im Parlament wie auf der Straße. Da ist zum einen der Gebrauch herabsetzender Formeln für den politischen Gegner, die Diskriminierung von Menschengruppen, die in ihrer Schwäche zu Opfern der Weltpolitik werden. Da ist zum anderen aber auch ein allgemeiner Verfall der ethischen Standards, eine Versumpfung der Sprache in den Boulevardblättern wie in den sozialen Netzwerken. Jeder beklagt das mittlerweile, aber keiner kennt das Rezept, herauszufinden aus diesem Labyrinth.

Ich kenne keinen, den die fortschreitende Brutalisierung im polemischen Sprachgebrauch nicht erschrecken würde. Wir leben in Zeiten verschärfter Rhetorik. Die Hartherzigen, die Engstirnigen, die Ewiggestrigen geben den Ton an. Und die meisten der Zuhörer wundern sich, was hier inszeniert wird. Journalisten tappen im Dunkeln, gebildete Zeitgenossen, eben noch cool und mit allen Wassern gewaschen, fragen sich, was da los ist. Die meisten sind ohne Kompass, kreiseln verwirrt in alle Richtungen, kein Gespräch, in dem die Verunsicherung nicht um sich greift. Denn nun rächt es sich, dass der Lateinunterricht abgeschafft ist, die Rechtslage ungeklärt, die Grundregel einer Demokratie unbekannt und niemand mehr Vergleichsmöglichkeiten hat und ein inneres, historisch geschultes Ohr.

Im Grunde ist die Aufrüstung der Redeweise nichts wirklich Neues. Nur ist sie für Menschen, die keinen geschichtlichen Zusammenhang mehr erkennen, so überraschend, dass alle von ihr überwältigt sind und sie in eine allgemeine Schockstarre versetzt werden. Wir alle waren an den Konzertsaal der Demokratie gewöhnt, an die Inseln politischer Philharmonie, und nun das. Ist das noch mein Land, fragt sich mancher.

Ich beschließe, ganz ruhig zu bleiben. Nicht Bange machen lassen von den Aufregungen rechts oder links der Fahrbahn, ist die Devise. Es widerstrebt mir, aufzeichnen zu müssen, was seit einigen Jahren geschieht. Nur so viel: Ich spüre, dass Sprache wie lange nicht mehr, aber schon einmal in diesen Breiten, zum Mittel politischer Aufstachelung und Diffamierung wird, die früher oder später, hier oder da in physische Gewalt mündet. Dem Mund, der Hassparolen brüllt, folgt die Faust. Den Handgreiflichkeiten, die heute bei Demonstrationen zu sehen sind, gingen die Hetzformeln der Demagogen voraus. Das war in den Zeiten von Rotfront und SA nicht anders als heute. Nun aber, zum ersten Mal seit der Ruhepause im Kalten Krieg, ist die Lust am Untergang wieder da. Verschärfung nach innen, Vorstufe einer Verschärfung nach außen, ist der Fluch dieser Stunde.

Aus den Ängsten resultiert der ohnmächtige Zorn

Warum dürfen sich heute so viele auf ihre Ängste berufen?

Im nächtlichen Berlin verstrickt mich der Taxifahrer, ein junger Pole, in ein Gespräch, und alles ist wieder da wie am ersten Tag. Wir beide, Überlebende des Wahnsinns, mögen uns einig sein: In den Straflagern Stalins sind mehr Menschen umgekommen als in den Vernichtungslagern des "Dritten Reiches" – aber was heißt das? Was bedeutet es für uns, die Lebenden? Was war zuerst da – das Ei des Bolschewismus oder die Henne Faschismus? Soll das die Frage sein? Es mag die Dialektiker unter den historisch Gesinnten beschäftigen, aber heute muss jeder der Nachgeborenen in Europa auf diese Frage die Antwort selber finden. Der Schluss aus all den Aufrechnungen kann nur ein allumfassender Humanismus sein. Alles andere wäre Eskapismus, Abtauchen vor den Problemen der Menschheit.

Warum dürfen so viele sich heute auf ihre Ängste berufen? Angst vor "Überfremdung", Angst vor dem sozialen Abstieg, Angst vor den Veränderungen in der gewohnten Alltagskultur. Aus den Ängsten resultiert der ohnmächtige Zorn – und die Selbstermächtigung zur gewalttätigen Handlung. Furcht, sagt Hannah Arendt, ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern das "antipolitische Prinzip" schlechthin.

Der geringste Zwischenfall genügt nun, um das Gesellschaftsganze in Unordnung zu bringen – und tagelang herrscht, befeuert durch die Medien, das größte Durcheinander. Da muss nur ein Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt kommen, eine Messerstecherei oder eine Vergewaltigung, und der Staat, auch ein so wohlgeordneter wie der deutsche, der französische, dreht durch. Parteiführer müssen zurücktreten, Behördenleiter werden entlassen, bekannte Vertreter der Öffentlichkeit vergreifen sich im Ton, und die Demokratie wankt wie ein Schiff im Sturm.

Aber erst die Brandreden der Populisten bewirken, dass eine Menge wütender Bürger sich sammelt und nach Vergeltung schreit. Und prompt mischen sich unter die Demonstranten auch Extremisten, die nur auf die Gelegenheit gewartet haben, loszuschlagen, und all das zusammen schürt den Volkszorn.

Von da spannt sich ein Bogen zu dem, was Soziologen heute "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" nennen. Es ist einer der am wenigsten begriffenen Zusammenhänge: wie aus Sprache physische Gewalt wird. Das Bild vom Brandbeschleuniger trifft es. Rhetorik kann unmittelbar Handlungsanweisung werden. Eine Sprache, die ausgrenzt, eine Sprache übersteigerter Identitäten, eine "spalterische Sprache" (Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier) ist dafür verantwortlich, dass die Gesellschaft als Ganzes in eine Schieflage gerät. Die Affekte der Unzufriedenen vergiften das Klima der Sprache.

"Toxikologie der Rhetorik" ist ein neuer Forschungszweig, er hat die Feindbildproduktion mittels Sprache als kardinales Problem erkannt. In der Regel sind es Rechtspopulisten, Manipulateure der Volksstimmung, die sich hier austoben. An der TU Dresden, Abteilung Geistes- und Sozialwissenschaften, wurde ein Sonderforschungsbereich eingerichtet: "Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung". Phänomene der Schmähung und Herabwürdigung, der Beschämung und Bloßstellung, heißt es da, lassen sich epochen- und kulturübergreifend als Fundamentaloperationen gesellschaftlicher Kommunikation verstehen. Es sind die sozial Schwachen, die auf die noch schwächeren eindreschen. Der Arbeitslose steht nun dem syrischen Flüchtling gegenüber, die notorisch unterbezahlte Krankenschwester trifft auf den Marokkaner, der sie herausfordernd anschaut. Bei den Pegida-Veranstaltungen wird immer wieder die Rechnung aufgemacht: Um unsere Obdachlosen kümmert sich keiner, aber dem Migranten wird jede Hilfe zuteil. Und es bleibt ein Rätsel, warum solch schiefe Rhetorik zuverlässig funktioniert. Warum die Golfspieler, selbstsüchtige Unternehmer, politische Abenteurer vom Schlage eines Berlusconi, Trump oder Erdoğan, die Massen für ihre Zwecke mobilisieren können in ihrem eigensten, profitgesteuerten Interesse.

Alle berufen sich auf das Recht und die freie Rede. Über mangelnde Meinungsfreiheit klagen am lautesten die Sprachlosen, die Abgehängten. In einer entwickelten Demokratie sind freie Rede und funktionierende Rechtsstaatlichkeit die Säulen, die niemand umstürzen soll. Es sei denn, er wollte sich selbst und alle anderen unter den Trümmern begraben. Wie es schon einmal geschah. In Deutschland und anderswo.