Ein Hirsch lief zwischen den Plattenbauten des Märkischen Viertels hier in Berlin umher, vor ein paar Jahren war das. Es war Brunftzeit, und er suchte nach einem Weibchen. Der Hirsch war voller Testosteron und verlor jede Angst. Schließlich ließ er sich in einem Vorgarten unter einer Douglasie nieder. So ein wilder, schwerer Hirsch kann besonders für Autofahrer gefährlich werden, die das Tier rammen. Wenn dabei das Geweih durch die Windschutzscheibe sticht, endet es meist tödlich für den Fahrer.

Ich bin Stadtjägerin. Aber nur, wenn ich amtlich beauftragt werde. Das passiert, wenn Tiere an Orten auftauchen, wo sie nicht hingehören. Einen Waschbären im Treppenhaus oder einen Marderhund im Krankenhaus fange ich ein. Bei einer Wildsau, die es sich auf dem Mittelstreifen einer Bundesstraße gemütlich gemacht hat, muss ich allerdings entscheiden, ob ich sie vertreiben kann oder sogar erschießen muss. Manche Tiere sind verletzt oder krank, für die kann ein Schuss erlösend sein. So wie für Füchse, die Staupe haben, eine gerade für Hunde sehr ansteckende Viruserkrankung, an der sie jämmerlich eingehen.

Vor mehr als 15 Jahren habe ich im Fernsehen gesehen, wie die Polizei aus der Not heraus mit Maschinenpistolen Wildschweine erschoss. Das war total gefährlich. So kam ich darauf, den Schein für ein Narkosegewehr zu machen. Gleichzeitig holte ich mir die Erlaubnis, mit einem Jagdgewehr schießen zu dürfen. Ich muss innerhalb von Sekunden beurteilen, ob ich ein Tier betäuben kann oder den finalen Schuss abgeben muss. Das ist schwierig. Wenn die Tiere voller Adrenalin sind, so wie der Hirsch, wirken die Narkosemittel oft nicht richtig. Und ich kann nicht drei-, viermal nachdosieren. Was passiert, wenn der Hirsch plötzlich aufspringt und losrennt? Entscheide ich mich für den Anschuss, bin ich verantwortlich, wenn Schaden entsteht. Ich muss daher immer sicherstellen, dass aus einer tödlichen Kugel kein gefährlicher Abpraller wird, falls sie aus dem Wildtier wieder austritt. Hinzu kommen manchmal Anwohner, die nicht wollen, dass das Tier stirbt. Ich will das natürlich auch nicht.

Trotzdem entschied ich mich dazu, einen tödlichen Schuss auf den Hirsch abzugeben. Auch das ist für mich Tierschutz. Eigentlich arbeite ich als Tierärztin, manche Menschen finden es befremdlich, dass ich nebenbei Stadtjägerin bin. Für mich ist das aber kein Widerspruch, denn es geht mir um den Erhalt der Sicherheit – manchmal eben leider zuungunsten des Tieres.

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