Kein Wunder, dass Petras Welt ausgerechnet in der siebten Klasse aus den Fugen gerät. Die Hauptfigur und, wenn man so will, Patientin in diesem Buch liebt gerade Zahlen. Die ungeraden verabscheut sie vor allem, weil die sich nicht teilen lassen, ohne kaputtzugehen. Wenn Petra eine gerade Anzahl Brote isst, herrscht Gleichgewicht. Wenn sie aber beim Fußball drei Tore schießt, hat sie das Gefühl, dass etwas Blödes passieren könnte. Gleich am ersten Tag in diesem ungeraden Unglücksschuljahr mit der Nummer sieben lernt Petra dann auch die Zahl Pi kennen – und kotzt bei dem Gedanken an deren unendlichen Schwanz an Dezimalstellen erst einmal quer über den Tisch. Das bringt ihr die Bekanntschaft des Schulpsychologen und zwei nur vordergründig einfache Aufgaben ein: den Anfang von Pi auswendig zu lernen und schwimmen zu gehen.

Wie soll man es nennen, wenn ein Kind die Welt systematisch angeht? Immer genau zehnmal die Haare bürstet. Die Schuhe im Hausflur immer in eine Reihe stellt, und zwar so, dass sie sich nicht berühren. Beim Fußball immer ins Team mit der Nummer zwei kommen will. Der Schulpsychologe in der kleinen norwegischen Stadt Snekkerstad nennt es Zwang oder magisches Denken. Technische Begriffe für die Vorstellung, alles unter Kontrolle zu haben, wenn nur eine Reihe von Ritualen richtig ausgeführt werden. Man könnte es auch anders nennen: den ziemlich normalen Wahnsinn des Großwerdens.

Es ist die alte und doch immer neue Geschichte vom Loslassen der Kindheit mit allem, was sie an Sicherheit bietet, die Ingrid O. Volden in ihrem Debütroman erzählt. Die 37-jährige norwegische Autorin braucht nicht viel Raum, nur wenige kurze Kapitel, um ihre liebenswürdige Heldin lebendig werden zu lassen: ein zwölfjähriges Mädchen, auf dem Weg irgendwo in Richtung Jugend, das sich selbst ein paar Regeln gesetzt hat, um all dem Ungewissen, das da kommt, zu begegnen.

Eine dieser Regeln ist, nicht ins Wasser zu gehen, denn wenn man mit dem Kopf untertaucht, passiert es mir nichts, dir nichts, dass man keine Luft mehr bekommt. Und dann bleibt das Herz stehen. Das bedrohlich anmutende Wasser und die Unendlichkeit der Zahl Pi sind natürlich Symbole für das lebensgefährliche Leben, das Petra bevorsteht. Und es ist eine so simple wie großartige Idee der Autorin, ihre Heldin mit ihrer Pubertät einfach mal zum Psychologen zu schicken. Der hilft Petra zwar mit seinen Aufgaben, sich der Welt zu stellen, aber gleichzeitig kommentiert Petra dessen – und unsere – Vorstellung von Normalität mit Charme und bissigem Witz: "In Amerika haben sie die CIA, hier in Snekkerstad haben wir den PP-Dienst. Der passt auf, dass niemand stiehlt, stottert oder zu viel herumzappelt."

Da wird Petra lieber zur Geheimagentin in eigener Sache. Sie legt ein Heft an, in dem sie alle ihre vom PP-Dienst erteilten Aufträge notiert: die ersten Nachkommastellen von Pi büffeln, sie macht das immer in Abschnitten mit einer geraden Anzahl von Ziffern. Sich ans Wasser herantrauen. Bald stellt sie sich auch selbst Aufgaben. Die schwierigste: dem Bruder ihrer besten Freundin helfen, den Ärmelkanal zu überqueren. Melika und ihre Familie sind vor dem Krieg in einem anderen Land geflohen, ihr Bruder Javid hatte sich schon vorher allein auf den Weg gemacht. Seither versucht er, zu seiner Familie nach Norwegen zu gelangen, von unterwegs schreibt er Karten an seine Schwester.

Just zu der Zeit, als Petra ausgerechnet im Schwimmbad einen Jungen kennenlernt, in den sie sich verliebt und der ihr nach und nach die Angst vor dem Wasser nimmt, erfährt sie, dass Melikas Bruder versuchen will, den Ärmelkanal zwischen Calais und Dover zu durchschwimmen. Doch Javid scheitert – obwohl Petra alle Macht ihrer Rituale bündelt. Nur mit Haarebürsten und Brötchenessen kann sie Javid nicht helfen. Sie muss wirklich etwas tun.

Die Autorin konstruiert mit der zweiten Ebene ihrer Geschichte klug einen verstörenden Kontrast: hier das Mädchen aus Europa, dessen Name so viel wie Stein bedeutet und das dennoch im Leben niemals untergehen wird. Dort der Junge aus dem Nahen Osten, dessen Name mit Ewigkeit übersetzt wird und der schwimmen kann, aber trotzdem nicht ans rettende Ufer gelangt. Diese unendliche Ungerechtigkeit ist tatsächlich furchteinflößend, nicht nur dann, wenn man gerade erwachsen wird.

Die große Stärke dieses kleinen Romans liegt darin, mit wenigen Federstrichen das Grundsätzliche, ja Philosophische zu skizzieren: Jedes Kind hat das gleiche Recht auf ein Aufwachsen in Sicherheit, nicht jedes aber hat dabei die gleichen Voraussetzungen und das Glück auf seiner Seite. Glück ist bei Ingrid O. Volden, was vielen mitunter langweilig und eintönig vorkommen mag, die Geborgenheit einer Kleinstadt wie Snekkerstad – auch wenn es keinen Vater gibt und die Mutter oft nicht zu Hause ist, weil sie Geld verdienen muss. Voller Wärme schildert Volden das Heranwachsen ihrer Heldin zwischen Schule, Schwimmbad und Kinderzimmer. Die Konfrontation mit der ganzen Härte der Welt kann Petra nur meistern, weil sie sich auf die Menschen in ihrer nächsten Umgebung verlassen kann.

Für die Rettungsaktion, die das Mädchen schließlich organisiert und die Javid nach Norwegen bringen soll, greifen dann auch alle Rädchen im beschaulichen Snekkerstad ineinander – und so ganz mag man an dieses Happy End für Javid nicht glauben. Andererseits: In einer Welt, in der die Herkunft über die Zukunft entscheidet, kann ein wenig magisches Denken nicht schaden.

Ingrid O. Volden: Unendlich mal unendlich mal mehr Deutsch von Nora Pröfrock; Thienemann Verlag 2018; 176 S., 12,99 €; ab 11 Jahren