Nachdem ich bei Woolrich in der Fasanenstraße meine neue, irgendwie falsch sitzende Winterjacke zurückgegeben hatte, stellte ich mich auf die andere Seite der Fasanenstraße vors Literaturhaus und wartete auf Kowalski. Es war einer von diesen nicht besonders kalten Oktobertagen, die mir deshalb so kalt vorkamen, weil eben noch Sommer war, aber ich hatte trotzdem gute Laune, denn die Leute im Woolrich-Laden waren sehr freundlich zu mir gewesen. Sie hatten mir für die Jacke einen Gutschein gegeben und gesagt, ich soll einfach wiederkommen, in zwei Wochen oder in zwei Jahren, wenn ich wirklich weiß, was ich möchte, und während ich den Gutschein eingesteckt hatte, hatte ich mich selbst ziemlich verwundert gefragt, warum es mir zurzeit offenbar mehr Spaß machte, Kleider zurückzugeben, statt sie zu kaufen.

"Das kann ich dir genau sagen", sagte Kowalski, als er ein paar Minuten später in dem schönen, leicht dunstigen Nachmittagsherbstlicht vor mir stand und ich ihn genau das fragte. "Weil du am Ende bist."

"Und wie geht es dir so zurzeit?", sagte ich lachend.

"Auch nicht viel besser", sagte er.

"Wieso?", sagte ich. "Du hast doch gerade deine neue Platte aufgenommen."

"Genau deshalb, Baby", sagte er, und dann gingen wir los, in Richtung Kurfürstendamm oder Kantstraße oder so ähnlich, denn Kowalski meinte, an einem solchen komplizierten Tag sollten wir lieber ziellos durch die Gegend laufen, statt auch noch komplizierte Pläne zu machen.

Eine Stunde später – wir hatten inzwischen im halbguten Einstein in den S-Bahn-Bögen am Savignyplatz sehr viel Espresso getrunken, und ich hatte bei Chelsea Farmers Club in der Schlüterstraße fast ein Paar viel zu dicke Lederhandschuhe gekauft, die ich irgendwann aber sowieso wieder zurückgegeben hätte – standen wir drüben in dem riesigen, kalten Laden des Taschen-Verlags und guckten uns ein Buch mit den besten Jazzplattencovern aller Zeiten an.

"Genau so soll meine neue Platte aussehen!", sagte Kowalski aufgeregt und zeigte mir das Foto des bekanntesten Art-Blakey-Albums Moanin’, auf dem Art Blakeys riesiges, unglaublich ernstes und trauriges Gesicht fast größer zu sein schien als das Cover. "Ja, genau, das will ich! Yes, baby!"

"Hast du eigentlich schon einen Titel für die Platte?"

"Verdammt, nein, immer noch nicht", sagte Kowalski, und plötzlich sah ich, dass er sehr blass war. Sogar seine schönen, großen Vampirohren waren blasser als sonst, und er war noch dünner als sonst, und mit der schwarzen Prinz-Heinrich-Mütze sah er heute nicht wie ein exzentrischer Popstar aus, sondern wie ein Friedhofsdiener.