Die reiche Kultur Äthiopiens verschwindet allzu oft hinter den Schreckensmeldungen über Dürreperioden, Hungerkatastrophen und Bürgerkriegen. Als ich das Land mit meiner Kamera zum ersten Mal bereiste, spürte ich bald, dass unsere westliche Perspektive vorrangig die entwicklungspolitischen Probleme in den Blick nimmt. Doch mit der Archaik dieses uralten Landes hat sich eine Spiritualität erhalten, die uns etwas über die Anfänge der Christenheit lehren kann. Die Ursprungslegende zeugt bereits davon: Es war die Königin von Saba, Makeda, die mit dem weisen Salomo in Jerusalem den gemeinsamen Sohn Menelik zeugte, den Stammvater der äthiopischen Könige. Dieser habe später die Bundeslade mit den mosaischen Gesetzestafeln aus Jerusalem nach Äthiopien gerettet. Mehr als 700 Jahre lang, von 1270 bis 1975, baute die Königsdynastie der Salomoniden ihre Herrschaft auf diesem Gründungsmythos auf.

Die Pilger nutzen Abkürzungen auf alten Pfaden, auch wenn sie beschwerlicher sind. © Florian Rainer/Anzenberger Agency

Zum Jahreswechsel 2015/16 schloss ich mich für drei Tage über eine Strecke von 100 Kilometern Pilgern auf der Straße aus der Richtung der Stadt Aksum kommend an. Ihr Ziel: die Stadt Lalibela. Sie ist nach jenem König benannt, der die Vision hatte, auf der heute die äthiopische Orthodoxie aufbaut. Als 1187 Jerusalem in die Hände Saladins, des islamischen Eroberers, fiel und der Weg ins Heilige Land für die äthiopischen Christen dadurch versperrt war, errichtete Lalibela ein afrikanisches Jerusalem mit elf monolithischen Kirchen, das die Gläubigen ungefährdet erreichen konnten.

800 Jahre später zieht die Stadt jährlich Hunderttausende an. Sie pilgern in kleinen Gruppen von zwei bis zehn Personen an die 1.000 Kilometer – bei einem Tagespensum von etwa 40 Kilometern brauchen sie dafür vier Wochen. Ihr Weg, den sie mit Badeschuhen in den buntesten Farben bewältigen, führt sie über das äthiopische Hochland, über Stock und Stein. Übernachtet wird im Freien unter Zeltbahnen oder als Gäste auf den gestampften Lehmböden in den Wohnzimmern der Landbevölkerung. Die Aufnahmebereitschaft für die Wanderer ist groß, gilt das Beherbergen und Beköstigen doch genauso viel bei der Absolution für das Seelenheil wie das Pilgern selbst.

In Äthiopien wird wie in den meisten orthodoxen Kirchen das Weihnachtsfest am 6. und 7. Januar begangen. Eine vorweihnachtliche Pilgerreise ist, ähnlich wie für fromme Muslime die Reise nach Mekka, ein Traum, den sich jeder äthiopische Christ einmal in seinem Leben erfüllen möchte. Aber auch das Jahr über gibt es, wenn auch nicht in dieser Dichte, Pilger. Sie wandeln auf den uralten Wegen sternförmig auf Lalibela zu.

Die Weiler, die sie passieren, gleichen einander: Lehmhäuser mit Wellblechdächern. Als ich mit ihnen ging, war die Straße noch unbefestigt, bei Regen verwandelt sie sich schon mal in Morast, doch die Pilger wandern in der Trockenzeit, wenn sie auf den Feldern ohnehin nichts bestellen können. Es gibt kaum Verkehr auf diesen Straßen, die inzwischen im ganzen Land unter chinesischer Bauaufsicht erneuert oder neu gebaut werden.

Eine Frau bereitet das klassische Sauerteigbrot aus Körnern und Wasser vor. Askese ist angesagt. © Florian Rainer/Anzenberger Agency

Für die äthiopischen Christen ist das Pilgern ein Bußgang – ihre Kleidung aus einfachem Leinen, die auf der strapaziösen Reise und im Staub der Straßen immer mehr zu Lumpen wird, versinnbildlicht Jesus als Bettler. Außer Körnern, Wasser und kreisrunden traditionellen Brotfladen nehmen sie nichts zu sich – striktes Fasten gehört zum Pilgern dazu.

Eine Dorfbewohnerin schenkt den Pilgern eine Art Bier aus. Das Gebräu aus vergorenem Getreide ist eine traditionelle Fastenspeise. © Florian Rainer/Anzenberger Agency

Die Herbergsmutter Assafah lässt Pilger in ihrem Haus übernachten. Sie spendet Verpflegung und bietet Obdach und kann inzwischen genau unterscheiden, woher die Wanderer im Namen des Herrn kommen. Sie tragen verschiedene Farbkombinationen unter ihren weißen Tüchern.